21.03.2019   von rowohlt

«Es spült nach oben, was nicht mehr verborgen bleiben kann.»

Julie von Kessel im Interview über ihren neuen Roman «Als der Himmel fiel»

© Songquan Deng/123RF
© Songquan Deng/123RF

Julie von Kessels neuer Roman «Als der Himmel fiel» erzählt von der Freundschaft zweier Frauen in unruhigen Zeiten, privat wie global. Schauplatz ist New York, und wir begleiten Ophelia und Franka vom Silvesterabend 2000 bis zum Inferno des 9/11. Eine Zeit, die Julie von Kessel als Journalistin für das New Yorker ZDF-Studio hautnah miterlebt hat.

DAS INTERVIEW


In Ihrem neuen Roman geht es um drei Menschen, die im New York der Jahrtausendwende leben. Was verbindet diese drei?

Zwei von ihnen haben Traumatisches in ihrer Kindheit erlebt. Harry ist ein Musiker, der den Holocaust überlebt hat. Er hat eine grauenvolle Geschichte, der er sich nicht stellen kann und will. Seine Überlebensstrategie ist es, niemals zurückzusehen. Stattdessen beeindruckt er alle mit seiner Lebensfreude, seinem Hunger, seiner Intensität. Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, diese Ereignisse zu verdrängen. «Niemand kann es verstehen, und niemand würde es glauben», so sagt er, als er sich schließlich seiner Schülerin Ophelia öffnet.
Und auch Franka, Ophelias Cousine, verdrängt einen wichtigen Teil ihrer Biographie, der dennoch ihr Handeln prägt: Sie lässt sich auf quälende, masochistische Beziehungen ein, kann nicht für sich sorgen und verwahrlost immer mehr.


Lernen Harry und Franka, sich ihren Erinnerungen zu stellen?
Bei beiden funktioniert der 11. September wie ein Katalysator – er spült nach oben, was nicht mehr verborgen bleiben kann. Und auch Ophelia, das Bindeglied zwischen Harry und Franka, erlebt etwas, das ihr Lebenskonzept in Frage stellt. Wie gehen Menschen mit traumatischen Erlebnissen um? Wie prägt es ihre Persönlichkeit, ihr Handeln? Diese Fragen waren der Antrieb meines Schreibens.


Im Mittelpunkt des Romans stehen die Cousinen Ophelia und Franka. Die eine klug und ätherisch, die andere extrovertiert und unstet. Wie kam es zu diesen unterschiedlichen Figuren?
Ich dachte von Anfang an, dass sie Gegenpole zueinander bilden sollten. Mich hat interessiert, wie sehr sie sich aufgrund dieser Gegensätzlichkeit brauchen, aber auch, wie sehr sie ihre innige Freundschaft anspornt. Ich habe meine eigenen Beziehungen mit Frauen immer als stärkere Triebfeder gesehen als die zu Männern.
Außerdem wollte ich erkunden, ob sie überhaupt so gegensätzlich sind oder ob es nur die Dynamik dieser Beziehung ist, die das aus ihnen macht. Ophelia musste immer auf Franka aufpassen, also ist sie die Zuverlässige, Stabile, Vernünftige. Aber sie will es nicht sein, und im Laufe des Romans ändert sich das auch.


Gab es für den Geigenvirtuosen Harry Rosen, bei dem Ophelia in Yale studiert, ein reales Vorbild?
Ja, ich hatte früher einen Freund, der eine ähnliche Geschichte hatte wie Harry. Seine Haltung zum Krieg und zu seinem Schicksal hat mir damals sehr imponiert. Er schien keinen Groll zu hegen, im Gegenteil hatte er ein besonderes Interesse an mir, obwohl ich Deutsche bin. Er sah nach vorne, zumindest dachte ich das mit Anfang zwanzig. Erst später habe ich verstanden, dass da natürlich noch viel mehr verborgen war. Er musste bestimmte Wahrheiten vor sich und der Welt geheim halten, sonst hätte er nicht überleben können.


Sie haben den 11. September, den Sie als Reporterin miterlebt haben, fiktional verarbeitet. Wie haben Sie das gemacht? War es nicht schmerzhaft, sich dem noch einmal auszusetzen?
Ich habe mich lange davor gedrückt. Ich hasse es, diese Bilder anzuschauen, die rauchenden Türme, den Qualm, die Panik der Menschen. Normalerweise schalte ich sofort weg, wenn das im Fernsehen läuft. Ich habe es also möglichst lange vor mir hergeschoben. Schließlich habe ich mich eine Woche lang in ein kleines Haus im Wald zurückgezogen – in dem es allerdings Internet gab – und mir alle Filmaufnahmen von diesem Tag angesehen, die ich finden konnte, stundenlang. Das war das erste Mal seit Jahren. Es war ziemlich gruselig. Ich bin völlig abgetaucht. Irgendwann habe ich mich in dem Material der New York Times wiedererkannt, oder ich meinte es zumindest. Ich war regelrecht besessen davon, wo ich wann stand, wo ich langgelaufen war. Kein schönes Erlebnis, aber als Einstimmung zum Schreiben hat es funktioniert.


Was für Emotionen kamen da in Ihnen hoch?
Angst, Ohnmacht, aber vor allem Trauer. Alles, was mit dem 11. September zusammenhängt, macht mich immer extrem traurig. Aber meistens vermeide ich diese Gefühle. Bis heute habe ich mir nie das 9/11 Memorial angesehen, war nicht im Museum. Als ich zum ersten Mal nach den Anschlägen über Manhattan flog und diese riesigen Krater sah, war ich total aufgelöst. Es kam mir wirklich wie eine Wunde vor. Armes New York, dachte ich. Seither fühle ich eine viel stärkere emotionale Verbundenheit mit der Stadt als vorher. Es ist, als ob ich mit der Stadt gemeinsam etwas durchgemacht hätte.

Als der Himmel fiel

Als der Himmel fiel

Bestseller-Autorin Julie von Kessels bewegender Roman über Familie, Freundschaft und Verrat entführt uns in das New York von 9/11.
Die Cousinen Ophelia und Franka wachsen zusammen am Rhein auf, seit ihrer Kindheit sind sie beste Freundinnen. Bei aller geteilten Freude verbindet sie ein dunkles Geheimnis, das Franka nur Ophelia anvertraut hat und ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 368
Kindler
ISBN: 978-3-463-40700-5
12.03.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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