09.11.2017   von rowohlt

«Keine Scherereien, oder du bist tot»

«Die aufsehenerregendste Krimiheldin unserer Zeit» (Sunday Times): Fiona Griffiths unterwegs in geheimer Mission

© iStockphoto.com
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Fiona Griffiths ist eine Frau voller Probleme – und eine Spitzenpolizistin. Die Ausbildung zur Undercover-Agentin hat sie mit Bravour absolviert. Als ihre  Abteilung einem gigantischen Abrechnungsbetrug auf die Spur kommt,  wird sie als Putzfrau unter dem Namen «Fiona Grey» in eines der betroffenen Unternehmen eingeschleust – die Operation Tinker läuft an.  Für diesen Job ist Fiona prädestiniert: Keiner weiß, warum sie so mühelos in andere Rollen schlüpfen kann. Keiner weiß, womit ihr Vater sein Geld verdient. Auch die Betrüger erkennen schnell ihre spezielle Begabung und machen sie zum Teil eines perfiden Plans … Harry Binghams Kriminalroman «Fiona» ist ein großer Wurf. Auf den Punkt geschrieben, rasant, lakonisch – und mit einer Heldin, über die man noch viel mehr lesen möchte.

«Das schwarze Wasser fließt unaufhörlich Richtung Meer …»


Fiona Griffiths ist speziell. Sehr speziell. Andere sagen: verkorkst. Sie mag Dinge, die außer ihr kaum jemand mag. Zum Beispiel um vier Uhr morgens aufstehen, um in irgendwelchen tristen Großbüros in Cardiff als Billiglöhnerin putzen zu gehen. Fiona mag Regeln, strukturierte Abläufe, klare Befehlsketten. Weil sie ihr Sicherheit geben, Orientierung, Halt. Mit Gefühlen kommt Fiona nicht gut klar; sie weiß oft einfach nicht, welcher Gesichtsausdruck welche Gefühllage abbildet: Trauer, Zorn, Glück, Furcht, Sehnsucht, Schmerz, Zärtlichkeit. 


Fiona leidet unter dem  Cotard-Syndrom, einer seltenen Krankheit, die sie in der Pubertät wie aus dem Nichts angefallen hatte und die später immer wieder schubartig auftrat: «Zu den wichtigsten Symptomen zählen Wahnvorstellungen und Depressionen, die zu einer extremen Form der Depersonalisierung führen», heißt es bei Harry Bingham in einer Anmerkung. «Die Betroffenen halten sich für tot … So gut wie in jedem dokumentierten Fall liegt ein traumatisches Erlebnis in der frühen Kindheit zugrunde. Eine vollständige Heilung ist kaum möglich.» Noch die stupideste Büroarbeit (oder eben das Putzen) hilft ihr, ihr Leben unter Kontrolle zu halten. «Polizeiarbeit ist das Einzige, das ich richtig gut kann. Ein ganz normales Leben zu führen finde ich viel schwieriger.»


Bei einer Überprüfung der Gehaltsabrechnung eines Möbelmarkts stoßen Finanzbeamte auf «Unregelmäßigkeiten». 38.000 Pfund wurden, über zwei Geschäftsjahre verteilt, an Mrs. Adele Gibson und Mrs. Hayley Morgan überwiesen – und sofort weitertransferiert an einen gewissen T. M. Baron. Als man Hayley Morgan findet, ist die alte Dame seit Tagen tot. «Winzig sieht sie aus, zerbrechlich. Hingeworfen, nicht gefallen … Morgan ist fürchterlich mager. Die Knochen, die sich scharf unter der Haut abzeichnen, sind ein schrecklicher Anblick. Die walisische Version einer afrikanischen Hungersnot.» Nachdem alles, was in ihrer Wohnung an irgendwie Essbarem zu finden war, aufgebracht war, ist die alte Dame verhungert. Der Mauerputz ist abgenagt, selbst der Karton mit Rattengift ist leer bis aufs letzte Körnchen.


Achtzehn Monate lang hatten die beiden Frauen Zahlungen von dem Möbelmarkt in Cardiff bezogen. Vor zwölf Wochen dann wurden ihre Konten bis auf den letzten Penny leergeräumt. Kontostand: 0,00 Pfund. Am Ende stand für Hayley Morgan der Hungertod. Mit dieser Masche arbeitet die Tinker-Bande auf breiter Front; in einer Vielzahl von Firmen wurde die Gehaltsabrechnung manipuliert mit dem Ziel, Millionenbeträge auf ihre Konten auf den Virgin Islands und anderen Steuerparadiesen abzuzweigen. Voraussetzung dafür ist, dass irgendjemand in der Lohnbuchhaltung der Unternehmen gemeinsame Sache mit den Kriminellen machen muss.

Fiona – verdeckte Ermittlerin, Putzfrau, Lockvogel


Und hier kommt Fiona Griffiths ins Spiel. Sie lässt sich in einem Crashkurs zur Spezialistin in der Lohnbuchhaltungssoftware des Versicherungsunternehmens Western Vale ausbilden, um dort als verdeckte Ermittlerin mit perfekter Legende in Kontakt mit der Bande zu kommen. Der Plan funktioniert. Als Fiona Grey steht sie bald auf der Payroll der Kriminellen; Vic Henderson, ihr Kontaktmann, hat Großes mit ihr vor. Weil Fiona trotz ihres Jobs bei Western Vale weiter frühmorgens ihren Putzjobs nachgeht, bieten sich ihr in den Büros reichlich Gelegenheiten, Trojaner und Malware in die Computersysteme einzuschleusen. Nur so kann sie das Vertrauen des Syndikats gewinnen und dafür sorgen, dass die Operation Tinker mit der Zerschlagung der Bande endet.


Fionas Kollegen in Cardiff gelingt es, die externen IT-Berater des Möbelmarkts ausfindig zu machen. Einer von ihnen, Saj Kureishi, ist der Mann, dessen Leiche ein paar Tage zuvor in einem abgelegenen Cottage in Devon gefunden worden war: «Man hatte ihn an einen Stuhl gefesselt und ihm die Hände abgehackt. Es gab keine weiteren Anzeichen von Gewalteinwirkung, was wohl heißt, dass man ihn verbluten ließ.» Kureishi hatte mithilfe seiner Schwägerin den Firmencomputer infiltriert. Ob er seine Auftraggeber vom Syndikat erpresste und dafür mit dem Leben bezahlte?


Immer tiefer verstrickt sich Fiona in ihre heikle Undercover-Mission. Bis auf den Big Boss kennt sie mittlerweile die gesamte Führungsebene der Tinker-Bande: Spezialisten für Offshore-Banking, Security-Typen, IT-Freaks, frisch aus Bangalore eingeflogen. Von Tag zu Tag wird die Situation für sie gefährlicher. Gut für Fiona, dass sie einen Vater hat, der zwar eine beeindruckende kriminelle Karriere in den Sektoren bewaffneter Raubüberfall, Entführung, Brandstiftung und illegaler Waffenbesitz  hinter sich hat, aber längst nur noch in legale Geschäfte investiert, also quasi «Cardiffs unschuldigster Mann». Und der seine Tochter so sehr liebt, dass er sie notfalls eigenhändig aus jedweder Bedrängnis herausschießen würde …


Mit ihren Insiderkenntnissen ist Fiona für Vic Henderson und seine Leute unverzichtbar geworden – und zu einer tödlichen Gefahr. Was wird mit ihr geschehen, wenn der gigantische Coup, den das Syndikat plant, geglückt ist? Nach Cardiff sollen landesweit operierende Unternehmen und Behörden in Birmingham und dann in London «abgeschöpft» werden – mit verheerenden Folgen für die gesamte Wirtschaft Großbritanniens. Nur noch wenige Wochen bleiben bis zum final countdown, dem «größten Raub der Geschichte» …

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