28.02.2017   von rowohlt

Ledig, ein Mann mit vielen Gesichtern

Peter Rühmkorf über seine Zeit als Lektor

© Peter Rühmkorf
© Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf kam mit nicht einmal dreißig Jahren zu Rowohlt, Ende der fünfziger Jahre. Lektor Wolfgang Weyrauch war auf den jungen Mann aufmerksam geworden, der unter dem Pseudonym «Leslie Meier» seinen – nomen est omen – «Lyrik-Schlachthof» inszenierte. «Irdisches Vergnügen in G» war der erste Gedichtband Rühmkorfs, der bei Rowohlt erschien. Aber der gebürtige Dortmunder war dem Verlag nicht nur als Autor verbunden, sondern auch als Lektor: von 1958 bis 1963 und noch einmal 1967/68. 

«Der Alte» und sein «Herr Ledig»


«Werde oft gefragt, ob ich den alten Rowohlt noch lebend erlebt hätte. Ja, sicher, aber eigentlich nur von ferne. Er residierte, als ich in den Verlag eintrat, in einem mächtigen Bürgerbücherzimmer, fast Staat im Staate, aß aber schon seit langem kein Glas mehr und widmete sich neben eigenwilligen Repräsentationsaufgaben («Demokratischer Kulturbund») nur noch den alten Freunden, Ernst von Salomon, Walther Kiaulehn, die haben ihre eigenen Geschichten. 


Dagegen Ledig! Er hatte mich als Leslie Meier irgendwo auf dem Papier entdeckt und begann, wie mir schien, auch etwas auf den Lektor R. zu hören. Bis ich die Erfahrung machte, er hatte sehr viele Ohren, die drehte er in alle Himmelsrichtungen, da saßen aber viele Windmacher, und die bliesen ihm den Verlag erst zu einer wunderbaren imperialen Seifenblase auf und dann fast auseinander. 


Er hatte auch viele Gesichter. Zum Beispiel dies: Er liebte wirklich und nicht nur von Geschäfts wegen die Dichter, vor allem die, die er nicht kriegen konnte, und diese sentimentalische Passion trieb ihn häufiger als man ahnt zu alkoholischen Exzessen weit über die Rentabilitätsgrenze hinaus. Wo all die anderen, Piper, Unseld, sehr genau wußten, wann Geschäftsschluß war und wo der Leberschaden begann, ließ er sich erst richtig in Unendlichkeitsgespräche verwickeln. 

Pirouetten eines Hochseilkünstlers


Wo andere längst verstohlen auf den Terminkalender geblickt hatten, wo auch der Aufbruch von überschäumenden Festen seinen Fixpunkt hatte, ging er – endlich mit der Geisterwelt allein! – geradezu befreit zu Boden, um von dort aus weiter zu räsonieren. Im Gegensatz zu seinen Vertragskünstlern allerdings, denen am nächsten Tag die Luft von gestern fehlte, den Honorarforderungen den rechten leichten Aufwind zu verleihen, der Kasse macht, betrat er, in einem er­schrecken­den Maße voll verhandlungsfähig, das Hochseil der Finanzakrobatik und drehte seine Pirouetten. 


Bei Vertragsverhandlungen, bei schwebenden Buchabschlüssen – praktisch immer wo Kapital- und Schreibkraft zusammenstießen – vermochte er so perfekt Tragödie zu spielen, daß sich der knurrende Magen eines Lohnschreibers daneben wie eine sinister kunstlose Privatangelegenheit ausnahm.»


Aus: Peter Rühmkorf, Die Jahre, die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen (1972). 


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