26.01.2016   von rowohlt

Kirsten Fuchs und ihre sechsjährige Tochter reisen durch die Welt

Menschen, Tiere, Sensationen: Kirsten Fuchs' Reiseblog Welt-und-Kind

© Kirsten Fuchs
© Kirsten Fuchs

Wir sind: Mutter und Kind. Das Kind ist jetzt sechs Jahre alt. Das Kind wird immer nur Kind genannt, obwohl sie einen sehr schönen Namen hat. Ebenso wie ihr Name nicht genannt wird, wird auch ihr Gesicht nie auf den Fotos zu sehen sein, obwohl sie ein sehr niedliches Gesicht hat. Als meine Mutter mich in der Schwangerschaft gefragt hat, was ich mir für ein Kind wünsche, habe ich gesagt: neugierig, mutig, fantasievoll und lustig. Und das ist alles eingetreten.


Zum Reiseblog: http://www.welt-und-kind.de
Zur Autorin: http://www.kirsten-fuchs.de

Ohne Kegel, aber mit Kind über Stock und Stein

Es gibt Kinder, die eine große Freude an «richtig» haben. Sie wollen die Regeln der Welt und der Erwachsenen lernen und anwenden, gefällig sein, dazugehören und gelobt werden. So ist das bei meinem Kind nicht. Sie hat eine große Freude an «anders», eigene Lösungen finden, alles umbauen, an den Regeln zweifeln und rütteln. Ich finde sie wirklich eine tolle, interessante, kluge Person, aber für sie zuständig zu sein ist manchmal ... ach ich lasse mich jetzt nicht hinreißen hinzuschreiben, was es manchmal ist. Ihr werdet sie ja noch kennenlernen.


Ich bin 38 Jahre alt und Schriftstellerin seit bald 17 Jahren, habe ein abgebrochenes Studium und eine abgeschlossene Tischlerausbildung mehr oder weniger vorzuweisen. Ich schreibe Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und jetzt also auch Reiseliteratur. Reisen ist auf keinen Fall mein Hobby oder etwas, das ich schon immer gerne mache. Als andere jung waren und verreist sind, war ich schön am Schreibtisch und habe mir da Geschichten ausgedacht. Ich habe schon immer gern gemalt, gebastelt, genäht, solche Zuhausesachen. Das Reisen wollte ich mal probieren, und das Jahr, bevor das Kind in die Schule kommt, kam mir dafür genau richtig vor …

DER TIGER (Blogeintrag v. 31. Dezember 2015)

Wir unternehmen zwei Safaris, eine in den Sonnenaufgang hinein, eine in den Sonnenuntergang hinein. Beide im Rhantambore Nationalpark. Der liegt in der Nähe der Stadt Agra in der Region Rajistan. Das alles schreibe ich nur hin, weil es so toll klingt. Rahntambore Agra Rajastan. Wenn man das ein paarmal sagt, beginnen die Wörter Zug zu fahren. Der Nationalpark ist etwa so groß wie Frankfurt am Main. Insgesamt weiß man von 60 Tigern. Andere sind vielleicht nicht erfasst.  Im gesamten Land gibt es noch 2500 Tiger.


Von Anfang an sagt man uns, dass es selten ist, den Tiger zu sehen, aber nicht unmöglich. Das ist das Lottosystem. Und angeblich ist das Lottosystem reizvoller für den verspielten Geist von Lebewesen als das Garantiesystem. Das habe ich aus einem Hundeerziehungsbuch (wie ich überhaupt sehr viel aus Hundeerziehungsbüchern gelernt habe). Angeblich, so sagt man, haben bestimmt Wissenschaftler herausgefunden, ist der Anreiz viel höher, wenn die Belohnung unklar ist. Ein Hund, der manchmal Leckerlis, manchmal ein Tätscheln und manchmal ein Spielzeug bekommt, ist motivierter als ein Hund, der immer ein Leckerli bekommt und sicherlich auch als einer, der nie etwas bekommt.


Ich mag die These, und alle Thesen, die ich mag, die merke ich mir, denn sie passen in mein Weltbild und so soll es sein. Als ich allerdings einem Freund einmal erklärte, warum er Lotto spiele, nämlich, weil er vielleicht gewinnen würde und dass er nicht spielen würde, wenn er auf jeden Fall gewinnen würde, sagte er, dass das Quatsch sei und dass er auch Lotto spielen würde, wenn er auf jeden Fall gewinnen würde. Bitte bilden sie sich jetzt eine eigene Meinung dazu.


Ich denke, dass es viel mehr Spaß macht, in freier Wildbahn keinen Tiger zu sehen als im Zoo einen Tiger zu sehen. Auf Englisch heißt es Game Drive, was wir machen. Eine Safari mit anderen Waffen. Wir wollen scharf schießen für ein scharfes Foto. Die Waffe im Anschlag fahren wir durch die Wildnis und lauern, lauschen, fahren weiter. Mit ausgefahrenen Objektiven zielen wir, fokussieren, drücken ab. Peng, ein Pfau. Peng.


Der Guide sagt, dass wir uns nicht zu sehr darauf konzentrieren sollen, den Tiger zu sehen. Wir werden andere Tiere sehen. Pfau, vielleicht Krokodil, Hirsche, Gazellen, Affen. Und den Tiger, den Tiger, den sehen wir nur, wenn wir nicht zu sehr darauf hoffen, auf den Tiger. Der Tourist ist also irgendwie schuld, dass er ihn nicht sieht, den Tiger, der Tourist. Denn er wollte ihn zu sehr sehen, den Tiger, der Tourist. Dass der Tourist wie alle Touristen etwas Besonderes sehen will, ist das Touristenparadox. Der Tourist will nicht sehen, was alle sehen, so wie alle will er das, denn er will ja nicht so touristisch sein. Wenn alle sehen wollen, was keiner sieht, dann sehen es alle, oder es beginnt zu verschwinden. Wenn der Tourist wirklich darauf beharrt, ein seltenes Tier zu sehen, dann sieht er oft nur eine Tierquälerei. Wenn er ein glückliches Tier sehen will, dann sieht er es oft nicht. Aber er sieht eben ein glückliches Tier nicht. Also gibt es zwei Möglichkeiten: Der Tourist sieht kein glückliches Tier (weil es gequält und ausgestellt wird) oder er sieht KEIN glückliches Tier (weil es sich versteckt und oft sehr glücklich ist ohne den Menschen).


Wir sehen viel, aber keinen Tiger

Der Guide sagt, dass er ihn nur sieht, den Tiger, wenn er sich nicht benimmt wie ein Tourist, der Tourist. Sonst sieht er nur andere Tiere und andere Touristen, die den Tiger sehen wollen, aber nur andere Touristen sehen. Ein großes Gemunkel zwischen den Geländewagen, wo der Tiger gestern war und was er gestern tat. Er hat geschlafen im tiefen Gras. Die Tigerart, die im Rathambore Nationalpark lebt, ist der Gesterntiger. Was man vom Gesterntiger sehen kann, sind Fotos. Die Touristen reichen sich die teuren Kameras herum und zeigen sich den halben Tiger, den sie gestern sahen.


Der Nationalpark ist wunderschön. Morgens schmückt ihn der Nebel, abends herrlich flammend die Abendsonne. Felsen rötlich, Wasserlöcher grünlich mit grünlichen Algen, rötlich mit rötlichen Wasserpflanzen obenauf. Gelber Sand, hellgelber Sand, weißer Sand. Roter Staub, orangener Staub. Wir holpern durch den Park, dass mir danach die Brust wehtut. In der Morgendämmerung ist es mordsmäßig kalt und es werden Decken verteilt. Gottseidank habe ich ein Kind dabei und kann behaupten, dass ich es wärmen will. So ein Kind wärmt ungemein.


Wir sehen viel, aber keinen Tiger. Einmal gibt es eine Tigersichtung und ein Gewusel von Geländewagen hebt an, die kreuz und quer und rückwärts fahren. Es gibt Stau, aber keinen Streit. Ich kann mir lebhaft deutsche Autofahrer in der Situation vorstellen, die sich Tiernamen geben. Für die indischen Fahrer ist es in Ordnung, dass es Chaos gibt, weil es zum Leben dazugehört. Es ist ohnehin überall Chaos. Man muss kucken, hupen und Rücksicht nehmen. So ist das im Park auch, nur ohne hupen.
Das Gewusel dauert eine halbe Stunde. Der gesichtete Tiger ist natürlich längst mit seinen Streifen im gestreiften Gebüsch verschwunden, weil die Touristen zu laut geredet haben. Wieder sind die Touristen schuld. Aber mir ist es lieber, als wenn der Tiger schuld wäre, dass der Tourist verschwindet.


Vielleicht gibt es auch einen Morgentiger, aber dann werden wir abgereist sein. Vielleicht haben alle, die den Tiger gesehen haben, einen Punkt auf der Stirn. Alles keine Tiger, aber das wissen sie gar nicht.


Die Händler vor dem Tor zum Nationalpark bieten Rhantambore-Dinge an, Mützen und Handschuhe für Touristen, die dachten, dass es nie kalt ist im indischen Winter. Sie halten auch Tiger hoch. Oh, Mama kuck mal. Weil morgen Weihnachten ist. Dann heißt es handeln. Das mag ich nicht. Ja, es ist ein Spiel, aber ich mag es nicht. Er sagt was, ich sag was und dann verliere ich das Interesse und bezahle. Ich weiß, dass sie mich eh übers Ohr hauen, wie hoch sie mich übers Ohr hauen, ist mir einerlei.
Angeblich verliere ich ihren Respekt, wenn ich gleich bezahle. Und wenn sie meinen Respekt verlieren, wenn sie ihren Respekt wegen so was verlieren? Was nun?



Ich soll 900 für den Tiger bezahlen und bezahle dann 600. Habe einen 500 Gandhi und krame im Touristenbauchbeutel nach einem Hunderter. Hole einen Hundert-Dollarschein raus und gebe ihm den Händler. Was ist dann passiert? Habe ich es noch bemerkt? Hat er es mir gesagt? Habe ich das Geld verloren? 6000 Rupien?


Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Mutter und Kind genießen Indien.
Namaste.

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