25.07.2017   von rowohlt

«Kreta, ist das Spanien oder Italien, Renate?» – «Es ist Griechenland, Gertrud!»

Mit Renate Bergmann und Freundin Gertrud auf großer Mittelmeer-Kreuzfahrt. Viel besser als Bus fahren!

© Rudi Hurzlmeier
© Rudi Hurzlmeier

Ein Tag Altenheim kostet 180 €, ein Tag Kreuzfahrt nur 120 €. Also raus mit dem Geld, das man hat – das letzte Hemd hat keine Taschen: So sieht eine Renate Bergmann das. «Wer weiß, wie lange es noch geht ohne Pflegekraft? Gertrud spricht ja schon seit Jahren von Busfahrten und Kluburlaub! Die spinnt doch! Da pullern Kinder ins Wasser und man muss den ganzen Tag Ententanz machen.» Deshalb spendiert Renate ihrer Freundin einen richtigen Urlaub  auf hoher See: drei Wochen Kreuzfahrt durchs Mittelmeer. Venedig, Kroatien, Griechenland, Malta, Mallorca. «Wir haben jedenfalls viel erlebt. Ich habe den ganzen Schrank voll mit neuen flauschigen Handtüchern, und im Froster ist Dauerwurst vom Büfett für bis Ostern hin!»


Mit ihren 82 Jahren ist Renate Bergmann noch ganz schön auf zack, auch in ihrem Oberstübchen, das können Se aber glauben! Die pensionierte Reichsbahnerin aus Berlin-Spandau hat nicht gerade wenig erlebt in ihrem langen Leben. Allein vier Gatten hat Renate ordnungsgemäß unter die Erde gebracht; die Gefährten von einst liegen auf Friedhöfen quer über Berlin verteilt – mal besucht sie den einen zum Blümchengießen, mal den anderen zum Zwiegespräch. Mit ihren 80-plus kommt Renate ganz schön rum. Überhaupt kriegt sie Dinge gebacken, die ihre spirituell verkorkste Tochter Kirsten («Das Mädchen hat einfach nicht alle Latten am Zaun») komplett überfordern würde. Sogar technisch ist die alte Dame auf dem neuesten Stand: Klappcomputer, Onlein, Fäßbock, Googel, Sie wissen schon – alles tipptopp im Hause Bergmann. 

Drei Wochen Mittelmeer mit Gertrud


Machen, machen, machen – bereuen kann man später immer noch. Das ist Renates Mantra. Nachdem sie und Gertrud jahrelang an Weihnachten oder Neujahr mit ein paar Bechern Restbowle «Traumschiff» im Fernsehen geguckt haben, entscheidet Renate eines Tages resolut: Gertrud, wir fahren! «Auf das Traumschiff, Renate? Auf das richtige Traumschiff mit Sascha Hehn?» Gut, dass Kirsten nichts von der generösen Geste ihrer Mutter weiß. Aber was geht die Renates Aktiengeld an? «Kaum ist man in Rente, entdecken die Kinder ihre Fürsorge für einen. Das machen die vor allem, um einen besser unter Kontrolle zu haben, damit man das Erbe nicht verschleudert.»


Gertrud will nicht glauben, dass sie nur mit gültigem Pass die große Reise antreten kann. «Renate, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich ein halbes Jahr auf einen Termin im Bürgeramt warte und dann da den halben Tag rumsitze, nur um einen neuen Pass zu bekommen? Wozu brauche ich den denn? Ich bin 82 Jahre alt, wenn ich morgen tot umfalle, wird mich der Bestatter schon verscharren, ob mit oder ohne gültigen Reisepass.» Und überhaupt: «Unsere Reiseroute liegt in Europa, und da reicht überall der Ausweis. Da brauchen wir gar keinen Pass.» Danke, Herr!, seufzt Renate, Problem gelöst. (Von dem anderen Problem weiß Renate Bergmann da noch nichts: Gertrud am Flughafen in den Nacktscanner rein- und heil wieder rauszukriegen …)


An was man vor einer Kreuzfahrt nicht alles denken muss! Das Blumengießen muss organsiert, die Zeitung abbestellt, die Haustierpflege geregelt, die Elektrogeräte ausgestellt, die Schlüssel hinterlegt, das Wasser abgedreht werden. War das jetzt alles? Nee – vor allem muss ein neues Abendkleid muss her. Fürs Kapitänsdinner, wissen Se doch! Da Ilse Gläser alle vier Brautkleider Renates geschneidert hat, legt sie auch diesmal Hand an. Irgendwann ist dann der große Moment da: Renate und ihre Freundin stehen in Venedig staunend vor ihrem Traumschiff. Wobei, ehrlich gesagt: «Groß und weiß und majestätisch schön hatte ich es mir vorgestellt, doch was da nun vor uns lag, sah eher aus wie ein Plattenbau aus Berlin-Marzahn, den sie ins Wasser gesetzt hatten.» Egal, gebucht ist gebucht. 


Es gibt so vieles, was die beiden alten Damen auf dem riesigen Luxusdampfer begeistert! Der ABBA-Abend im großen Konzertsaal: zum Mitsingen schön. Das frühmorgendliche Chillen am «Schwimmingpool» (wenn die Familien mit ihren plärrenden Gören noch schlafen oder beim Frühstück sitzen). Die geräumige Kombüse, oder sagt man Kajüte? (Blöd nur, dass Renates Reisebegleiterin schnarcht wie «15 Mann auf des toten Mannes Kiste, und 'ne Buddel voll Rum»). Das Wahnsinnsbüfett, alles für lau – kaum zu glauben, man kann wirklich den ganzen Tag essen und trinken, wonach einem der Sinn steht. Sogar die Cocktails («im Grunde Smufies mit Schnaps drin») sind all inclusive. Trotzdem hat Renate vorsorglich eine Flasche Korn ins Reisegepäck geschmuggelt. Sektchen hin, Cocktail her: weiß man's denn, was einem unterwegs alles so zustößt?

«Lebe glücklich, lebe froh – im Jenseits gibt's kein' Piccolo!»


Natürlich lernt man im Urlaub auch andere Menschen kennen. Dicke und dünne, laute und zurückhaltende, nette und nervige. Zum Beispiel die Bömmelmanns aus Dresden, Gittl und Herbert. Schon irgendwie nett, aber, wie soll man sagen?, sozial etwas auffällig. Sie haben null Gewissensbisse, an Warteschlangen jedweder Art mit dem Satz «Wir kommen extra aus Dresden» vorbeizustürmen. Auch eher merkwürdig, dass Gittl morgens mit einer Tupperdose zum Frühstück … nee-nee, nicht um leckere Sachen vom Büfett abzuschleppen und in der Minibar einzulagern, sondern um Sachen auszupacken: Herbert isst nämlich nur Leberwurst aus heimischer Produktion. So sind sie, die Bömmelmanns. Umso mehr freut sich Renate über die Bordfriseurin, die sich als Kathrin Kuske, ein Nachbarsmädchen von früher, entpuppt. «Kathrin, mein Mädchen! Das gibt es doch nicht! Siehste, ich sag doch immer: Die Welt ist ein Dorf.»


Während Renate eher den stillen Freuden des Lebens frönt, ist Gertrud während der drei Wochen auf dem Mittelmeer für ganz andere Überraschungen gut. Erst wird sie derart seekrank, dass die Möwen mit dem Aufpicken der Bröckchen aus Gertruds Magen kaum hinterherkommen. Kaum genesen, sprüht sie dem philippinischen Zimmermädchen eine satte Ladung Pfefferspray in die Augen, weil sie sich irrtümlich von einem «Gängster» attackiert sah. Oh wie peinlich! (Über Gertruds Rührei-Bekanntschaft vom Büfett wollen wir an dieser Stelle großzügig den Mantel des Schweigens breiten …)


Den größten Coup landet Trudchen aber am Ende der Kreuzfahrt. Als es ihr nämlich gelingt, sich dank günstiger Umstände als Frau Konsulin Potter auszugeben – und (mit Freundin Renate) beim großen Abschlussdinner als Ehrengast am Kapitänstisch sitzen darf. Und wer sitzt auch da – und schwingt später am Abend mit den Damen aus Berlin das Tanzbein? Das glauben Sie nie, ehrlich …

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