03.08.2017   von rowohlt

Kinder kriegen ist wie Krieg führen

Irrsinnig komisch, herrlich derb: So hat noch niemand über die angeblich schönste Zeit im Leben einer Frau geschrieben

© iStockphoto.com
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Für die meisten versprechen die zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest das ersehnte Glück, für Claudia dagegen eher eine mittelgroße Katastrophe. Denn Kinder mag sie eigentlich nicht sonderlich. Und der Umstand, dass sie den Vater in spe erst zwei Monate zuvor im Internet kennengelernt hat, sorgt für zusätzliche Turbulenzen. Mutig wirft Claudia ihre Lebensplanung über den Haufen und tauscht Netflix und Sofa gegen Umstandsmode, Schwangerschaftsyoga und Stillhütchen. Ein wunderbarer Roman über die Liebe in Zeiten der Schwangerschaft.


Dass Autorin und Protagonistin Claudia heißen, muss ein Zufall sein, klar! Während die Buch-Claudia als Doktorandin an der Uni über einem historischen Thema brütet, das jenseits der universitären Mauern kein Schwein interessiert und sie darüber (nicht davon!) schwanger wird, ist von der realen Claudia Folgendes bekannt. Claudia Haessy wurde «gegen ihren Willen» 1982 in Bonn geboren und studierte dort Geschichte und Philosophie. Sie arbeitete als Illustratorin und Autorin und leitet aktuell den Social-Media-Bereich bei Men's Health und Women's Health.


Haessy schreibt hinreißend frech und lustvoll derb. Es gibt Passagen, die muss man anderen einfach laut vorlesen. Dieses Buch mit dem minimalistisch-knappen Titel «Wenn ich die Wahl habe zwischen Kind und Karriere, nehme ich das Sofa» eignet sich perfekt als Geschenk. Zum Beispiel für Frauen, die «all das« (Schwangerschaft, Geburt, Kinderaufzucht) noch vor sich haben. Außerdem für Frauen, die «all das» bereits hinter sich haben. Und für die Mütter dieser Frauen, die mit einem wissenden Lächeln im Gesicht gerne diese «Kind, das hab ich dir doch alles schon erzählt!»-Sätze vorbringen. Ganz nebenbei würde auch den dazugehörigen Männern die Lektüre dieses rasanten, schlauen und unglaublich lustigen Romans nicht schaden. Denn so ganz von allein stellt sich bekanntlich der süße Nachwuchs ja auch nicht ein. 


Zum Einlesen ein paar fetzige Haessy-Sätze:

«So eine verdammte Drecksscheiße, ich kriege ein Baby!»


Große Liebe? Vergiss es! «Dieser Erwartungsbullshit. Ich war nicht auf der Suche nach der Liebe, ich war auf der Suche nach jemandem, der mir den Rücken kraulte, der mit mir zusammen am Wochenende eins mit dem Sofa werden wollte und die gleiche unangemessene Aufregung verspürte, wenn es darum ging, Dinge mit Käse zu überbacken. So etwas musste doch möglich sein.»


«Ich selbst halte mich nur aus, weil ich nirgendwo anders hinkann und ich mein Leben nicht einsam in einer Höhle verbringen will. Allein schon aus hygienischen Gründen, aber vorrangig wegen mangelnden WLANs. Ich glaube dementsprechend auch nicht an die große Liebe, sondern nur an einen unausgeglichenen Hormonhaushalt. Wenn es den Topf zu meinem Deckel, meinen significant other, irgendwo geben sollte, ist er vermutlich ein 52-jähriger Chinchilla-Züchter, der ohne Strom und WLAN in den peruanischen Anden lebt – und wenn mir diese letzte Beziehung eines gezeigt hatte, dann, dass dieser Gefühlskrams nichts für mich ist. Zumindest dachte ich das.»


Per Online-Dating auf die sexuelle Resterampe. «Man muss weder besonders nüchtern noch besonders intelligent sein, um zu wissen, dass es im Netz zwei Sorten von Online-Dating-Portalen gibt. Die für die finanzstarke Elite – die auch nicht nervös mit dem Lid zuckt, wenn sie sieben Euro für einen laktosefreien Latte macchiato grande mit Soja und ohne Schaum bezahlen soll … Was für die anderen übrig bleibt, ist die sexuelle Resterampe des Internets, wo alles landet, was paarungswillige Genitalien, aber Ebbe im Portemonnaie hat. Und damit auch ich.»


«‹Ich bin schwanger» …, nuschle ich in meine Bolognese hinein und versuche zu ignorieren, wie seine Kinnlade fast gegen die Tischplatte donnert: ‹Wirklich?›
‹Jepp.›
Zu sagen, seine Reaktion fällt in den Bereich totalen Entsetzens, wäre untertrieben. Ich vermute, im gesamten Führerbunker herrschte im April 1945 eine entspanntere, zenmäßigere Atmosphäre als in jenem Moment in diesem Zimmer. (…) Doch während ich noch damit hadere, was ich selbst denn möchte, sagt er in die Stille des Raumes plötzlich:
‹Wenn du willst, komme ich mit.›
‹Wohin?›, frage ich und fürchte die Antwort schon zu kennen.
‹Na, zum Termin beim Frauenarzt›, sagt er, ‹für die Abtreibung.›»


«Dabei habe ich nichts gegen Kinder. Nicht per se. Sie sind wunderbar. Solange sie einen Mindestabstand von fünf Metern zu mir halten und ich sie nicht anfassen, füttern, sauber machen oder an ihnen riechen muss. Ich empfinde es schlichtweg als unfair, dass sie die einzige Bevölkerungsgruppe auf der Welt sind, die sich komplett irrational und geradezu wahnsinnig verhalten darf und trotzdem immer noch als süß empfunden wird. (Etwas, was mir regelmäßig verwehrt wird.) Man kann mit ihnen kein gescheites Gespräch führen, und ihre Vorstellung oder gar praktische Umsetzung von Grammatik ist geradezu eine Zumutung. Hinzu kommt, dass rund 80 Prozent ihrer Körperöffnungen undicht sind. Und wenn sie irgendwann halbwegs stubenrein sind, entpuppen sie sich als das reine Böse unter der Sonne, dem man sein restliches Leben das Konzept von sozialem Miteinander und Ethik einbläuen muss.»


Wer ist eigentlich der Vater? «Der Mann sah laut Profilfoto blendend aus und verfügte nach eigenen Angaben sogar über einen Hochschulabschluss. Ich gestehe ganz freimütig, dass mich nach so vielen wüsten Emails allein die richtige Verwendung des Genitivs in seinen Nachrichten ein wenig geil machte. (…)
Alles Anzeichen dafür, dass er kein hochfunktionaler Psychopath war, der die Frauen, die er so im Internet kennenlernte, gerne häppchenweise in einer Kühltruhe aufbewahrte. Der Mann kam eigentlich aus Hamburg, war aber jetzt für drei Monate beruflich in Berlin und kannte hier niemanden. Perfekt, perfekt, perfekt, dachte ich. Nicht nur, dass er in drei Monaten wieder weg sein und das Ganze damit ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben würde. Als Journalist hatte er auch noch einen Beruf! Normalerweise hatten alle Männer, die man in Berlin traf, bestenfalls ‹Projekte›, was in der Regel nur ein Euphemismus für ‹Kriegt gerade gar nichts gebacken!› und ‹Alter, ich bin so derbe arbeitslos und pleite!› ist.»

«Jonah ist eine Zier. Das Klitschkohafte in seinem Gesicht nehme ich kaum noch wahr …»


Eine neue Runde ‹Finde die Hebamme›. «Ich bin verdammt spät dran. Offenbar ist es einfacher, Donald Trump einen IQ-Test bestehen zu lassen, als im sechsten Monat eine Hebamme zu finden, die nicht ‹ausgebucht› ist.»


Natürliche Geburt? Nein, danke! «Mir ist es egal, in wie viele Vaginas die Hebamme schon gestarrt hat, durch wie viele Liter Blut und Plazenta sie in ihrem Leben schon gewatet ist, das hier ist meine Vagina, und sie mag es nicht, wenn man in sie hineinstarrt, als wäre sie ein Exponat in einer Ausstellung, als würde man an ihr herumwerkeln wie an einem feuchten Klumpen Ton. Es wird also keine Geburt geben. Zumindest keine natürliche. Kaiserschnitt it is. Ich bin keine Termin-Mutti, die einen Kaiserschnitt braucht und will, weil sie am selben Nachmittag noch zur Pediküre muss und schließlich am Samstag auch noch das Tennis-Turnier ist. Ich bin lediglich eine fleischgewordene Ansammlung wirrer Neurosen und hypochondrischer Stimmen in meinem Kopf.»


Wie soll's denn heißen, das Kleine? «Doppelnamen sind ja der Kracher heutzutage.
‹Ich mag Ella gerne›, sage ich, und das ist noch nicht mal komplett gelogen. Louisa zuckt zusammen: ‹Uh!›
‹Uh? Was uh?›
‹Ach nichts. Wir hatten mal eine Katze, die Ella hieß. Die war so lieb, super verschmust. Aber nachher hatte eine Fliege Eier in ihr abgelegt, und dann war sie voller Würmer und Maden und so, und wir haben sie eingeschläfert.›
Gut. Dann eben nicht Ella. Ich würde ihr ganz sicher nichts von meinem eigentlichen Namens-Favoriten erzählen: Hannah. Nachher hat Louisa noch eine verstoßene Groß-Cousine, die in Brandenburg ein erfolgreiches Crack-Imperium führt.»


«Kinder kriegen ist wie Krieg führen. Er liegt seit gut zehn Minuten auf meinem nackten Oberkörper und motzt. Er. Es. Das Baby. Jonah. Das ist sein Name. Beziehungsweise: Das wird sein Name sein. (…)
Während die Exkremente meines Erstgeborenen wie eine Fango-Heilschlamm-Packung langsam vor sich hin trocknen, knötert der kleine Prinz. Ununterbrochen. Leise. Wie ein im Traum knurrender Welpe. Keine Stunde alt und schon offenbart sich das schlechtgelaunte Herz eines Nörgelrentners. Vermutlich hätte ich auch eine Scheißlaune, wenn man mich, obwohl ich noch gar nicht das Signal zum Angriff gegeben habe, aus meiner warmen und wohligen Behausung gerissen hätte. Ich eskaliere ja schon regelmäßig, wenn sonntags das Telefon klingelt und jemand es wagt, mit mir ein Gespräch mit vollständigen Sätzen führen zu wollen …»

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