11.01.2018   von rowohlt

Kruste, Kante, Knäppchen, Knust

Von Jausen, Puschen, Hacktätschli und Stutenkerlen: Wie wir wo sprechen – ein Ausflug in die regionalen Wortschätze

© iStockphoto.com; A. Leemann/St. Elspaß/R. Möller/T. Grossenbacher
© iStockphoto.com; A. Leemann/St. Elspaß/R. Möller/T. Grossenbacher

Wer in München, Berlin oder Zürich versucht, beim Bäcker Semmeln, Schrippen oder Weckle zu bestellen, der geht im schlimmsten Fall leer aus. Denn jede Region im deutschsprachigen Raum hat oft ihre ganz eigene Art, den Dingen einen Namen zu geben. Wo sagt man zum gebratenen, flachen Kloß aus Hackfleisch – pardon: Faschiertem – Frikadelle, wo Fleischlaiberl und wo Hacktätschli? In welcher Region verabredet man sich für Viertel elf, wenn man pünktlich um 10:15 Uhr eintreffen will? Antworten darauf und warum der eine nicht so babbelt wie der andere schwätzt, finden Sie in diesem Buch: witzig erklärt und illustriert mit schönen Karten. «Grüezi, Moin, Servus» ist ein originelles, lustiges und nützliches Buch. Es zeigt, wie ungeheuer vielfältig, biegsam und farbenfroh die deutsche Sprache ist.

Willkommen in der Welt der Regiolekte!


Vielleicht ist es dem einen und der anderen von uns nicht bewusst: Mit rund 90 Millionen Sprechern ist Deutsch die meistgesprochene Muttersprache Europas. In Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg ist Deutsch Amtssprache (und auch in Ostbelgien und Südtirol). Neben der formellen Standardsprache, dem Hochdeutsch bzw. Schriftdeutsch, existieren die im Alltag verwendeten Formen des gesprochenen Deutsch. 


Die Erfassung dieser regional unterschiedlichen Alltagssprache(n) war das Ziel eines im April 2015 gestarteten Projekts. Gemeinsam mit dem Zürcher Tages-Anzeiger, Spiegel Online und einer Reihe von Wissenschaftlern entwickelten die vier Autoren dieses Buches ein Quiz, das die Herkunft der Teilnehmer bestimmen sollte, wenn diese zu 24 ausgewählten Begriffen jeweils «ihre» Varianten anklickten. Auf Basis der imposanten Datenmasse (700.000 Teilnehmer aus über 18.000 Orten) basieren auch die (tollen!) Großkarten und Ausschnittskarten, die die regionale Vielfalt im deutschsprachigen Europa anschaulich darstellen. Begleitet werden sie von prägnanten Kurztexten.


Hier ein Beispiel, ganz lebenspraktisch und alltagstauglich: Wer sagt wo wie zum Frühstück am Arbeitsplatz?

Jause? Brotzeit? Vesper? Znüni?


«Wer früh mit der Arbeit beginnt, dem wird schon weit vor der Mittagspause wieder der Magen knurren. Das (zweite) Frühstück, das man für gewöhnlich am Arbeitsplatz einnimmt, besteht für manche aus belegten Broten, für andere aus Obst. Wichtiger aber als die Frage, was dazugehört, ist vielen Regionen, wie man dazu sagt.


Im ganzen Norden und in der Mitte Deutschlands bis hinunter zum Rhein-Neckar-Raum sagt man Frühstückspause, in Luxemburg oder Teilen Südtirols kurz Paus(e). Im Süden des deutschsprachigen Raums gibt es dagegen sehr landestypische Bezeichnungen. Wer Brotzeit sagt, kommt sehr wahrscheinlich aus Bayern, wer dagegen von seiner Jause spricht, ist ziemlich sicher aus Österreich.


Bei Vesper, Znüni und Neuner muss man allerdings näher hinhorchen: Vesper sagt man für gewöhnlich in Baden- Württemberg, aber nur im Badischen und Schwäbischen, nicht im kurpfälzischen Norden des Bundeslandes. Dafür hört man Vesper auch im Norden Bayerns, genauer in Mittelfranken. Znüni sagen die Deutschschweizer – und die Vorarlberger, die ja ebenfalls alemannische Dialekte sprechen. Das alemannische Sprachgebiet umfasst die Dialekte am südwestlichen Rand des deutschsprachigen Europas, die unter anderem in der Deutschschweiz, Teilen Baden-Württembergs und Bayerns, in Vorarlberg und in Liechtenstein gesprochen werden. Die alemannischen Gebiete in Baden-Württemberg haben mit Vesper ihr eigenes Wort. Früher bezeichnete man so eigentlich nur die Zwischenmahlzeit am späten Nachmittag oder Abend. Vesper war auch wieder nach der Tageszeit benannt, nämlich nach der Zeit des vorletzten Stundengebets (zu lateinisch vespera für ‹Abend-[zeit]›, daher auch die Bezeichnung Vesperläuten für das Glockengeläut am Vorabend eines Sonn- oder Feiertags). Von der Tageszeit hat sich die Bedeutung dann auf den entsprechenden Typ von (Zwischen-)Mahlzeit verlagert – egal, wann man sie zu sich nimmt. 


Das Wort Jause haben die Österreicher von ihren slowenischen Nachbarn übernommen: Im Slowenischen ist júžina das ‹Mittags-, Nachmittagsmahl›, abgeleitet von júg («Süden») – von diesem slawischen Wort kommt auch Jugoslawien («Südslawien»). Dass man für die Himmelsrichtung dasselbe Wort verwendet wie für die Tageszeit, zu der die Sonne dort steht, kennen wir auch aus dem älteren Deutschen, wo Mittag auch für «Süden» stehen konnte (z. B. in Werken von Schiller, aber auch schon in Luthers Bibelübersetzung), sowie aus den romanischen Nachbarländern: Die Gazzetta del Mezzogiorno (wörtlich ‹Zeitung des Mittags›) erscheint nicht am Mittag, sondern in Bari in Apulien. Und der Canal du Midi lädt vielleicht gelegentlich zu einer schönen mittäglichen Siesta ein, seine Aufgabe besteht aber in erster Linie darin, dass er quer durch das südfranzösische Languedoc führt, um die Garonne, die in den Atlantik fließt, mit dem Mittelmeer zu verbinden. 


Bei júg ist der Zusammenhang umgekehrt. Es ging jedenfalls auch bei Jause anfangs wieder um die Tageszeit. Wie Znüni (wörtlich «zu neun») erklärt sich schließlich auch Neuner – vergleichsweise aus dem Wort selbst heraus verständlich und zudem präzise – als Hinweis auf die Uhrzeit, zu der die Mahlzeit eingenommen wird. Nun dürfen die Nicht-Schweizer raten, warum in der Schweiz die ‹Zwischenmahlzeit am Nachmittag› Zvieri heißt … 


Schaut man wieder genauer hin, erkennt man, dass im Westen Österreichs vor allem um die beiden Landeshauptstädte Bregenz und Innsbruck herum Jause das am häufigsten verwendete Wort ist. Die regionaltypischen Wörter sind dagegen Znüni in Vorarlberg und Neuner in Tirol. In Südtirol war früher noch Halbmittag verbreitet; das sagen aber die Jüngeren offenbar heute kaum noch. Dasselbe Benennungsmuster gibt es auch andernorts: Im sächsischen Dialekt heißt die Zwischenmahlzeit am Nachmittag Halbabend (bzw. Halbahmd).»

Top