10.03.2015   von rowohlt

Liebe als Beziehungsökonomie

«Das lamentierende Stakkato von Thomas Bernhard, die Schärfe von Elfriede Jelinek» (Tages-Anzeiger)

© Pamela Rußmann
© Pamela Rußmann

Gestern noch Modedesignerin mit Atelier und schickem Shop in bester Wiener Innenstadtlage, jetzt gestrandet in einem ärmlichen, von der Tante geerbten Haus irgendwo in den Voralpen. Marian Malin hat alles verloren, was man nur verlieren kann. Die Wirtschaftskrise und eigenes Missmanagement haben sie ruiniert. Tiefer abwärts geht nicht. Jetzt, ausgespuckt aus ihrem alten Leben, möchte Marian nur noch eines: Ruhe finden, vergessen. Und herausfinden, was das Leben für sie noch bereithält … Doris Knechts «Wald» ist Krisenroman, Absturzroman und Emanzipationsroman in einem. Geschrieben in einer lakonisch-präzisen, griffigen Sprache, mit Sequenzen, deren Tonfall einen hypnotischen Sog erzeugen.


Dass die brillante Kolumnistin Doris Knecht auch auf der Langdistanz zu brillieren weiß, stellte die gebürtige Voralbergerin in ihren Romanen «Gruber geht» und «Besser» eindrucksvoll unter Beweis. Ihr Roman «Wald» bricht «aus der Schicki-Micki-Welt der ‹Bourgeois Bohemians» (ORF Hörfunk «Ex Libris») ihrer früheren Bücher und der Kolumnen aus – ein großer Wurf.

«Sie war hier. Hier war sie. So war es jetzt»

Dass sie einmal ein Leben als Selbstversorgerin fristen würde, die jagt, fischt, pflanzt, einkocht, Gemüse klaut und wie die sprichwörtliche wilde Frau aus dem Märchen haust, das war in Marians Karriereplan nicht vorgesehen. Ein Leben von der Hand in den Mund, das ist schon ein brutaler Absturz nach ihrem Wiener Luxusdasein, mit Shiatsu-Masseur, Designermöbeln, Gärtner für die Dachterrasse, all den Accessoires einer materiell unbeschwerten urbanen Existenz. «Es war schon ein prächtiges, sattes Leben gewesen, früher.»


Und dann: alles vorbei, Party war gestern. Die Wirtschaftskrise und ihre eigene Arroganz haben Marian ruiniert. Kompletter Systemabsturz, Totalausfall. Verhandlungen mit Banken, Freunden, Gläubigern, Verwandten, Kopfschütteln, Bedauern, Mitgefühl: null Chancen, wieder auf die Beine zu kommen. Atelier gekündigt, Shop weg, Wohnung weg, Marke kaputt, Besitztümer gepfändet.


«Nach dem Kämpfen, dem Weinen, der Panik, nach dem Hoffen und Betteln, nach dem Strampeln und Nicht-wahrhaben-Wollen und dem Nichtaufgeben: Endlich verlieren dürfen. Doch aufgeben können. Endlich nicht mehr tapfer sein müssen. Endlich loslassen können, abrutschen, abgleiten: fallen. Sie war gefallen, und dort, wo sie schließlich aufgeprallt war, tat Milch nicht weh und schmeckte Kaffee auch, wenn es kein nicaraguanischer, von glücklichen Bauern handgepflückter Biokaffee war …»


Allein im Haus ihrer Tante am Dorfrand, stemmt sie sich gegen den Untergang. Die Flaschen mit selbstgebranntem Schnaps, die sie im Keller findet, helfen ihr, wenn nichts anderes mehr hilft. Helfen gegen viehische Winterkälte, gegen Verzweiflung, Einsamkeit, Zahnschmerzen. Und Marian lernt, was sie zum Überleben braucht: Gärtnern, Jagen, Fischen, Einmachen, Improvisieren. Vor allem eines begreift sie: «Dass man gar nicht so viel braucht zum Überleben, auch wenn das Überleben, das reine-Nicht-Sterben auf diese Weise unheimlich und brutal und sehr schmerzhaft sein kann.»

Die Männer: Liam. Oliver. Bruno. Franz.

Allzu viel Glück hat sie nicht mit ihren Männern gehabt, vielleicht mit Ausnahme von Liam, Kims Vater, der die gemeinsame Tochter in England aufgezogen hat. Mit Oliver hätte es weitergehen können: ein Architekt,  ein präsentabler Mann mit ernsthaften Heiratsabsichten. Schöne Wohnung, gepflegte Essen, gute Weine, regelmäßiger Sex. Nicht aufregend, aber immerhin solide. Wie gesagt: hätte weitergehen können. Wäre nicht Marians Existenz als Modedesignerin den Bach runtergegangen. Und hätte sie nicht an jenem Abend in der Loos-Bar Bruno aufgerissen, den schönen, blitzgescheiten, kalten Uniphilosophen. Sie mit ihren knallroten Yves-Saint-Laurent-Lacksandalen, hungrig auf Abenteuer, gierig nach Sex – ein paar Gin Tonics später nahm das Verhängnis seinen Lauf.


«Das hatte Bruno ja auch gut gekonnt. Sie, wie man so sagte, bei der Stange halten, aber dabei nie ganz heranlassen. Sie mit Häppchen füttern, vielen Häppchen, Zuneigungshäppchen und Interessehäppchen und Häppchen von Foucault, Derrida und Chomsky, mit ganz kleinen Brocken vom großen Wir und ein paar Bröseln Zukunft, gerade immer so viel, dass sie davon nie satt wurde.»


Am Ende dann: Franz. Mit Franz ist alles anders. In ihrem Wiener Leben wäre er niemals eine «amouröse Möglichkeit» gewesen. Zu alt, zu stämmig, zu grob, zu konservativ, zu begütert, zu katholisch, zu anders. In ihrem neuen Leben, in dem armseligen Häuschen in the middle of nowhere, ist Franz die Rettung. Er kümmert sich, er bietet Schutz, er hält sie am Leben. Milch, Kaffee, Wein, Wollpullover, nie kommt er, ohne irgendetwas mitzubringen. Manchmal fährt ein Bauer vor, mit einem Anhänger voll Hart- und Weichholz. Dafür nimmt Franz sich, was ihm zusteht: Marians Körper. Das ist keine geheime Liaison, alle im Dorf wissen Bescheid, man redet nicht darüber, irgendwer hat ihr ein verächtliches «HUR» an die Hauswand geschrieben. Macht nix, sagt Franz, wen kümmert das schon, «ist nur ein Geschmier».

Ist nicht alles Beziehungsökonomie?

Zu Knechts großen Stärken gehört es, ihre Romane «stark» enden zu lassen: glaubwürdig, nachvollziehbar. Kein kitschiges Happy End,  aber auch keine finale dramatisch-pathetische Zuspitzung. Doris Knecht bleibt immer ganz nah dran an ihren Figuren, Idealisieren und Romantisieren ist ihre Sache nicht. Im Interview mit dem «Standard» geht sie auf den Warencharakter der Liebe, der Liebesbeziehungen ein:


«Ich fand es spannend zu erzählen, welche Währungen einer Frau bleiben, wenn nichts mehr da ist. Wenn man sich aber diese Art von Beziehung genauer anschaut, merkt man, dass der Unterschied zu den üblichen Beziehungen gar nicht so groß ist. Am Ende geht es immer darum: Was hast du mir zu geben? Und was gebe ich dir? Beziehungsökonomie spielt immer eine Rolle.»

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