28.06.2016   von rowohlt

«Leben heißt, auf Zehenspitzen über Landminen gehen»

«Siri Hustvedts Künstlerroman ist ein bestechendes Abbild unserer komplexen Gegenwart.» (NDR Kultur)

© Pieter M. van Hattem/Getty Images
© Pieter M. van Hattem/Getty Images

Nach dem Tod des New Yorker Kunsthändlers Felix Lord startet seine Witwe Harriet Burden ein radikales Experiment. Weil Künstlerinnen in der auf allen Ebenen von Männern dominierten Kunstwelt nur zweite Wahl sind, wählt Harriet einen Guerillaweg zu Respekt und Anerkennung: Sie findet drei junge Künstler, die Harriets Installationen als ihre eigenen ausgeben – mit riesigem Erfolg, die Kunstszene steht Kopf. Als Rune, einer der drei «Maskenmänner», sich entschließt, den feministischen Coup zu sabotieren und ihr Werk als sein Werk auszugeben, stürzt Harry in eine Existenzkrise … «Die gleißende Welt» ist ein aufregender Roman: raffiniert in der Konstruktion, klar und unerbittlich in der Sache.


NDR Kultur: «Je weiter man ins Innere dieser Geschichte vorstößt, desto aufregender wird sie.»
Deutschlandradio Kultur: «Erzählt in suggestiven Bildern, so packend wie ein Psychothriller.»
The New York Times Book Review: «Selten trifft man auf eine Heldin, die so großspurig, egomanisch, lustvoll, zartbesaitet und mutig ist.»

Verschwörung und Gegenverschwörung

«Felix entdeckte mich, als ich an einem späten Samstag in seiner Galerie in SoHo stand … Ich war sechsundzwanzig. Er achtundvierzig. Er war reich. Ich war arm. Er sagte mir, meine Haare sähen aus wie die von einer, die eine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl überlebt hat, und ich sollte etwas dagegen tun. Es war Liebe.» Eine Liebe, der auch Felix' gut gehütetes Geheimnis nach seiner Enttarnung nichts anzuhaben schien …


Schon als Teenager war Harriet nicht zu übersehen. Als erwachsene Frau ist sie es erst recht nicht: 1,85 Meter, «groß wie ein Turm», eine walkürenhafte Erscheinung; kein Wunder, dass ihr Vater sie Harry und nicht Harriet nannte. An der Seite ihres Mannes Felix – des berühmten Kunsthändlers, des einflussreichen Sammlers und Kritikers – ist sie nie über die Rolle der charmanten Gastgeberin, der klugen Stichwortgeberin hinausgelangt. Jetzt, nach seinem plötzlichen Infarkttod, bricht Harriet aus der vorgegebenen Rolle aus. Weshalb keine «Gegenverschwörung», fragt sie sich. 


Endlich die Anerkennung erhalten, die ihr aufgrund der eigenen künstlerischen Arbeit zusteht! «Ich begriff, dass meine Freiheit gekommen war. Es gab nichts und niemanden, der mir im Weg stand, außer der Bürde, Burden zu sein … Ich war die Herrscherin über mein kleines Leben in Brooklyn, eine reiche Witwe, die sich nicht mehr um Babys, Kleinkinder und Teenager kümmern musste, und mein Gehirn war randvoll mit Ideen.»


Wäre sie als Mann auf die Welt gekommen, davon ist Harriet überzeugt, sie wäre mit ihren Totems, Fetischen, Puppen und Rauminstallationen eine Berühmtheit in der Kunstszene. «Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.» 

«Ich bin eine Oper. Ein Aufruhr. Eine Bedrohung»

Drei Männer, drei Masken, drei Ausstellungen. Der Titel des Decknamen-Projekts: «Maskierungen». Anton Tish:  Die Geschichte der Kunst des Westens, Clark Gallery (1999), ; Phineas Q. Eldridge: Die Erstickungsräume, Begley Gallery (2002); Rune: Darunter, Grace Gallery (2003). 


Was treibt Harriet zu dieser Aktion? Neid, verletzter Stolz, das Bedürfnis nach Rache für das systematische, jahrzehntelange Übersehenwerden als Künstlerin neben dem übermächtigen Mann an ihrer Seite – das mehr als alles andere. Und: ihr Alter. Harriet ist 62, allzu viel Zeit, aus dem Schatten ins Licht zu treten, bleibt ihr nicht. Dass sie eine tödliche Krankheit in sich trägt, weiß sie in den Jahren der Arbeit an den «poetisierten Persönlichkeiten» noch nicht.


Der «Maskenball» erweist sich als Vabanquespiel mit faustischen Zügen. Eine von Harriets «Masken», Anton Tish, zerbricht beinahe an dem frischen Ruhm (und verschwindet aus New York und der Kunstszene). Phineas Q. Eldridge, der schwule Performancekünstler, nimmt den Hype um die Erstickungsräume mit Spaß und Lässigkeit. Maske Nummer 3 aber, Rune (vormals Rune Larsen), lässt Harriet ins offene Messer laufen – und versetzt dem Großprojekt der «feministischen Kriegerin» den Todesstoß. Er reklamiert ihr Werk als sein Werk und unterstellt «Mrs. Felix Lord» Hysterie und psychische Zerrüttung. Killing her softly!

«Leben heißt, auf Zehenspitzen über Landminen zu gehen»

Der Titel von Hustvedts Romans verweist auf eine reale Figur: auf Margaret Cavendish, Herzogin von Newcastle, eine «Monstrosität des 17. Jahrhunderts»: eine weibliche Intellektuelle, Verfasserin von Stücken, Liebesromanen, Gedichten, Naturphilosophie und eines utopischen Romans, «Die gleißende Welt»: eine Provokateurin, ein freier Geist, eine Träumerin. 


Keine Überraschung, dass dieser Roman polarisiert. Man kennt das: Die einen lieben Siri Hustvedt, die anderen empfinden sie als verkopft, hyperintellektuell. Sie neige dazu, ihr stupendes Wissen aus den unterschiedlichsten Humanwissenschaften (mit all den Anspielungen, Bezügen, Quellen, Fußnoten) in ihren Romanen unterzubringen. Auf eine banale Formel gebracht: «Hustvedt dreht am Rad. Sie zeigt, was sie draufhat. Alles sehr clever», heißt es in einer Besprechung.


Hustvedt zeigt tatsächlich, was sie «draufhat». Weil es ihr gelingt, die literarischen, philosophischen und kunsttheoretischen Ex- und Diskurse perfekt in ihrem Roman zu verweben, indem sie die Geschichte, Harriets Kreuzzug für Respekt und Anerkennung als Künstlerin, in den Stimmen vieler anderer Protagonisten spiegelt. Harriets Kinder Maisie und Ethan, ihr Lebensgefährte Bruno Kleinfeld, ihre Freunde, Kritiker und Mitverschwörer, sie alle kommen zu Wort. Das verleiht dem Roman Drive, Wucht und eine Stringenz, der man sich schwer entziehen kann. Das ist sehr clever – und irgendwie sehr gut.

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