15.06.2016   von rowohlt

Umsonst ist nur der Tod

«Die Frankfurter sollten Jan Seghers rechtzeitig einen ihrer Literaturpreise geben. Er hat mit seinen Büchern mehr für sie getan als die meisten ihrer Repräsentanten.» (Die Zeit)

© iStockphoto.com
© iStockphoto.com


Schwarzenfels in Osthessen. Der junge Streuner Süleyman wird Zeuge eines Motorradunfalls. Als er die Taschen des toten Fahrers filzt, findet er einen Umschlag. Mit Fotos, die es nicht geben dürfte – Fotos, die am Ende einen hessischen Landtagsabgeordneten in den Tod treiben werden. Was Süleyman nicht ahnt: Um wieder in den Besitz des kinderpornografischen Materials zu kommen, sind gewisse Leute bereit, über Leichen zu gehen. Zur selben Zeit wird im Hotel Zooblick in Frankfurt eine bekannte Reporterin erschossen. Kommissar Marthaler entdeckt, dass sie einer ungeheuerlichen Verschwörung auf der Spur war: der Sterntaler-Verschwörung ... Marthalers fünfter Fall: spannend, komplex und politisch hochbrisant.


«Wie schon in anderen Marthaler-Krimis wird scharf geschossen, in wilder Verfolgungsjagd über Landstraßen gerast. Die Geschichte ist so spannend erzählt, dass die fast 500 Seiten wie im Flug vergehen.» (Die Welt)


Über fast 500 Seiten folgen wir Seghers' Kommissar Robert Marthaler, dem Leiter der Cold Cases Unit der Frankfurter Kriminalpolizei, in seinen Ermittlungen zu zwei miteinander verzahnten Verbrechen: den seit zwei Jahrzehnten ungeklärten bestialischen Mord an der Studentin Karin Ölze – und die Sterntaler-Verschwörung. Wer sich dabei an gewisse Vorkommnisse in Hessen 2008 erinnert, liegt definitiv nicht falsch.


Gejagt und gestellt

Tobias S. Büttner, genannt Süleyman – mehr als das Binnen-S in seinem Namen ist ihm von seinem türkischen Vater nicht geblieben. Als ihm die Fotos in die Hände fallen, die der tödlich verunglückte Motorradfahrer bei sich hatte, glaubt er, vor der Chance seines Lebens zu stehen. Es dürfte, so glaubt er, nicht allzu schwer sein, mit dem entlarvenden Bildmaterial den hessischen Landtagsabgeordneten Johann von Münzenberg zu erpressen. Ein fataler Plan, wie sich bald zeigen wird …


Seghers’ hessischer Ministerpräsident heißt Rolf-Peter Becker und nicht Roland Koch, wir befinden uns ja schließlich nicht in einem Doku-Thriller, sondern in einem Kriminalroman. Becker und Koch, manche Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen. Der Roman setzt mit der Rückkehr des «MP» aus Dharamsala, von einem Privatbesuch beim Dalai-Lama, ein. Becker weiß, dass seine große Politkarriere am seidenen Faden hängt. 


Bei den hessischen Landtagswahlen hatten die Christlichen von Ministerpräsident Becker eine katastrophale Schlappe erlitten (genau wie Roland Kochs CDU im Januar 2008): ein Debakel, ein Abgrund. Und das, obwohl Becker vierzehn, fünfzehn Stunden am Tag den Wahlkämpfer gegeben hatte. Er hatte «in hässlichen Bürgerhäusern vor rotgesichtigen Landfrauen gesprochen, in öden Einkaufszentren Würstchen gebraten, hatte Narrenkappen aufgesetzt und mit betrunkenen Ortsvorstehern angestoßen». Beckers Absturz gab seiner sozialdemokratische Kontrahentin Sabine Xanthopoulos (genau wie damals der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti) die Chance, die Macht in Hessen zu übernehmen.


Hessische Politrealität und Krimifiktion liegen in Seghers' fünftem Marthaler-Roman nah zusammen. Becker und Koch, X und Y (Xanthopoulos und Ypsilanti), die Medienkampagne, die vier SPD-Abweichler: das hessische Skandaljahr 2008 zwischen CDU-Wahlfiasko und «Wortbruch»-Affäre sind mehr als ein Subthema der Sterntaler-Verschwörung. Und doch gilt: «Alle Ereignisse und Personen sind frei erfunden. Selbst der Vollmond scheint, wann er will.»

«Wir haben dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist»

«Die Sterntaler-Verschwörung» ist ein Beleg für Jan Seghers' Ansicht, dass politisch relevante Gesellschaftsromane heute nicht zufällig in der Gestalt von Kriminalromanen das Licht der Welt erblicken.  In allen Marthaler-Krimis spielt der Gegensatz von Arm und Reich, Villa und Platte, politischer Macht und sozialer Ohnmacht eine tragende Rolle.  Eine der eindrucksvollsten Episoden ist die Initiation des jungen Ermittlers Daniel Fichtner durch den altgedienten, korrupten und skrupellosen LKA-Mann Axel Rotteck. Der nennt sich stolz einen «Bullen» – im Gegensatz zu all den kreuzbraven, naiven Polizisten, die nichts als das Gesetz im Kopf haben. Rottecks Mission heißt: Sozialhygiene, Sicherung des Status quo mit allen Mitteln.


«Wir haben dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass jeder auf seiner Seite des Bahndamms bleibt. Dass keines der Tiere eines Morgens auf dem Rasen hinter der Villa steht und zum Sprung ansetzt. Und für diese Aufgabe gibt es ein Wort, das man nicht laut sagen darf, das man aber auf jedem Polizeirevier kennt. Es heißt: Sozialhygiene … Sozialhygiene heißt, dass wir die Tiere in Schach halten. Sozialhygiene heißt, den Unterschied machen, den uns das Gesetz verbietet.»


Für die Sterntaler-Verschwörer, ein illustres Stelldichein aus Politik, Justiz, Medienwelt und Wirtschaft, steht eine Menge auf dem Spiel, allem voran die Verzögerung des Flughafenausbaus in Frankfurt. Eine rot-rot-grün geführte Landesregierung in Hessen würde sie, da sind sich die Herren sicher, mit Nachtflugverboten, Bürgerentscheiden und anderem Ökoterror quälen. «Weißt du, was alleine eine Verzögerung des Ausbaus kosten würde? Zwei Millionen Euro: jeden Tag!»

«Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch …»

Eigentlich hat Marthaler derzeit ganz andere Sorgen. Irgendetwas stimmt mit seiner Freundin Tereza nicht. Dabei hatte er sich doch endlich entschlossen, ihr beim romantischen Picknick am See einen Heiratsantrag zu machen. Und dann das: ein Brief von Tereza, die für ein Jahr vom Frankfurter Städel nach Prag «ausgeliehen» wird, im Tausch gegen einen tschechischen Kunsthistorikerin. 


Tereza schreibt: «Lieber Robert, ich muss schon wieder feige sein. Es ist noch eine andere Sache mit Prag. Ich konnte nicht in deine Augen sehen und dir sagen, deshalb komme ich nicht für die Nacht. Ich habe jemanden kennen gelernt. Du glaubst nicht, er ist Polizist. Wir kriegen das hin. Ich liebe dich. Ich weine. Deine Tereza» Wie gut, dass es Freunde wie den anarchistischen Freigeist Carlos Sabato und Kollegin Kerstin Henschel gibt.


Matthias Altenburg schreibt in der Haut seines Krimi-Alter-Ego Jan Seghers großartige Kriminalromane, manche Rezensenten erinnern sie an Henning Mankells Kommissar-Wallander-Bücher. Der Vergleich mag freundlich gemeint sein, aber er hinkt. Mit Wallander, dem schwermütigen Polizisten aus dem schwedischen Ystad, assoziiert man Regen, Tristesse, graue Landschaften – kein Wunder bei dem Leben, das Wallander führt. Dagegen ist Marthaler – ungeachtet seiner dunklen, grüblerischen Seiten – ein Genussmensch. Bach und Chopin, Jimi Hendrix und Patti Smith, Fellini und Godard, große Rotweine und Gourmetspektakel. Und neben und über allem: Tereza, die tschechische Goya-Liebhaberin aus seinem Lesecafé …

Top