Ausgezeichnet

Überleben in Ruinen

Harald Jähners «Wolfszeit» erhält den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2019

Harald Jähner

 Zerstörte Städte, ausgelöschte Dörfer. Trümmerberge, Kriegsversehrte, traumatisierte Flüchtlinge, Schwarzmarktszenen – das ist die eine Seite. «Diese wenigen Bilder sind visuell so stark, dass sie wie ein immergleicher Stummfilm die öffentliche Erinnerung an die ersten Nachkriegsjahre strukturieren. Dabei fällt das halbe Leben unter den Tisch.» Von diesem anderen Leben berichtet der Kulturjournalist und langjährige Feuilletonchef der Berliner Zeitung in «Wolfszeit»: die erste große Mentalitätsgeschichte der deutschen Nachtkriegszeit – dramaturgisch brillant, fesselnd erzählt. Vor unseren Augen entsteht das gesellschaftliche Panorama eines Jahrzehnts, das entscheidend war für die Deutschen – und das in vielem so ganz anders, als wir glauben.

Stimmen zu «Wolfszeit»

 

Jurybegründung Preis der Leipziger Buchmesse: «Harald Jähner beleuchtet die deutsche Nachkriegsgeschichte neu ... Selten hat ein Sachbuch Anschaulichkeit, dramaturgisches Gespür und Eloquenz so gekonnt in sich vereint. Wer dachte, über die Nachkriegszeit schon alles gewusst zu haben, wird hier noch fündig werden.»
Welt am Sonntag: «Hätte man dieses Buch doch als Schullektüre gehabt! Der Geschichtsunterricht wäre der Stern im Stundenplan gewesen. Man verschlingt es wie einen Roman.» 
Süddeutsche Zeitung: «Als Stimmungsbild der Nachkriegsgesellschaft ist dies ein grandios verfasstes Buch. Die starken Formulierungen und zugespitzten Beobachtungen unterscheiden es von anderen Büchern. Um Jüngeren die chaotische Welt nach 1945 zu verdeutlichen, ist dies ein großartiges Lesebuch.»
Deutschlandfunk Kultur: «Ein begabter, ja ein begnadeter Erzähler ... Zu den faszinierendsten Aspekten des Buches zählt, dass sich zuweilen gerade die größten Herausforderungen der Zeit als Glücksfälle der späteren Entwicklung erwiesen ... Mit enormer Eloquenz und großem dramaturgischen Gespür formt der Autor diesen Geschichtsstoff zu einer ungemein fesselnden Erzählung.»
Frankfurter Neue Presse: «Ein aufregendes, bewegendes Panorama ... Brillant ist die Darstellung, anschaulich und farbig Jähners Sprache.»
Welt am Sonntag kompakt: «Harald Jähner beschreibt den Alltag und das Gefühlsleben nach dem Krieg so spannend und bildreich, dass man das Buch verschlingt wie einen Roman.» 
BILD: «Ein Stück deutsche Geschichte, das Jähner in eine dramaturgisch brillant geschriebene und fesselnde Erzählung kleidet.»

«Hätte man dieses Buch doch als Schullektüre gehabt ...»

 

Nach der Kapitulation der Hitler-Armeen 1945 war Deutschland politisch, wirtschaftlich und moralisch bankrott. Politisch war die junge Bundesrepublik «ein einziger Skandal», wie Willi Winkler in seiner Studie «Das braune Netz» (Rowohlt Berlin, 2019) schreibt. Aktive Nazis und Nazi-Mitläufer im Bundestag und den Länderparlamenten, in den Behörden, Gerichten, Universitäten und Schulen, bei den Sicherheitskräften, in der Medizin und in den Medien. Harald Jähners preisgekrönte Studie richtet ihren Fokus auf etwas anderes: auf den Alltag, den Überlebenskampf der einfachen Leute. Denn «die wichtigsten Veränderungen spielten sich Alltag ab, im Organisieren des Essens zum Beispiel, im Plündern, Tauschen, Einkaufen. Auch in der Liebe.»


Wer glaubt, wir lebten heute in hochkomplizierten, hochkomplexen Verhältnissen, der sollte dieses Buch lesen. Gegen das, was die Menschen damals gesellschaftlich zu bewältigen hatten, sind die heutigen Zustände von einer geradezu paradiesischen Unbeschwertheit. Kann man sich eigentlich vorstellen, was das bedeutet – 500 Millionen Kubikmeter Trümmer? Kann man! Stellen Sie sich einen 30 Meter breiten und 5 Meter hohen Wall von Berlin bis Köln vor – das war Deutschland 1945. 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die in ein kaputtes Land strömten, beargwöhnt, verachtet, verhasst – das war Deutschland 1945. Man konnte mit einigem Selbstbewusstsein Rheinländer, Friese oder Bayer sein – das ja, aber Schlesier, Pommer oder Bessarabiendeutscher?

«Das Elend ist nicht zu verstehen ohne die Lust, die es hervorbringt»

 

Zu den aufschlussreichsten Kapiteln zählt das mit dem knappen Titel «Tanzwut». Vermutlich ahnen wir nicht einmal, wie exzessiv unmittelbar nach Kriegsende gelebt und geliebt wurde – in jener «Wolfszeit», als jeder sich selbst der Nächste war. «Alles sprach von Hunger nach Sinn (...) Man klaute Sinn, wie man Kartoffeln klaute.»


Todesnähe gebiert wilde Lebenslust – selten zeigte sich so exzessiv wie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Bewusstsein, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein, entwickelte sich in der Anarchie des Neuanfangs eine geradezu bizarr anmutende Vergnügungssucht. Beispielhaft dafür die Auskunft eines jungen Münchners: «Ich ging monatelang jeden Abend zum Tanzen, obwohl es selbstverständlich keinen Alkohol und nichts zu essen gab. Es gab nur ein saures Getränk, Molke genannt. Ich und alle anderen Tanzwütigen haben sich jeden Abend so amüsiert, waren so fröhlich wie später trotz Abendessen und Alkohol selten.»


«Wer tanzen konnte, tanzte. (...) Die Partys der Nachkriegszeit waren keine Tänze auf einem sinkenden Schiff, sondern auf einem gesunkenen. Komischerweise lebte man noch.» Der Holocaust spielte, so Jähner, «im Bewusstsein der meisten Deutschen eine schockierend geringe Rolle». Die «Re-educaton to democracy»-Programme der Alliierten reichten bei weitem nicht aus, um bei den «Einwohnern von Trizonesien» die ideologischen Überreste des «Tausendjährigen Reichs» aus den Köpfen und Herzen herauszustanzen. (Dabei machte Alfred Döblin, Autor des Jahrhundertromans «Berlin Alexanderplatz», als Kulturoffizier der französischen Armee in Baden-Baden derart demoralisierende Erfahrungen, dass er als jüdischer Intellektueller ein zweites Mal vor den Deutschen floh.) Erst der Auschwitz-Prozess 1963 leitete ein Umdenken ein – etwas, das weder Anne Franks «Tagebuch» noch Eugen Kogons «SS-Staat» vorher zu bewirken vermochten.

«Das Vergessen war die Utopie der Stunde»

 

In zehn spannenden, mitreißend geschriebenen Kapiteln entwirft Jähner das facettenreiche Bild einer Zeit des dramatischen Wandels. Die Stunde Null: so viel Ende, so viel Anfang. Die Enttrümmerung eines ganzen Landes. Die ungeheuren Wanderbewegungen mit Abermillionen von Menschen, die in das neue Gemeinwesen integriert werden mussten (hallo AfD: unbedingt lesen!). Tanzwut und Vergnügungssucht. «Liebe 47»: krasse Veränderungen im Verhältnis zwischen Frauen und Männern – Selbstbewusstsein und sexueller Wagemut passen sich den wilden Zeiten an («In den Kriegsjahren hatten die Frauen erfahren, dass eine Großstadt auch ohne Männer betrieben werden kann»).


Deutschland, einig Volk von Mundräubern: Rationieren, Fringsen, Schwarzhandeln (Heinrich Böll: «Wer nicht fror, klaute. Jeder hätte jeden mit Recht des Diebstahls bezichtigen können»). Die Geburt der «Generation Käfer»: Währungsreform («ökonomischer Urknall der Bundesrepublik») und Wolfsburg-Exkurs (VW-Stadt). Die Umerzieher: re-education to democracy, ein Mammutprojekt. Der Kalte Krieg der Kunst und das Design der Demokratie: von Abstrakter Kunst, Wandertheatern und dem Nierentisch als «Symbol entnazifizierten Wohnens». Der Klang der Verdrängung: das «beredte Verschweigen der eigenen Schuld».


«Als Stimmungsbild der Nachkriegsgesellschaft ist dies ein grandios verfasstes Buch. Die starken Formulierungen und zugespitzten Beobachtungen unterscheiden es von anderen Büchern. Um Jüngeren die chaotische Welt nach 1945 zu verdeutlichen, ist dies ein großartiges Lesebuch.» (Süddeutsche Zeitung)

Wolfszeit

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019
Harald Jähners große Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit zeigt die Deutschen in ihrer ganzen Vielfalt: etwa den „Umerzieher“ Alfred Döblin, der das Vertrauen seiner Landsleute zu gewinnen suchte, oder Beate Uhse, die mit ihrem „Versandgeschäft für Ehehygiene“ alle Vorstellungen von Sittlichkeit infrage stellte; aber auch die namenlosen Schwarzmarkthändler, in den Taschen die mythisch aufgeladenen Lucky Strikes, oder die stilsicheren Hausfrauen am nicht weniger symbolhaften Nierentisch der anbrechenden Fünfziger. Das gesellschaftliche Panorama eines Jahrzehnts, das entscheidend war für die Deutschen und in vielem ganz anders, als wir oft glauben.

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