24.07.2018   von rowohlt

«Niemand würde ihr mehr etwas einreden …»

Katharina Adler erzählt die Geschichte einer Frau zwischen Welt- und Nervenkriegen, Exil und Erinnerung

© Christoph Adler
© Christoph Adler

Sie ist eine der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts: Dora, das jüdische Mädchen mit der «petite hystérie» und einer äußerst bewegten Familiengeschichte. Dora, die kaum 18 war, als sie es wagte, ihre Behandlung bei Sigmund Freud vorzeitig zu beenden. Für Katharina Adler war die widerständige Patientin lange nicht mehr als eine Familienanekdote: ihre Urgroßmutter, die – nicht unter ihrem wirklichen Namen und auch nicht für eine besondere Leistung – zu Nachruhm kam, und dabei mal zum Opfer, mal zur Heldin stilisiert wurde. Von ihr, von «Ida», handelt dieser mitreißende Roman – eine Geschichte, in die sich ein halbes Jahrhundert mit seinen Verwerfungen eingeschrieben hat.

DAS INTERVIEW


Im ZEITmagazin haben Sie «Ida», die Geschichte Ihrer Urgroßmutter Ida Bauer-Adler, als das wichtigste und schönste Schreibvorhaben Ihres Lebens bezeichnet. Um uns Ihrem großen Roman vom Ende her zu nähern: Sie haben mehr als ein halbes Jahrzehnt mit dem Dora/Ida-Stoff verbracht. Was für ein Gefühl ist es, wenn der letzte Satz («Wenn es dunkel wird und der Vorhang sich hebt») geschrieben und der letzte Punkt gesetzt ist? Was überwiegt – die Erschöpfung (weil das Ida-Projekt ungeheuer anstrengend war), das Glücksgefühl («Ich habs wirklich geschafft»), vielleicht sogar ein Stück Traurigkeit, dass es vorbei ist?
Auch wenn das Schreiben des Romans immer wieder anstrengend war und ich danach eine Erholungspause gebraucht habe, war Erschöpfung zum Glück nicht das überwiegende Gefühl. Eher eine schöne Melancholie. Melancholisch war ich, «Ida» jetzt ziehen lassen zu müssen, aber schön fand ich es auch, nicht nur, weil ich es geschafft hatte, sondern weil jetzt – nach vielen Jahren – wieder Platz für etwas Neues ist. Das ist, trotz aller Wehmut, ein ziemlich gutes Gefühl.


«Die Geschichte von Freuds ‹Dora› ist oft erzählt worden», hat Donna Leon geschrieben. «Selten gleichen sich die Geschichten. Nach jahrelangen Recherchen in der Familie und in Archiven gibt nun die Urenkelin der wahren Dora – Ida Adler – eine Stimme.» Wie kann man sich diese Recherchen vorstellen, welche Archive haben Sie besucht? Und, wichtiger noch: Hatten Sie von Anfang an die weitverzweigte Adler-Familie, quasi den «Adler-Horst», auf Ihrer Seite? Schließlich ist auch eine fiktionalisierte Familiengeschichte immer noch die Geschichte einer konkreten Familie …
Die Recherche war noch weiter verzweigt als die Adler-Familie. Zwei Archive waren mein «Basislager»: das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam und der Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung in Wien. In diesen beiden Archiven liegt der private Nachlass von Otto Bauer. Ich habe aber auch noch weitere Wiener Archive besucht, Online-Datenbanken durchkämmt und viel gelesen, Sachbücher, Biographien, aber auch Romane, Theaterstücke aus der Zeit rund um 1900. Im Laufe des Schreibens habe ich eine Bibliographie erstellt, auch um den Überblick zu behalten, und diese Liste war am Ende mehrere Seiten lang. Und meine Familie hat mich zum Glück bei meinem Vorhaben unterstützt, obwohl ich sie erst relativ spät eingeweiht habe. Ich wollte sicher sein, dass ich den Roman wirklich schreiben will und kann, bevor ich davon erzählt habe. Seither sind alle sehr neugierig und gespannt auf das, was ich geschrieben habe. Gleichzeitig ist für sie klar, es handelt sich zwar um einen Roman, der eine feste Verankerung in der familiären Vergangenheit hat, aber es ist zweifelsfrei ein fiktionales Werk.


Die Wiener Kulturprominenz (wie Peter Altenberg, Egon Friedell und Leo Perutz); der Kampf der österreichischen Sozialdemokratie gegen den Anschluss durch Hitler-Deutschland; die Fluchthilfe durch Varian Frys Emergency Rescue Committee; die wochenlange Irrfahrt zwischen Montauban, Casablanca und New York – all das kommt sehr faktengesättigt daher. Aber wie steht es mit Episoden wie Léon Blums Essenseinladung an Ida? Oder der Sache mit jenem harpsichord der Voltaire-Vertrauten Marquise de Châtelet in einem Apartment an New Yorks Upper Westside – imaginiert oder historisch belegt?
Ja, vieles ist historisch belegt, oder ich habe es von Archivdokumenten abgeleitet. Aber ich glaube, die Spannung, was ist nun recherchiert und wo beginnt die Imagination, genau das macht hoffentlich die Lektüre unter anderem auch reizvoll. Grundsätzlich ist jedoch in diesem Roman alles imaginiert. Die Fakten stützen die Imagination, machen sie im besten Fall greifbarer und lebendiger.


«Bruchstücke einer Hysterie-Analyse», «Traum und Traumdeutung» … Hartleibige Sigmund-Freud-Jünger werden bei der «Ida»-Lektüre etwas unfroh zurückbleiben – so, wie im Roman das Herumdilettieren des Herrn Professor Freud an Idas Symptomen beschrieben wird. Wie stabil ist eigentlich die Quellenlage rund um die Behandlung von Doras/Idas «dissonanter Phase» in der berühmten Berggasse 19 in Wien?
Das ist interessant, die Beobachtung des Dilettantismus. Dazu muss ich zuerst sagen, wie wichtig es mir war, in meinem Roman den frühen Freud zu zeigen. Einen Freud, der um 1900 noch längst nicht die Ikone war, die er später wurde. Als Ida bei ihm in der Ordination auf dem Diwan liegt, ist er noch nicht einmal Professor, die Psychoanalyse und ihre Methoden sind nur ein paar Jahre alt, viele von Freuds Theorien sind vielleicht schon angelegt, aber noch längst nicht ausformuliert. Das geschah erst in den Jahren, nachdem Ida ihre Kur bei ihm abgebrochen hatte. Freud hat selbst dokumentiert, wie er die Technik der Psychoanalyse noch verfeinert hat. Was ich damit sagen will: Freud war wohl um die Jahrhundertwende selbst noch kein Experte seiner eigenen Methode, sie war noch in einem frühen bis mittleren Entwicklungsstadium. Das wollte ich erzählen, und ich könnte mir vorstellen, dass «hartleibige Sigmund-Freud-Jünger» das erkennen und vielleicht sogar interessant finden. Die Quellenlage rund um Idas Behandlung ist recht klar. Da gibt es die von Freud verfasste Krankengeschichte, das «Bruchstück einer Hysterie-Analyse». Dann wird Ida zweimal in Briefen Freuds an seinen Berliner Freund Wilhelm Fließ erwähnt. Und außerdem verweist Freud auf seine Patientin in dem Text «Psychopathologie des Alltaglebens». Ansonsten gibt es zu dem Fall keine Quellen, aber aus den existierenden ließ sich für mich schon sehr viel gewinnen.


War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie diese komplexe Geschichte nicht chronologisch-linear erzählen können, sondern – bis auf die amerikanische Phase (Chicago, New York) – zeitlich vor- und zurückgehen müssen?
In gewissem Sinne ja. Ich wollte auf jeden Fall Idas Geschichte an einem Punkt beginnen lassen, an dem sie so weit weg von ihrer Zeit bei Freud ist wie möglich. Als eine eigenständige Figur wollte ich sie erzählen, unabhängig von der Koryphäe. Ich habe dann auch die Freud-Passagen zuallerletzt geschrieben. Eine lineare Chronologie gab es also während des Schreibens nie. Für mich war das wichtig, denn ich habe Idas Leben immer wieder von vorne und von hinten gleichzeitig gedacht, und so haben sich erst viele Motive und Erklärungen entwickelt, die bei einer chronologischen Erzählung vielleicht gar nicht greifbar geworden wären. Als dann alle Kapitel beisammen waren, haben meine Lektorin und ich noch mal ganz genau überlegt, was die stimmigste Abfolge sein könnte. Viele Teile sind geblieben, wie ich sie geschrieben hatte, andere haben wir neu zusammengestellt. Dabei war eine interessante Erfahrung, wie gewisse Passagen eine unerwartete Kraft bei der Umstellung entwickelten, weil sich im neuen Kontext noch einmal ganz andere Wechselwirkungen entfaltet haben.


Sie haben so lange an diesem Roman gearbeitet – gab es in dieser Zeit eigentlich literarische Nebenprojekte? Der Erscheinungstermin von «Ida», haben Sie im Dezember 2017 geschrieben, sei für Sie «eine Art Nullpunkt. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, ich habe nicht mal konkrete Pläne für die Zeit danach gemacht.» Ein paar Pläne, ein paar Ideen – irgendwas Spannendes, Neues in Sicht?
Es gab ein paar Seitenprojekte, einen Essay, eine längere Erzählung, aber beides wartet darauf, noch einmal um- bzw. weitergeschrieben zu werden. Letzten Dezember, stimmt, da hat sich das Erscheinen von «Ida» tatsächlich wie eine Art Nullpunkt angefühlt. Das ist noch immer in gewissem Sinne so, aber nicht mehr ganz so allumgreifend. Als ich vor ein paar Wochen den Roman endgültig in den Druck gegeben hatte, haben recht überraschend neue Figuren bei mir angeklopft. Sie sind jetzt da, noch ist aber alles sehr vage. Ich bin gespannt, sie nun kennenzulernen, und auch froh um sie. Denn sie geben mir Zuversicht, dass es nun, nachdem ich über sechs Jahre fast nur mit «Ida» verbracht habe, auch weitergeht.

Stimmen zum Roman


Die Welt:
«Ida Bauer war Sigmund Freuds berühmte Hysterie-Patientin Dora. Ihre Urenkelin Katharina Adler hat aus ihrem Leben einen schillernden Roman gemacht.»
Süddeutsche Zeitung: «Eine gefährlich glühende Heldin.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Es gibt literarische Debüts, die kommen mit voller Wucht als Werk daher.»
SWR: «Ein außergewöhnliches und fesselndes Debüt.»
Zeit Online: «Ein kunstvoller Roman.»
Spiegel Online: «Sigmund Freud wäre nicht amüsiert.»


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