21.11.2017   von rowohlt

Latein ist nicht nützlich. Latein ist schön!

«Musae quae pedibus magnum pulsatis Olympum…» Tote Sprache Latein? Von wegen!

© iStockphoto.com
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Als Kind dachte er, seine Mutter spräche perfekt Latein, weil er sie Ave Maria und Pater Noster beten hörte. Erst viel später hat sie ihm gebeichtet, dass sie sonst kein Wort Latein kann. Nicola Gardini, Professor für Italienisch und Vergleichende Literaturwissenschaften in Oxford, beschreibt seinen Zugang zur lateinischen Literatur als persönliches Erweckungserlebnis, das ihm schon früh eine neue Welt erschlossen hat. Sein unterhaltsames Buch liefert kein verzweifeltes Plädoyer für das Schulfach Latein und die Bedeutung seiner Grammatik. Gardini zeigt vielmehr, dass wir nie aufgehört haben, Latein zu sprechen. Dass wir unsere Gegenwart kulturell und literarisch nur verstehen können, wenn wir wissen, wo wir herkommen: «Ohne Latein wäre unsere Welt eine völlig andere.».

Von der Schönheit einer nutzlosen Sprache


Alle, die Lateinunterricht in ihrer Gymnasialzeit erlebt haben, werden sich erinnern: Monatelang, jahrelang haben wir Endungen gebüffelt, Konjugationen, Deklinationen, Fälle – vom Nominativ bis zum Ablativ. Außerdem endlose Listen von Ausnahmen. Viel Kampf, viel Krampf. Auf dem Lehrplan standen der Bericht des römischen Imperators Julius Caesar über den Gallischen Krieg («De bello gallico»), berühmte Reden des Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero, den wir klassisch «Kikero» aussprachen, und manch Anderes. Die Gründe, sich als zweite Fremdsprache damals für Latein und gegen Französisch zu entschieden zu haben, liegen oft im Dunkeln. In der Regel waren es sowieso die Eltern, die diese Entscheidung trafen. Latein zu lernen war eine merkwürdige Angelegenheit – so recht wusste kaum einer, den möglichen Nutzen zu benennen. Man hätte in seiner Stammkneipe abends ein ovum frictum bestellen können – gut, aber war das ein Grund, Latein zu lernen? Und wer hätte die Rührei-Bestellung verstanden?


Vor einiger Zeit veröffentlichte das Statistische Bundesamt überraschende Zahlen über die am häufigsten gewählten Fremdsprachen in der Schule. Nach Englisch und Französisch folgte auf Platz drei überraschend die angeblich so tote Sprache Latein – mit weitem Abstand vor der Weltsprache Spanisch. Aussterben sieht anders aus! An Harry Potter allein kann das nicht liegen. Eine Vermutung über die ungebrochene Attraktivität des Lateinischen könnte in diese Richtung gehen: Manche Eltern sehen in ihm einen Gegenpol zur immer hektischer und unübersichtlicher werdenden Welt, der ihre Kinder ausgesetzt sind. Ob das ihre an Smartphone, iPad und Instagram gewohnten Kids auch so sehen?


«Nicht ohne Eitelkeit hatte ich zu jener Zeit mit dem methodischen Studium des Lateins begonnen», heißt es bei Jorge Luis Borges. Weshalb sich der argentinische Schriftsteller und Bibliothekar mit Feuereifer auf das Erlernen der alten Sprache konzentrierte, das versteht besser, wer Nicola Gardinis temperamentvolles und kluges Plädoyer für die unterschätzte Sprache Latein liest. Schon als Kind ist Gardini dem klassischen Latein unrettbar verfallen,  mit einer beinahe nerdhaften Hingabe – Latein als Lebensliebe. «Latein hat mir geholfen, mich von meiner Familie zu lösen, den Weg zur Poesie und zum literarischen Schreiben zu finden, mich fürs Übersetzen zu begeistern, meine vielfältigen Interessen auf ein gemeinsames Ziel auszurichten und, schließlich auch, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.»


In seinem faszinierenden Buch «Latein lebt» nimmt Gardini uns mit auf eine große Bildungsreise. Wir begegnen Vergils Poetik, Ciceros Syntax, Catulls Metrik, Lukrez' epische Hymen («Lukrez zu entdecken kam etwas Heiligem gleich») u.v.m. Zunächst einmal möchte der in Oxford lehrende Latein-Liebhaber seinen Leserinnen und Leser aberdie Frage aller Frage beantworten, nämlich:

Was ist Latein?


«Latein ist die Sprache des antiken Rom und seiner Zivilisation. Im Lauf mehrerer Jahrhunderte eroberte es ein riesiges Gebiet, das sogenannte Römische Reich, und avancierte zum schriftlichen und mündlichen Kommunikationsinstrument eines Großteils der Menschheit. Selbst im Zeitalter der Moderne, nachdem es schon längst unterschiedlichen Idiomen (den sogenannten romanischen Sprachen) gewichen war, diente Latein noch immer Schriftstellern, Literaten und Gelehrten verschiedenster Disziplinen als Verständigungsmittel.


Latein ist die Sprache des Rechts, der Architektur und der Ingenieurskunst, des Militärs, der Wissenschaften, der Philosophie, der Religion und – an dieser Stelle von besonderem Interesse – die Sprache einer blühenden Literatur, die über Jahrhunderte hinweg der gesamten Literatur des Abendlandes als Vorbild diente. Es gibt kein Gebiet der sprachlichen Kreativität und des Wissens, für das sich auf Latein nicht hervorragende und meisterhafte Beispiele finden ließen: die Dichtung (Epik, Elegie, Epigramm usw.), die Rhetorik, die Komödie, die Satire, der vertrauliche und der förmliche Brief, der Roman, die Geschichte, der Dialog, nicht zu vergessen die Moralphilosophie, die Physik, die Jurisprudenz, die Kochkunst, die Landwirtschaft, die Meteorologie, die Kunsttheorie, die Altertumswissenschaften, die Medizin, die Technik, die Vermessungstechnik, die Religion.


Das Latein der Literatur spricht in Hunderten von Meisterwerken von Liebe und Krieg, denkt über den Leib und die Seele nach, entwirft Theorien über den Sinn des Lebens und die Aufgaben des Menschen, über das Schicksal der Seele und die Beschaffenheit der Materie, besingt die Schönheit der Natur, die Bedeutung der Freundschaft, den Schmerz über den Verlust all dessen, was einem lieb und teuer ist; und es kritisiert die Verderbtheit, sinniert über den Tod, über die Willkür der Macht, über die Gewalt und die Grausamkeit. Es erschafft innere Bilder, kleidet Emotionen in Worte, formuliert Ideen über die Welt und das gesellschaftliche Leben. Latein ist die Sprache der Beziehung zwischen dem Einen und allem; die Sprache der komplexen Gegenüberstellung von Freiheit und Zwang, von Privatheit und Öffentlichkeit, kontemplativem und tätigem Leben, von Hauptstadt und Provinz, von Stadt und Land … Und es ist die Sprache der Verantwortung und der persönlichen Pflicht; die Sprache der inneren Kraft; die Sprache des Anstands und des Willens; die Sprache der Subjektivität, die sich angesichts des Unrechts zu Wort meldet; die Sprache der Erinnerung. Die Absicht spricht Latein; der Protest spricht Latein; die Beichte spricht Latein; die Zugehörigkeit spricht Latein; das Exil spricht Latein; das Gedenken spricht Latein.


Latein ist das großartigste Denkmal, das der Kultur des menschlichen Wortes und dem Glauben an die Möglichkeiten der Sprache je gesetzt worden ist. Hierbei kommt mir ein Brief Plinius des Jüngeren in den Sinn (ca. 61 – 112 n. Chr.), der die Vielseitigkeit und die sprachliche Kunst eines gewissen Pompeius Saturninus rühmt. Plinius spricht von ingenium […] varium, flexibile, quam multiplex, wobei mit ingenium nicht der willentlich gesteuerte Intellekt gemeint ist, sondern eine natürliche Veranlagung (ingenium enthält nämlich die Wurzel gen-, die Geburt bedeutet), die wir – mit einem Wort, das ebenfalls vom Latein abstammt – als «Talent» bezeichnen. Pompeius Saturninus ist also zu jeder Form der sprachlichen Ausdrucksweise berufen: zur Klageschrift, zur Geschichtsschreibung, zur Dichtung, zur Briefkunst. Und es fehlt ihm an nichts: Er schreibt flüssig und erhaben, leicht und schwer, süß und herb, ganz nach Bedarf. Plinius kann nicht aufhören, ihn zu lesen und zu bewundern, wie einen der ganz Großen der Antike. Es ist zutiefst bedauerlich, dass uns von ihm – wie von vielen anderen großartigen Talenten – nichts erhalten geblieben ist.


Von Latein zu sprechen bedeutet vor allem, von der unabdingbaren Pflicht zu sprechen, die Gedanken in ausgewogenen und tiefgründigen Gesprächen zu ordnen, die Bedeutungen aufs sorgfältigste auszuwählen, die Wörter harmonisch aufeinander abzustimmen, auch die flüchtigsten Zustände des Inneren in Worte zu fassen, dem Ausdruck und der Beweisführung zu trauen, das Zufällige und das Vergängliche wahrzunehmen, das die Sprache überdauert.»


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