17.07.2017   von rowohlt

«Knie nieder – ich bin die Zahnhexe!»

Hinreißender Horror, wie ihn Kinder lieben – von David Walliams, dem erfolgreichsten britischen Kinderbuchautor der letzten Jahre

© Tony Ross (Illustr.)
© Tony Ross (Illustr.)

Dunkelheit hatte sich über die Stadt gesenkt. Merkwürdige Dinge geschahen. Kinder legten beim Zubettgehen einen Zahn für die Zahnfee unter ihr Kopfkissen, doch am nächsten Morgen fanden sie ... eine tote Schnecke, eitrige Heftpflaster, abgerissene Zehennägel, Unmassen von Ohrwürmern, die unter dem Kissen herumkrabbelten.  Oder Schlimmeres, viel Schlimmeres. Hier war Böses am Werk – aber wer oder was steckte dahinter? Der zwölfjährige Alfie Griffith und seine Freundin Gabz ahnen, wer hinter diesem Horror stecken könnte. Für beide ist es der Beginn eines aufregenden, gefährlichen Abenteuers …


«Vorsicht, dies ist eine Horrorgeschichte!» Sage keiner, vor dieser gruseligen Geschichte nicht rechtzeitig gewarnt worden zu sein. David Walliams höchstpersönlich tut es, und zwar, BEVOR er von Alfie, Gabz und Miss Wurzel erzählt. (Natürlich geht diese Geschichte gut aus, wir alle lieben doch Happy Ends, oder? Aber bis dahin ist es ein ziemlich weiter Weg!)

«Bis mir die Zähne jedes Kindes in dieser Stadt gehören …»


Um gleich auf den Punkt zu kommen: Alfie hasst es, zum Zahnarzt zu gehen, seit Jahren hat er keine Zahnarztpraxis mehr von innen gesehen. Entsprechend wild, bunt und löchrig sieht es in seinem Mund aus. Seine Angst hat einen Grund: Im Alter von sechs Jahren war er Opfer von Dr. Weiland geworden. Eigentlich war es «ein einfacher Fall von Zahnschmerzen gewesen, doch es endete in einer Katastrophe». Mr. Weiland war sehr alt und halb blind; längst hätte er nicht mehr als Zahnarzt praktizieren dürfen. Aber anstatt Alfies schmerzendem Zahn eine neue Füllung zu spendieren, entschloss sich der alte Her, den Zahn zu ziehen – koste es, was es wolle. Die Prozedur endete in einem Blutbad! Weil sich der Zahn partout nicht lösen wollte, brauchte es der Mithilfe der Sprechstundenhilfe Miss Prahl und der Empfangsdame Miss Kalbfleisch, den Zahn zu ziehen – ach was: herauszusprengen. Wie sich am Ende herausstellte, war es der falsche Zahn. Das zur Vorgeschichte von Alfies Zahnarzt-Panik.


Kein Wunder, dass Alfie vor Schreck zusammenzuckt, als Miss Wurzel, die neue Schulzahnärztin, vorgestellt wird. Scharfe Nase, dünne Stelzenbeine, durchdringender Blick – und ein kaltes strahlendes «Lächeln», weißer als weiß. Miss Wurzel möchte von den Schülern «Mami» genannt werden – ausgerechnet ×Mami»! Ihr erstes Opfer soll Alfie werden, wer sonst: das Kind mit den gaaanz schlechten Zähnen. 


Mit dieser Dame stimmt etwas nicht! Wie kann eine Zahnärztin ganze Säcke voll Süßigkeiten (angeblich zuckerfrei!) an Kinder verteilen? Wieso brennt ihre «Spezialzahnpasta» wie schärfste Säure auf Lippen und Haut? Und warum wimmelt es morgens unter den Kopfkissen der Kinder, die einen ausgefallenen Zahn für die Zahnfee bereitlegen, von so schrecklichen Dingen wie vertrockneten Fledermausflügeln, Legionen von Tausendfüßlern oder lebenden Spinnen? Für Gabz und Alfie ist klar: «Irgendjemand oder irgendetwas klaut den Kindern dieser Stadt die Zähne unterm Kissen weg und lässt etwas Scheußliches zurück.»

Showdown in einer Kathedrale aus Zähnen


Als wäre Alfies Leben auch ohne Miss Wurzel nicht schon hart genug! Seine Mutter ist früh gestorben, und sein Dad ist krank, sehr krank. Als Bergarbeiter in einer Kohlenmine hat er sich seine Lunge ruiniert, das Atmen fällt ihm immer schwerer. Mittlerweile kann er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Aber für Alfie ist er der beste Vater der Welt; liebevoll, aufmerksam, ein unglaublicher Geschichtenerzähler. Fliegende Teppiche und Vampire, das Ungeheuer von Loch Ness und Expeditionen zum Yeti, Piratenschiffe und Aladins Wunderlampe: Alfies Vater schafft es, seinen Jungen in die wildesten Fantasiewelten zu locken. Aber die Angst vor der verrückten Zahnärztin Miss Wurzel kann er Alfie auch nicht nehmen.


Zum Glück taucht irgendwann die resolute Sozialarbeiterin Winnie bei den Griffiths auf.  Sie ist lustig und tatkräftig, sie lispelt beim scharfen -s und ist extrem scharf auf alles Süße. Mit ihrer kleinen roten Vespa ist sie schnell wie der Wind unterwegs (zum Beispiel um ausbüxende Jungs wieder einzufangen). Winnie meint es gut mit Alfie und seinem Vater; leider aber hat sie sich in den Kopf gesetzt, ihn zu der neuen Schulzahnärztin zu bringen. Das ist gut gemeint, aber für Alfie eine Katastrophe. Alfie wird um nichts in der Welt freiwillig einen Fuß in die Tür der Zahnhexe setzen. Also: nichts wie weg! Andererseits, das findet zumindest seine Freundin Gabz: Irgendwer muss dem sadistischen Treiben von Miss Wurzel ein Ende bereiten! Von Typen wie Polizeiwachtmeister Stroh jedenfalls ist keine Hilfe zu erwarten …


Wie viel Freude David Walliams beim Schreiben seines tollen neuen Romans gehabt haben muss, zeigt sich an den unglaublichen Quatschwörtern, die in der Geschichte auftauchen, eines schöner als das andere! Superdolliose Buchichte, gigantströse Bedankeschöns, phänosupastisch, grausengräßlich usw. Sollte es mal regnen in den Ferien (so was kann vorkommen, ehrlich!), könnt ihr mit euren Freunden ja mal dieses Spiel spielen: Ihr denkt euch wilde Fabelwörter aus und bildet aus diesen Sätze, die zusammen einen Megaquatschtext ergeben. Dieses phänosupastische Kunstwerk schenkt ihr nach den Ferien eurer Deutschlehrerin – die wird mächtig stolz auf euch sein! Und sich mit vielen Bedankeschöns erkenntlich zeigen …

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