11.03.2013   von rowohlt

Braune Zwerge, robuste Wale und anderes Unwissen

Fragen über Fragen, denen Kathrin Passig, Aleks Scholz und Kai Schreiber im «Neuen Lexikon des Unwissens» unerschrocken zu Leibe rücken.

© Jan Bölsche/Susanne Schleyer/Privat
© Jan Bölsche/Susanne Schleyer/Privat

Warum bekommen Wale so selten Krebs, wo sie doch so viel mehr Zellen haben als Menschen? Kann ein Geschoss, auch wenn es kein lebenswichtiges Organ trifft, den spontanen Tod eines Lebewesens hervorrufen? Existieren all die schönen Zahlen, Logarithmen und Ableitungen der Mathematik in einem Paralleluniversum und warten nur darauf, hervorgezerrt zu werden, oder sind sie ein Konstrukt unseres Gehirns? Und aus welchem Grund, bitteschön, gibt es etwas – evolutionstechnisch gesehen – so Sinnloses wie den weiblichen Orgasmus? 

Orgasmus – evolutionstechnisch der reinste Luxus

Die einzige ehrliche Antwort der Wissenschaft darauf wäre: Wir wissen es nicht. Noch nicht. Da aber auch Wissenschaftler Menschen sind, die zum einen ungern der Konkurrenz recht geben und zum anderen ihre Etats sichern müssen, wird die Öffentlichkeit mit einer Unmenge von Erklärungen bombardiert, von denen viele schon widerlegt sind, wenn sie erscheinen.
Nach dem erfolgreichen Erstling Lexikon des Unwissens legen Kathrin Passig, Aleks Scholz und Kai Schreiber nun nach und umreißt abermals Problemfelder, in denen kaum Wissen als gesichert gelten kann. Drei blitzgescheite Köpfe referieren Theorien, lassen sie von der Gegenseite zerpflücken und zeichnen den Grenzverlauf zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Lagern nach. Da sie selbst keiner Strömung angehören, erledigen sie das weitgehend vorurteilsfrei und sezieren mal kalt lächelnd, mal mit fröhlich-breitem Grinsen. Heraus kommt am Ende eine Bestandsaufnahme der Forschung auf der Höhe der Zeit, die stets mit witzigen Vergleichen um Anschaulichkeit bemüht ist, ohne je dümmlich zu vereinfachen.

Was wissen wir über Braune Zwerge?

Es geht um den Menschen an sich und Teile von ihm, um das All und die Erde und die Naturwissenschaften. Es geht um «Funktionelle Magnetresonanztomographie» und «Ernährungslehre», um «Krieg», «Lebenserwartung» und «Braune Zwerge».
Und der Leser stellt erstaunt fest, welches Bündel an längst widerlegten Thesen er doch als scheinbar gesichertes Wissen mit sich herumschleppt. Megacryometeore zum Beispiel, jene fliegenden Eisbrocken, stammen weder aus Flugzeugtoiletten noch aus dem All. Und wenn sie riesige Hagelbrocken sind - warum schlagen sie dann auch bei strahlendem Sonnenschein im Vorgarten ein?

Good old Sokrates!


Oder nehmen wir weibliche Brüste. Wozu sind weibliche Brüste gut, wenn sie doch nur die Bewegungsfreiheit einschränken und kein anderes Säugetier sich dauerhaft welche wachsen lässt? Nein, sie signalisieren Männern keine gesicherte Ernährung künftiger Kinder. Und nein, sie sind nicht bloß Nebenprodukt der Einlagerung von Fettreserven. Und ein drittes Mal nein: Es gibt keine haltbare Begründung, warum sie für Männer attraktiv sein könnten. Vorerst und weiterhin müssen wir uns wohl mit der Erkenntnis begnügen, «dass Brüste keinen besonderen Zweck haben, sondern einfach da sind. Viele sind auch damit schon ganz zufrieden.»
Am Ende bleibt dem Leser nur, sich wieder einmal der Einsicht des alten Sokrates - oder vielleicht doch Platos - zu beugen: «Ich weiß, dass ich nichts weiß.» Aber selten wurde man so amüsant und nachdrücklich darauf hingewiesen.
(Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Thilo Vonderheide)


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