13.04.2014   von rowohlt

Karlheinz Deschner (1924–2014)

«Von allen Kirchenkritikern unseres Jahrhunderts ist Deschner der belesenste, radikalste und leidenschaftlichste.» (Süddeutsche Zeitung)

© Manfred Witt; thinkstockphotos.de
© Manfred Witt; thinkstockphotos.de

Heerscharen fanatischer Rechtgläubiger wünschten ihm seit Jahrzehnten schon Tod und Teufel an den Hals. Seit Karlheinz Deschner 1970, unterstützt von seinem Freund und Mäzen Alfred Schwarz (und seit den frühen 1990-er Jahren von Herbert Steffen), an seinem Lebenswerk, der auf zehn Bände angelegten Kriminalgeschichte des Christentums arbeitete, galt der 1924 in Bamberg geborene Gelehrte als der bedeutendste Kirchenkritiker der Gegenwart. Am 8. April 2014 ist der wortgewaltige Dichter und Kirchenkritiker im Alter von 89 Jahren in Haßfurt am Main gestorben. Mit dem Band 10 seines Opus magnum (und dem jetzt publizierten Registerband) ist sein Werk vollbracht: fast 6000 Seiten Kriminalgeschichte des Christentums, mehr als 100.000 Quellenbelege.

Aus den Nachrufen

Süddeutsche Zeitung: «Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums ist das größte Strafgericht, das je über die einst mächtigste Institution der Welt gehalten wurde. (...) Die katholische Kirche sollte dieses großen Ketzers mit Achtung gedenken.»
Frankfurter Rundschau: «Ein Mammutwerk, ermöglicht durch die ungeheure Arbeitskraft, die Lust am Gegenstand und am Text (...) Es ist eines der großen Bücher Europas. Soweit ich sehe, gibt es nirgendwo sonst etwas Vergleichbares.»
Die Presse: «Seine Kriminalgeschichte des Christentums machte den wohl wütendsten aller Kirchenkritiker berühmt. (...) Deschners Werk wurde ungeheuer populär und lieferte im ausgehenden 20. Jahrhundert vielen die Argumente für den Kirchenaustritt.»
Pascal Beucker, die tageszeitung: «Jahrelang an der Armutsgrenze balancierend, tippte er sich unermüdlich auf seiner Olympia-Schreibmaschine seine Wut über die Verlogenheit des Christentums vom Leib .. ‹So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war.›»

Generalabrechnung mit der «Religion der Nächstenliebe»

Das im Frühjahr 1970 beim Rowohlt Verlag eingegangene Exposé kulminierte in einem Satz: «Ich möchte das Werk zu einer der größten Anklagen machen, die ein Mensch gegen die Geschichte des Menschen erhoben hat.» Deschner hat Wort gehalten. Seine Kriminalgeschichte ist die monumentale aufklärerische Anstrengung des «einzigen Sektenbeauftragen der Welt, der keiner Sekte angehört» (Gerhard Henschel)
«Ich habe ein Schafott in mir!» Karlheinz Deschner bürstete Kirchengeschichte gegen den Strich, las sie als Kriminal- und Sexualgeschichte. Mit immenser Materialfülle und unerschrockener Konsequenz setzte er sich mit den Verfehlungen und Verbrechen der Amtskirche auseinander, stellte «Mörderpäpste und Lügentheologen» bloß. «Dieser Autor wird in die Schulbücher kommen», schrieb der Religionssoziologe Horst Herrmann bereits 1989 im Spiegel. «Deschner hat mehr Tages- und Nachtstunden drangegeben, als es jedem einfällt, der für seine Arbeit im Weinberg des Herrn nach dem Tarif für Lebenszeitbeamte entlohnt wird.»
«Die ganze Geschichte des Christentums war in ihren hervorstechenden Zügen eine Geschichte des Krieges, eines einzigen Krieges nach außen und innen, des Angriffskriegs, des Bürgerkriegs, der Unterdrückung der eigenen Untertanen und Gläubigen.» Mit gnadenloser Schärfe dokumentierte Deschner die Verbrechen der Amtskirche: die Vernichtung der Wandalen und Goten, die Niedermetzelung der Slawen, Hexenverbrennung und Inquisition, die Legitimation von Folter und Sklaverei, die Duldung des Holocaust durch den Vatikan und andere «spezifisch klerikale Aktivitäten des Terrors».

«Sie Oberteufel!»

So macht man sich unter rabiaten Christen keine Freunde. Allein die Existenz eines 660 Seiten starken Bandes mit dem schönen Titel «Sie Oberteufel!» Briefe an Karlheinz Deschner (1992) belegt, dass Glaubensfanatiker ihn, den «hysterischen Historiker», hassen, als sei er der Antichrist persönlich. «Man kann nicht verhindern, dass kranke Menschen so etwas von sich geben. Gesunde Menschen aber sollten verhindern, dass es verbreitet wird», heißt es in drohendem Ton. «Sie müssen doch vom Teufel durch und durch verarbeitet worden sein … Sie benötigen eine Gehirnwäsche.»
Deschner war bei Franziskanern, Karmelitern und Englischen Fräulein zur Schule gegangen. Er studierte von 1947 bis 1951 Neue deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Würzburg; 1951 promovierte er mit einer Arbeit über Lenaus Lyrik. Seit 1964 lebte er in Haßfurt am Main. Exkommuniziert wurde er von der katholischen Kirche nicht erst wegen seiner kirchenkritischen publizistischen Großoffensive, sondern weil er es wagte, seine Lebensgefährtin Elfi Tuch 1951 zu heiraten, eine geschiedene Katholikin.
Deschner veröffentlichte neben den religions- und kirchenkritischen Werken auch Romane, Literaturkritik, Essays. Und eine Vielzahl großartiger Aphorismen – zwei von ihnen lauten: «Warum fürchtet Aufklärung nie die Religion, Religion aber stets die Aufklärung?» Und: «Tun ist oft antun, Nichtstun ist es immer.» Darin steckt der ganze Deschner

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