06.04.2017   von rowohlt

König von Köln, Nazi-Gegner, erster Bundeskanzler

Konrad Adenauer (1876–1967): Ein Jahrhundertleben – ein fesselndes Panorama deutscher Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Kalten Krieg

Als Gründervater der Bundesrepublik stellte Konrad Adenauer die Weichen für den beispiellosen Wiederaufstieg einer besiegten Nation und söhnte sie mit den früheren Gegnern aus. Der Publizist und Filmemacher Werner Biermann (1945–2016) schildert in seiner grandios geschriebenen Biografie den ebenso faszinierenden wie dramatischen Lebensweg Adenauers – seine Ideen und Ziele, seine Schwächen und Ängste, seine bis heute legendäre Schlagfertigkeit. Besonderes Gewicht legt Biermann auf Adenauers Leben vor der Kanzlerschaft: den politischen Aufstieg im Kaiserreich, die steile Karriere als Kölner Oberbürgermeister und prominenter Reichspolitiker in der Weimarer Republik und nicht zuletzt den jähen Absturz während des «Dritten Reiches», der ihn beinahe das Leben gekostet hätte.


Deutschlandradio Kultur: «Werner Biermann kann großartig erzählen.»
Frankfurter Rundschau: «Obwohl die Fakten weithin bekannt sind, sichert dieser journalistische Stil der Geschichte teils die Qualität eines überaus spannenden Thrillers.»
FAZ: «Werner Biermann versteht es, politische Aktionen und persönliche Schicksale zu einem fesselnden Text zu verknüpfen.»
Jury Adolf-Grimme-Preis: «Werner Biermann zeigt in beispielhaft klarer Sprache und ohne moralische Überheblichkeit, wie die Mechanismen der Macht funktionieren.»


Werner Biermann erlebte das Erscheinen seiner großen Adenauer-Biografie nicht mehr. Der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Publizist, der rund 50 lange Dokumentarfilme realisierte (u.a. «Am Abgrund. Anatomie der Kubakrise» und «Der Erste Weltkrieg – Albtraum Verdun»), starb 2016 während einer Tunesienreise. Hier zum Einlesen einige Passagen aus seiner fast 600-seitigen Adenauer-Biografie.

«Et es wie et es»


Härte und Selbstdisziplin. «Der Erste Beigeordnete (Konrad Adenauer, d. R.) setzt alles daran, wenn schon nicht geliebt, so doch gefürchtet zu sein. Er macht sein eigenes Arbeitspensum und sein Arbeitstempo zum verbindlichen Maßstab. Wer nicht mithalten kann, kriegt Schwierigkeiten. Langsam schafft er es, die komplexen Zusammenhänge und Abläufe zu durchschauen, die Aufgaben zu verteilen und zugleich die Kontrolle darüber zu behalten. Was ihn kolossal aufregt, ist der verbreitete Schlendrian, Beamte und Angestellte, die es allzu langsam angehen nach dem Motto et hätt noch immer jot jejange. Diese Leute halten umgekehrt den Ersten Beigeordneten für einen widerlichen Sklaventreiber, etwa wenn Adenauer anordnet, ab sofort «Restverzeichnisse» anzulegen, also Listen aller Vorgänge, die mehr als vierzehn Tage unerledigt geblieben sind: «Gegen Beamte, welche die Erledigung ihrer Sachen über Gebühr verzögern, werde ich rücksichtslos vorgehen.» Betrachtet man die Fotos Adenauers aus dieser Zeit, fühlt man sich unwillkürlich an eine beißwütige Dogge erinnert, und natürlich war das auch genau seine Absicht, als er die Fotos machen ließ.»


Oberbürgermeister in Köln. «Am 18. September 1917 wird Konrad Adenauer, einundvierzig Jahre alt, in Abwesenheit in Köln zum Oberbürgermeister gewählt; er ist damit der jüngste und zugleich der am besten bezahlte Chef einer deutschen Großstadt. Vierundfünfzig von sechsundfünfzig anwesenden Stadtverordneten haben für ihn gestimmt. In seinem Sanatorium in St. Blasien bastelt Adenauer in aller Ruhe an der Antrittsrede, die er einen Monat später im feierlich geschmückten Kölner Rathaus hält.»


König des Rheinlands. «Adenauer wird jetzt auch auf Reichsebene immer deutlicher wahrgenommen, und mindestens drei Mal ist er im Gespräch für das Amt des Reichskanzlers, auf flüchtige Art schon 1921, ganz konkret aber 1926 und 1928. Er kann jedoch seine politischen Ansprüche nicht durchsetzen – zum Beispiel das Recht, seine Minister selbst zu ernennen – und verzichtet. Schließlich ist der Posten des Kölner Oberbürgermeisters deutlich sicherer als das meist nur kurzfristig besetzte Amt des Reichskanzlers, und es ist auch persönlich befriedigender. Reichskanzler wird er nie, aber bald wird man ihn den ‹Kanzler des Westens› nennen oder auch den ‹König des Rheinlands›.»


Geld und Selbstwert. «In puncto Geld ist er gierig, er will mehr, immer noch mehr. Vielleicht geht es ihm gar nicht um vulgäre Bereicherung, vielleicht betrachtet er das Geld einfach als einzig angemessenen Ausgleich für seine unermüdliche und aufopferungsvolle Tätigkeit und als Beweis seiner herausragenden Bedeutung für Köln, das will er in Mark und Pfennig ausgedrückt sehen. Er kassiert nicht nur das höchste Gehalt aller deutschen Oberbürgermeister, verbessert noch mit einem ganzen Reigen von gut bezahlten Aufsichtsratsmandaten, sondern er versucht, sich auch noch seinen privaten Lebensstil extra bezahlen zu lassen. Er hat herausgefunden, dass in seiner Villa nicht genügend Platz ist für einen repräsentativen Oberbürgermeister; er möchte manchmal einfach ‹mehr als sechzehn Leute bei mir am Tisch sitzen sehen›.»


Aufstieg der NSDAP. «Josef Grohé (führender Kölner NSDAP-Kader, d. R.) ist überzeugt, dass Adenauer, schon wegen seiner zahlreichen Kontakte mit jüdischen Männern, nicht nur ein feiger ‹Judenknecht› ist, sondern insgeheim ein echter ‹Blutjude›, also jüdischen Blutes. In einer NS-Veröffentlichung wird Adenauer in eine Reihe gestellt mit Karl Marx, Rosa Luxemburg, Leo Trotzki und Matthias Erzberger, und als ‹Jude› ist Adenauer für die Nazis, was ja für Juden typisch ist, der ‹Großprotz von Köln›. Man muss nicht so weit gehen wie Hans-Peter Schwarz, der Adenauer einen ‹Philosemiten› nennt; Adenauer pflegt einfach einen unbefangenen, von Rassevorstellungen freien Umgang mit jüdischen Deutschen und jüdischen Ausländern wie Dannie Heineman – ein zivilisatorischer Standard, der bis 1933 für viele Menschen noch fast normal ist, während freilich der allgemeine Antisemitismus schon bedrohliche Formen annimmt.»

«Et bliev nix wie et wor»


Sehnsucht nach «Rettung». «Adenauer wird noch eine ganze Weile davon ausgehen, dass man mit den Nazi-Führern letzten Endes genauso vernünftig reden kann wie mit allen anderen. Und außerdem spürt auch er, dass es in der Bevölkerung eine verbreitete Sehnsucht nach ‹Rettung› gibt, nach einem Ausweg aus dem Chaos, nach dem Mann, den der Himmel schickt und der das geheime Zauberwort kennt. ‹Das Volk ist plötzlich wie verdreht›, sagt er. Aber wie auch nicht? Im Spätherbst 1932 ist seine Stadt, das stolze Köln, zahlungsunfähig, also pleite, sitzt em Driss, bei einem Haushaltsdefizit von vierunddreißig Millionen Mark, und niemand weiß, wie man das Problem lösen kann, auch Adenauer nicht. Vor der Villa und in den umliegenden Straßen des vornehmen Viertels, so erinnert sich Max Adenauer sein Leben lang, ‹standen in diesen Wochen und Monaten immer die Bettler, manchmal waren es Hunderte›.»


Adenauer gegen Hitler. «Am 17. Februar kommt Hitler im Verlauf seiner Wahlkampagne nach Köln, und diesmal zeigt der Kölner Oberbürgermeister ganz offen seine politische Gegnerschaft. Er verbietet einen von der NSDAP in der Stadt geplanten NS-‹Flaggenschmuck›, ebenso eine bereits angekündigte ‹Rheinbeleuchtung zu Ehren Hitlers›. Ein paar in der Nacht hoch oben auf der Deutzer Brücke gesetzte Hakenkreuzfahnen lässt er von städtischen Arbeitern herunterholen. Anders als alle anderen Oberbürgermeister der von Hitler besuchten Städte lehnt er es sogar ab, den Regierungschef am Flughafen zu empfangen. Hitler komme ja nicht als Reichskanzler, sagt Adenauer, sondern nur als Wahlkämpfer, er sei also ein Politiker wie jeder andere auch. Das ist eine gezielte Provokation, und der ‹Westdeutsche Beobachter› von Gauleiter Grohé warnt unverhohlen: ‹Herr Adenauer mag wissen, dass solche Herausforderungen sich in Zukunft rächen werden.› Nur vor den von der NSDAP gemieteten Kölner Messehallen, wo Hitler seinen Auftritt hat, wehen die Hakenkreuzfahnen.»


Widerstand gegen Hitler. «Immer wieder versuchen Männer, die Adenauer von früher kennen und schätzen, ihn für den Widerstand zu gewinnen. Er soll für den Fall des Todes von Hitler und des politischen Umbruchs eine führende Rolle in der dann einzusetzenden neuen Regierung übernehmen. Vor allem Jakob Kaiser, ein Mann aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung des Rheinlands, will ihn davon überzeugen, dass Widerstand nicht nur notwendig, sondern auch aussichtsreich ist. Letzteres allerdings ist genau das, was Adenauer zu keiner Zeit glaubt. (…) Der ‹Tyrannenmord› gehört nicht zu Adenauers Ideenwelt, aber er hat auch ganz pragmatische Bedenken: Er traut diesen Männern, die offenbar teilweise unter Gestapo-Überwachung stehen, und auch den beteiligten Offizieren den Putsch und das Attentat nicht zu. Und er hat auch weitergehende Vorbehalte: Er hält das politische System, das die Aufrührer nach einem gelungenen Putsch errichten wollen, für grundfalsch – wegen der eher rückwärtsgewandten Vorstellungen dieser Männer, die in ihrer Mehrheit monarchistisches und antirepublikanisches Gedankengut pflegen und teilweise sogar Antisemiten sind.» 


Im Außenlager des KZ Buchenwald. «Beinahe vier Wochen lang geschieht weiter nichts; die ungeheure Spannung beginnt schon zu weichen. Dann schlagen sie zu. Am Mittwoch, 23. August 1944, morgens um sechs Uhr, wird Adenauer in seinem Rhöndorfer Haus verhaftet. Entweder ist bei den vielen Verhören in Berlin, teils unter der Folter, sein Name gefallen, oder die Gestapo arbeitet einmal mehr die alten Listen ab, auf denen die dem Regime feindlich gesinnten Größen der Weimarer Republik aufgeführt sind. Man bringt ihn zunächst in den Gestapo-Keller im Bonner Kreuzbergweg, später mit einem Sammeltransport nach Köln, in ein Barackenlager der Gestapo auf dem Kölner Messegelände, nahe der Hohenzollern brücke. Es ist ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald.»


Kurt Schumacher und Adenauer. «Der Unterschied in den politischen Grundhaltungen bei Adenauer und Schumacher ist von Anfang an unüberbrückbar: Schumacher ist ein linker Nationalist und preußischer Zentralist, der als Anhänger des Bismarck-Staates immer von der Idee des Reiches ausgeht, das selbständig, stark und unabhängig ‹in der Mitte zwischen Ost und West› wiedererstehen soll; Adenauer ist der konservative Europäer und rheinische Föderalist, der die alte preußische ‹Vergötzung des Staates› ablehnt, die feste Anbindung an den Westen will – für Schumacher eine ‹reichsgefährdende Idee› – und der eine Position der Mitte im Kalten Krieg für ganz unmöglich halt.»


Private Schicksalsschläge. «Gussie stirbt am 3. Marz 1948, einem strahlend schönen Frühlingstag, im Bonner Krankenhaus, im Beisein ihres Mannes und der Kinder. ‹Nun brach einfach alles zusammen›, sagt Libet Werhahn. Adenauer schließt sich ein, tagelang, er will niemanden sehen, will auch nichts essen. Er ist für niemanden erreichbar, auch nicht für seine Kinder. Mehr als sechzig Jahre später erinnern sich Schorsch und Libet an das Gefühl, gänzlich allein gelassen zu sein und trostlos. ‹Von unserem Vater konnten wir keinen Trost erwarten.› Von jetzt an sind sie allein mit diesem Vater, ‹einem Mann, der völlig unnahbar wurde›. Adenauer offenbart sich nicht seinen Kindern, sondern nur einem älteren Freund – und das auch nur ein einziges Mal. ‹Der Tod seiner Frau war für ihn wie eine Amputation›, notiert Heinrich Brüning, der ehemalige Reichskanzler, nach einem Besuch in Rhöndorf, ‹seitdem fühlt er sich, wie er sagt, wie ohne Wurzeln in der Welt.›»


Drama Koreakrieg. «Früh am Morgen des 25. Juni 1950 überschreiten nordkoreanische Truppen die Demarkationslinie nach Südkorea; gleichzeitig greifen nordkoreanische Flugzeuge den US-Luftwaffenstützpunkt Gimpo im Südteil des Landes an. (…) Während die US-Air-Force anfängt, Ziele in Nordkorea zu bombardieren, dringen die nordkoreanischen Truppen sehr schnell weiter in den Süden vor. Bereits am dritten Tag muss die Regierung aus Seoul fliehen. Am Ende der ersten Kriegswoche befiehlt Harry S. Truman den Einsatz amerikanischer Bodentruppen in Korea. Es ist der Beginn des Dritten Weltkriegs. Das befürchten zumindest Millionen Menschen überall auf der Welt. In Westdeutschland fangen Hunderttausende Familien an, in panischer Angst Lebensmittelvorräte zu horten. Nicht nur Adenauer sieht die Ähnlichkeiten zwischen Korea und Deutschland, sie sind offenkundig. In beiden Ländern haben die Amerikaner und Sowjets bei Kriegsende je einen Teil unter ihre Herrschaft gebracht; beide Länder sind seitdem geteilt. Wie an der innerdeutschen Grenze zur DDR, so verläuft in Korea entlang des 38. Breitengrades die Konfrontationslinie der beiden Supermächte, die zu unversöhnlichen Feinden geworden sind. Ist es nicht logisch, dass der nächste Schritt der Sowjets ein Angriff an der anderen Konfrontationslinie, also auf die Bundesrepublik sein wird?»

«Do jitt et nix ze kriesche»


Sakrale Kunst und religiöses Erleben. «An manchen Abenden zieht er sich ganz zurück in die Gesellschaft seiner Gemälde. Da gibt es eine Madonna von Stephan Lochner, die er immer wieder betrachtet; eine Madonna mit Kind von Joos van Cleve; das Porträt eines unbekannten Mannes, von El Greco gemalt; ein kleines Frauenporträt Raffaels, das er liebt, auch wenn es vielleicht doch nur dessen Schüler Vincenzo Tamagni gemalt hat. Dort das Porträt des Dogen Francesco Dona, ein Werk des großen Tizian. Außerdem hängen in seinem Rhöndorfer Haus Werke von Lucas Cranach, von Martin Schongauer und Paolo Veronese – einige der klangvollsten Namen der europäischen Kunstgeschichte in einer exquisiten privaten Sammlung. Es sind vor allem Werke frühmittelalterlicher Malerei mit christlichen Motiven, an denen sich seine religiösen und philosophischen Meditationen entzünden. Geburt, Leben, Tod, Auferstehung: vor diesen Bildern verbringt der gläubige Katholik seine nachdenklichsten, vielleicht auch seine schönsten und intimsten Stunden – weltabgewandt, wie das schöne alte Wort lautet. (…) Die Kunstbetrachtung als religiöses Erleben – sie gehört zu den unbekannten Seiten des alten Mannes in Rhöndorf, in dessen Persönlichkeit es viele Bereiche gibt, die er ganz und gar vor der Öffentlichkeit verbirgt, sogar vor Freunden.»


Adenauer, Helmut Schmidt und die Wiederbewaffnung. «In der Bevölkerung gibt es nach wie vor erheblichen Widerstand gegen die neue Wehrmacht und die alten Nazi-Generäle. Die SPD ist immer noch, wie zu Schumachers Zeiten, strikt gegen die Aufrüstung, aber es gibt mindestens einen Sozialdemokraten, der sich der Mehrheitsmeinung nicht fügt. Der frühere Oberleutnant der Wehrmacht Helmut Schmidt begrüßt die neuen Streitkräfte begeistert und kündigt sogar in einer Hamburger Zeitung an, er werde ‹der erste Abgeordnete sein, der sich freiwillig zu einer Reserveübung bei den Streitkräften meldet›. Schmidt, der seit 1953 im Bundestag sitzt, leistet sich auch an einem anderen Punkt eine eigene Meinung: Obwohl es bereits Adenauer die heftigste Kritik vonseiten der SPD eingebracht hat, als er den früheren Wehrmachtssoldaten eine quasi unbefleckte ‹soldatische Ehre› zubilligte, geht der sozialdemokratische Abgeordnete Schmidt noch einen Schritt weiter. Er will auch die ehemaligen Männer der Waffen-SS – natürlich immer nur ‹soweit sie keine Verbrechen begangen haben› – rehabilitiert wissen.»


Adenauer und Ludwig Erhard. «Adenauer setzt sich allerdings mit Erhard nicht mehr grundsätzlich auseinander, sondern behandelt ihn nur noch mit der kalten Autorität, derer er fähig ist. Manchmal rügt er ihn scharf wegen einzelner Satze in Interviews, die dem Kanzler nicht passen, und notfalls holt er mit der großen Keule aus: ‹Ich muss Sie dringend ermahnen, die Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers zu respektieren.› Er demütigt ihn auch in den Details des Alltags, indem er ihm beispielsweise eine Reise in die USA einfach untersagt, wie einem kleinen Angestellten. Er wirft ihm sogar vor, ‹in entscheidenden Momenten krank gewesen› zu sein, und es kommt vor, dass er ihn in Kabinettssitzungen rücksichtslos bloßstellt. Erhard ist diesem autoritären Kanzler gegenüber von einer geradezu unfassbaren Loyalität, bis schließlich, um 1959/60, die Beziehung völlig zerbricht, die Partei in eine Zerreißprobe gerät und es für Adenauer nur noch darum geht, diesen ‹völlig ungeeigneten› Mann als seinen Nachfolger zu verhindern.»


Adenauer, Kennedy, Willy Brandt. «Adenauer weiß, dass es für einen Politiker gefährlich ist, fünfundachtzig zu werden; der Schritt vom geliebten Patriarchen hin zum Greis, der sich selbst überlebt hat, ist winzig klein. (…) Abends, im flackernden Licht der Pechfackeln, der Große Zapfenstreich der Bundeswehr – er übersteht das alles ohne ein Zeichen von Müdigkeit. Mit ihm ist also weiterhin zu rechnen, das ist die Botschaft. Sie ist wichtig, denn eine neue Generation von Politikern ist angetreten, den alten Führern ihre Posten und ihre Macht zu entreißen. ‹Diese jungen Leute›, wie Adenauer sagt, sie sind plötzlich überall. Besonders grell ins Scheinwerferlicht der Welt getreten ist im November der Senator von Massachusetts, John F. Kennedy, der die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat und in diesen Tagen in sein Amt eingeführt wird. Geboren 1917, also in dem Jahr, in dem Adenauer in Köln zum Oberbürgermeister gewählt wurde, stelln Se sich dat mal vor! Er hat Präsident Eisenhower abgelöst; aber sogar der ‹alte General Eisenhower› ist fast fünfzehn Jahre jünger als Adenauer. Und dann ist da noch der junge Berliner Bürgermeister Willy Brandt, den seine Partei vor sechs Wochen zum Kanzlerkandidaten der SPD und damit zum Herausforderer Adenauers bei der kommenden Bundestagswahl gekürt hat – ein Mann, der es an Härte und antikommunistischer Entschlossenheit jederzeit mit Adenauer aufnehmen kann.»


August 1961: Mauerbau. «Anfang der neunziger Jahre wirft der Historiker Henning Köhler Adenauer vor, in diesem historischen Moment ‹ein alter Mann› gewesen zu sein, der ‹nur noch Angst vor einem Atomkrieg wegen Berlin› hat. Adenauer habe die von Kennedy meisterhaft praktizierte ‹Politik der Abschreckung› gar nicht mehr verstanden. Diese Politik beruhe darauf, so Köhler, ‹dass man den Gegner nur durch die Entschlossenheit, auch zum Einsatz von nuklearen Waffen bereit zu sein, von gefährlichen Aktionen abhalten kann›. Eine solche Politik, nämlich auch mal ‹hart am Abgrund entlangzusteuern›, sei dem alten Kanzler ‹völlig fremd geworden›. (…) Erst am 22. August fliegt Adenauer in die geteilte Stadt, die jetzt tatsächlich physisch, durch Mauer und Stacheldraht, geteilt ist. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt, zugleich sein Herausforderer im Wahlkampf, begrüßt ihn kühl. Die Westberliner Bevölkerung lässt ihn spüren, dass man ihn jetzt eigentlich auch nicht mehr braucht.»


«Herr Brandt alias Frahm». «Nachdem er sich zwischenzeitlich in Cadenabbia erholt hat, kommt er am Donnerstag, dem 10. August 1961, nach Bonn zurück, um in die heiße Phase des Wahlkampfs einzusteigen. Am Samstag, dem Tag vor dem Mauerbau, wird ihm der Text einer Rede vorgelegt, die sein Herausforderer Willy Brandt in Nürnberg gehalten hat. Brandt trifft damit den Kanzler an seiner empfindlichsten Stelle, dort, wo er sich nicht wehren kann: bei seinem hohen Alter. Es sei Zeit, so Brandt, ‹diesen Greis›, der bereits dauerhaft ‹zum Denkmal erstarrt› sei, ‹vom Sockel zu stoßen›. Zwei Tage später, am Montag, setzt Adenauer ungerührt den Wahlkampf fort und zahlt es Brandt an dessen empfindlichster Stelle heim: bei dem tiefen Schmerz und der Kränkung Brandts, dass sein Kampf als Antifaschist und sein Schicksal als Emigrant in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft nicht anerkannt werden – schlimmer noch, dass er deshalb vielen Deutschen als ‹Verräter› gilt. Es ist zutiefst verletzend und infam, dass Adenauer über ihn als ‹Herr Brandt alias Frahm› spricht. Übrigens hat schon Franz Josef Strauß mit denselben bösen Ressentiments auf Wählerstimmen spekuliert, als er in gespielter Harmlosigkeit fragte, ‹was Brandt eigentlich in jenen zwölf Jahren im Ausland gemacht hat? Was wir gemacht haben, wissen wir ja.› Es ist die Skrupellosigkeit der Wahlkämpfer, denen jedes Mittel recht ist, wenn daraus ein Vorteil gezogen werden kann.»


«Conny, Conny!» «Es ist klug von ihm, dass er nicht sofort, etwa im ersten Zorn, zurücktritt. Er will nicht, dass von ihm das Bild eines Gedemütigten, eines Geschlagenen als letztes Bild überdauert. Er nimmt sich Zeit. Und tatsächlich, plötzlich schlägt die Stimmung um; es ist, als würde man von einer dramatischen Großaufnahme zurückschneiden in eine Totale, in der auch alle anderen Dinge sichtbar werden, die zur Geschichte gehören. (…) Und jetzt, Ende Juni 1963, während er souverän und würdevoll den amerikanischen Präsidenten empfängt, hat Adenauer seine Statur bereits vollends zurückgewonnen. Und wohl auch die Sympathie, vielleicht gar die Liebe vieler Menschen, sogar in Berlin. Als Kennedy vor Hunderttausenden Berlinern vor dem Schöneberger Rathaus seine Rede über die Freiheit hält und seinen alsbald berühmt werdenden Satz vom Blatt abliest – ‹Ish bin ein Bearleener› – , rufen die Menschen in rhythmischem Chor ‹Ken-ne-dy, Ken-ne-dy, Ken-ne-dy!›, und während dann der Regierende Bürgermeister Willy Brandt zu seiner Rede ansetzt, geschieht auf einmal das völlig Überraschende: Hunderttausende rufen nach dem Bundeskanzler, mit einer liebevollen, spontan erfundenen Koseform seines Namens, sie rufen ‹Con-ny, Con-ny, Con-ny!›, immer weiter, minutenlang. Adenauer versteht es zunächst selbst nicht – wer hatte ihn je Conny genannt? –, dann geht ein breites Lachen über sein Faltengesicht.»


Der 19. April 1967 … «ist ein wunderschöner Tag, strahlend blauer Himmel, es ist der letzte Tag im 91-jährigen Leben Konrad Adenauers. Es war ein langes Sterben, in katholischer Zuversicht, er hatte gebeichtet, und sein Sohn, Monsignore Paul Adenauer, hatte ihn mit den Sterbesakramenten versehen. Er stirbt im Bewusstsein, er habe seine Pflicht getan, er habe zielstrebend und fruchtbringend gestaltet: Köln, die Bonner Republik und Europa. Um Abschied von seinen Kindern zu nehmen, hatte er sie kommen lassen, sie saßen weinend um sein Bett. Es gäbe keinen Grund zu weinen, sind seine letzten Worte: ‹Do jitt et nix ze kriesche.›»

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