03.11.2017   von rowohlt

Kommissar Marthaler jagt Menschenhändler-Bande

Geliebte Romanfiguren, romantische Ruppigkeit, Franz-Josef Degenhardt und die Kunst der Fuge – Ein Interview mit Jan Seghers

© www.pharus-plan.de; Susanne Schleyer/autorenarchiv.de
© www.pharus-plan.de; Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Kommissar Marthaler erreicht aus der französische Kleinstadt Marseillan der Hilferuf seines alten Kollegen Rudi Ferres. Angeblich seien neue Spuren im Fall Brüning aufgetaucht. Der Mord an dem 13-jährigen Tobias Brüning hatte 1998 eine der größten Polizeiaktionen der Nachkriegsgeschichte aus. Der Täter wurde nie gefasst. In der französischen Kleinstadt Marseillan trifft Marthaler seinen alten Kollegen Rudi Ferres,  um Akten und Fall zu übernehmen. Schon bald gibt es einen neuen Hinweis. Und endlich auch einen Namen. Die Spur führt in ein finsteres Tal am Rhein, nicht weit von der Loreley, wo zwei Roma-Jungen spurlos verschwunden sind.  Kommissarin Kizzy Winterstein, selbst eine Romni, befürchtet das Schlimmste … Packend und verstörend aktuell: Jan Seghers' sechster Marthaler-Roman konfrontiert uns mit den Machenschaften skrupelloser Menschenhändler.

Jan Seghers – das Interview


Als Sie 2004 mit «Ein allzu schönes Mädchen» Ihren ersten Kriminalroman vorlegten, taten Sie das unter dem Pseudonym Jan Seghers («eine kreative Notwendigkeit»). Der Nachname – das Pseudonym eines Pseudonyms – ist eine Verbeugung vor Anna Seghers (für konkret-Chef Hermann Gremliza «die größte deutsche Dichterin des 20. Jahrhunderts»); den Vornamen haben Sie von einer aus Rostock stammenden Radsportikone entlehnt. Kann es sein, dass Ihr Krimipseudonym heute eher John (oder Marcel) Seghers lauten würde?
Ach, mein Interesse am Radsport der Profis ist mir gründlich vergangen. Dass einer von denen noch nicht des Dopings überführt wurde, heißt womöglich nur, dass er schlau genug war, sich nicht erwischen zu lassen. Ich glaube nur noch an die eigenen, wenn auch schwindenden Kräfte und an mein Radsportkollektiv mit dem schönen Namen «Lokomotive Rotes Ritzel». Uns genügen als Dopingmittel der hessische Apfelwein und ein fetter Döner Kebab. 


Sie haben Henning Mankell als literarischen Wegbereiter, als «Katalysator» auf dem langen Weg zu Ihrem ersten eigenen Kriminalromanen bezeichnet. Kommissar Marthaler ist – zum Glück, wie ich finde –  ein total anderer Typ als Mankells Wallander. In Ystad regnet oder stürmt es gefühlt an 361 von 365 Tagen des Jahres, entsprechend trist sieht Wallanders  Leben aus. Marthaler dagegen liebt guten Rotwein und gutes Essen, Spaziergänge und Oper, Fellini und Godard, Bach und Jimi Hendrix. Wie viel Altenburg steckt Pi-mal-Daumen in Marthaler?
So ganz fremd darf mir als Autor eine solche Hauptfigur nicht sein, da ich ja jeden Tag viele Stunden mit ihr verbringe. Aber außer ein paar offensichtlichen Vorlieben und Abneigungen habe ich wenig mit Marthaler gemein.  Außerdem will ich neugierig auf ihn bleiben, darf ihn also auch nicht zu gut kennen. Er soll auch mich noch überraschen können. Wäre jede meiner Begegnungen mit ihm ein Blick in den Spiegel, so würde ich mich unendlich langweilen.


Ihre Figuren statten Sie akribisch mit eigener Geschichte aus. Kriminaltechniker Carlos Sabato, Marthalers engster Freund: ein anarchistischer Freigeist, ein Gourmet vor dem Herrn. Oder Louise Manderscheid im neuen Roman «Menschenfischer»: eine starke, unabhängige, freie Frau. Oder die von allen Seghers-Lesern sehr geliebte Tereza («Ich habe auch mal Sehnsucht nach meine Robert mit seine Waschbärbauch»). Kann es sein, dass Sie zu einer ganzen Reihe von Figuren ein ziemlich sentimentales, romantisches Verhältnis pflegen?
So ist es leider. Die Figuren – vor allem jene, die ich mag – sind ja wie Kinder. Was auch immer sie anstellen, sie dürfen meiner Zuwendung gewiss sein. Aber auch die Bösewichter muss man durchdrungen haben, muss sie kennen. Wie auch jeden Ort, jede Straße, jeden Baum, jedes Haus, wie alles, das man als Autor beschreibt.


Ein Satz aus einem Seghers-Interview: «Ich bin – um mit Franz-Josef Degenhardt zu sprechen – zu den herrschenden Verhältnissen in einem Maße dissident, dass jede politische Äußerung von mir wie die eines Außerirdischen klingen würde.» Das erstaunt doch einigermaßen angesichts der Tatsache, dass praktisch jeder Marthaler-Krimi (z.B. «Partitur des Todes», «Die Sterntaler-Verschwörung») einen politisch grundierten Kern hat
In meinen Romanen darf ich alles. Es ging mir um journalistische Wortmeldungen, die ich inzwischen vermeide. Dennoch bleibe ich ein politischer Mensch, der mit seinen Freunden streitet und mit ihnen, wenn es denn sein muss, auf die Straße geht.


Außerirdisch hin, Dissidenz her – wir fragen trotzdem: Gesetzt den Fall, Sie würden zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Würden Sie sich mit AfD-Kadern wie  Gauland, Höcke oder von Storch an einen Tisch setzen? 
Aus Gründen der Hygiene und weil meine Mutter es mir verboten hat: nein! Diese Leute riechen nach Schwefel.


Wie nah (oder fern)  ist Ihnen mit dem Abstand von knapp zwei Jahrzehnten eine Figur wie Neuhaus, Protagonist Ihres Romans  «Landschaft mit Wölfen»?
Was ich – jenseits des Genres – literarisch vermochte, habe ich in «Landschaft mit Wölfen» zur Sprache gebracht. Seit langem suche ich nach einer Form, um noch einmal einen kleinen Roman zu schreiben, dem dies für heute gelänge. Ich habe sie noch nicht gefunden.


Hat die Ehrfurcht vor dem Titanen Marcel Proust («Man wird bescheiden vor diesem Gott») endgültig den Romancier Matthias Altenburg begraben? Ist es das – oder lässt die bei weitem nicht auserzählte Figur des Robert Marthaler aktuell einfach keinen Raum für literarische Kunstanstrengung jenseits des Krimigenres zu?
Jeder diese Kriminalromane ist ein so gewaltiger Kosmos an Figuren und Geschichten, dass tatsächlich kaum Luft und Raum für anderes bleibt. Außerdem erlaube ich mir den Luxus, in diesen Büchern alles zu erzählen, was ich erzählen möchte. Ob es jemand lesen will oder nicht. 


Sie sind bekannt für Ihre Recherche-Akribie, was Orte (und nicht nur Tatorte!) angeht. «Ich kann keine Orte erfinden, ich muss sie finden.» Deshalb sei das Fahrrad als Handwerkszeug zum Erkunden des zukünftigen literarischen Terrains beinahe wichtiger als der Computer. Einer dieser Orte ist Marseillan im Languedoc, wo der erste und letzte Teil von «Menschenfischer» spielt. Was hat Sie dorthin getrieben – Canal-du-Midi-Romantik? 
Ach, nein. In dem kleinen Städtchen Marseillan haben mehr als die Hälfte der Wähler für Le Pen gestimmt. Da vergeht einem jede Romantik. Aber ich bin gern dort, wo es schön und warm ist – wenn ich schon arbeiten muss.


Feridun Zaimoglu hat einmal die «romantische Ruppigkeit» gerühmt, die Sie sich über die Jahre bewahrt hätten. «Romantische Ruppigkeit» – das passt ziemlich gut zum Sound Ihres Blogs «Jan Seghers' Geisterbahn». Dort finden sich Sätze wie: «Wenn Du, ich, wenn wir alle nicht endlich bereit sind, wieder etwas von dem abzugeben, was wir dem Rest der Welt auf ganz direkte oder kaum merkliche, weil angeblich ‹tariflich hart erkämpfte› Weise abgeräubert haben, dann wird uns die ganze Scheiße um die Ohren fliegen … So wird es sein. Umverteilung oder Untergang!» Könnten solche Sätze auch in einem Marthaler stehen – oder sind sie, quasi Free Jazz, der «Geisterbahn» vorbehalten?
Das ist etwas für das öffentliche Tagebuch, nicht aber für den Roman. So pamphlethafte Sätze würden wie ein Stein in der Erzählung liegen. Die Haltung, die dahinter steckt könnte allerdings auch jemand wie der anarchistische Kriminaltechniker Carlos Sabato äußern, im Dialog und sicher mit anderen Worten. 


Es gibt eine ganze Reihe von Freunden und Wegbegleitern, auf deren Werk Sie  verweisen, Hermann Peter Piwitt, Nicolas Born, Gerd Fuchs, Uwe Timm, Maxim Biller. Und, nicht zu vergessen: Franz-Josef Degenhardt. Als FJD 2011 starb, schrieben Sie: «Kein Tag vergeht, ohne dass ich an eine seiner Zeilen, an eines seiner Bilder, an irgendeine Degenhardt-Formulierung denke. Kein Tag, manchmal keine Stunde. Die Welt ist bevölkert mit seinen Figuren.» Was war, was ist das Besondere, das Unverwechselbare an seinen Texten?
Wenn ich das wüsste ... Degenhardt war ein Gigant. Es ist mir unerklärlich, wie ein Mensch, der sich selbst für zurechnungsfähig hält, ohne diese Lieder auskommt. Sie klingen auf allen Ebenen des Denkens und Fühlens wider. Degenhardt war stur und weltoffen, ist immer bei Verstand und anständig geblieben. Über wen sonst aus der Zunft könnte man das sagen?


Ihre Leidenschaft für Musik ist offensichtlich, das geht von Bach bis Jimi Hendrix, von Purcell bis Degenhardt. Wäre es vermessen, Sie um eine kleine Playlist von All-time-Bests zu bitten – Musik, welcher Couleur auch immer, ohne die es nicht geht?
Vor fünfzehn Jahren habe ich mal eine solch schwankende Liste veröffentlicht. Es standen darauf: Johann Sebastian Bach, Die Kunst der Fuge; Fréderic Chopin, Nocturnes; Maria Callas, Die schönsten Arien; Bob Dylan, Time out of Mind; Mozart, KV 516; Astor Piazzolla, Sur; Rory Gallagher, Irish Tour; Steve Ray Vaughan, Little Wing; Tom Waits, Rain Dogs; Neil Young, Dead Man. Heute würde diese Liste ein wenig anders aussehen. Und Degenhardt stand nicht drauf, weil von ihm nahezu alles draufstehen müsste und weil da nichts schwankt.


Sie haben – einige Rezensenten haben zu Recht darauf hingewiesen – eine Menge für Frankfurt im Allgemeinen (und nicht nur für eine gewisse Bäckerei im Besonderen) getan, wie auch dieses Statement beweist: «Ich gehe nicht nach Pittsburgh, Mumbai oder Leverkusen. Was soll ich in einer Stadt, in der es keine grüne Soße gibt?» Finden Sie nicht, dass allein für solche Sätze die Frankfurter Tourismusbehörde Ihre Rente mit einem gewissen Betrag aufrunden müsste?
Obwohl meine Romane keine Fortsetzung der Fremdenverkehrswerbung mit anderen Mitteln sind, ganz entschieden: Ja!


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