12.05.2013   von rowohlt

Liebe ist nicht immer das, was man denkt

Die Liebesgeschichte von Lou und Will. Ein Roman, den man nicht so schnell vergessen wird: bewegend, traurig und herzzerreißend schön.

© Sarah Gibb (Illustration)
© Sarah Gibb (Illustration)

Das Leben hat es nicht immer gut mit Louisa Clark gemeint. Als sie ihren Job in dem kleinen Café verliert, plagen ihre Familie noch größere Geldsorgen als zuvor. Da beschließt Lou, die ihr angebotene Pflegestelle anzunehmen. Seit einem schweren Unfall vor zwei Jahren sitzt Will Traynor im Rollstuhl; seine Beine kann er nicht mehr bewegen, seine Hände und Arme nur noch eingeschränkt. Will ist verbittert und abweisend; die neue Betreuerin Lou traktiert er mit Abweisung und zynischen Bemerkungen. Aber urplötzlich passiert etwas in ihnen und mit ihnen … 

«Ein ganzes halbes Jahr ist mit Abstand die bewegendste, ergreifendste, überwältigendste (Liebes-) Geschichte, die ich je gelesen habe. Mitten aus dem Leben – mitten ins Leben, mitten ins Herz.» (Aus dem Blog DreiGroschenPoesie)

DAS INTERVIEW

Ihre Bücher kreisen immer um eine unglaublich berührende Liebesgeschichte. Was hat dieses sehr emotionale Thema an sich, dass Sie darüber schreiben wollten?
Keine Ahnung! Im echten Leben bin ich nicht einmal besonders romantisch. Ich glaube, Liebe ist die Sache, die uns zu den außergewöhnlichsten Dingen treibt – das Gefühl, das uns nach ganz oben und nach ganz unten bringt oder uns am stärksten verändert –, und über extreme Emotionen zu schreiben, ist immer interessant. Außerdem bin ich ein zu großer Angsthase, um Horror-Romane zu schreiben ...
In Ein ganzes halbes Jahr behandeln Sie ein sehr sensibles Thema – das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Fanden Sie es schwierig, darüber zu schreiben? Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?
Vor ein paar Jahren habe ich von Daniel James’ Schicksal gehört, einem jungen Rugby-Spieler, der gelähmt war und seine Eltern überredete, ihn zu Dignitas zu bringen. Am Anfang war ich einfach nur entsetzt – welche Mutter konnte so etwas nur tun? –, aber je mehr ich darüber las, desto klarer wurde mir, dass man bei solchen Themen nicht einfach von Richtig oder Falsch sprechen kann. Wer hat das Recht, für einen anderen zu definieren, was Lebensqualität ist? Wie verhält man sich, wenn man ein Leben leben muss, das nichts mehr mit dem zu tun hat, was man sich ausgesucht hätte? Wie reagiert man als Eltern, wenn das eigene Kind wirklich zum Sterben entschlossen ist? Und das Leben als Tetraplegiker heißt eben nicht nur im Rollstuhl sitzen – es ist ein niemals endender Kampf gegen Schmerzen und Infektionen und psychische Tiefs. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.
Und ich glaube, dass man das Buch schreiben muss, das in einem brennt.

Nur die Liebe zählt

Gab es Reaktionen von Betroffenen, die das Buch gelesen haben?
Ich habe überwältigend viele E-Mails und Briefe von Tetraplegikern, ihren Verwandten und Betreuern erhalten. Fast ausnahmslos hat ihnen das Buch sehr gefallen. Viele von ihnen schreiben, dass es zeigt, womit sie täglich umgehen müssen – den Schwierigkeiten, von einem Ort zum anderen zu gelangen, der Art, wie sich die Leute ihnen gegenüber verhalten. Aber am meisten hat sie gefreut, dass jemand mit einer schweren Behinderung als vielschichtig gezeigt wird, als Mensch, der nicht weniger sexy ist als andere und an dem die Behinderung im Grunde das Uninteressanteste ist.
Die anderen zwei E-Mails, über die ich mich besonders gefreut habe, kamen von Geistlichen, die schrieben, sie hätten sehr entschiedene Ansichten zum Recht auf Sterben gehabt, aber der Roman habe sie dazu gebracht, diese noch einmal zu überdenken. Ich finde den Gedanken wundervoll, dass mein Buch das ausgelöst hat.
Mit welcher Figur in Ein ganzes halbes Jahr identifizieren Sie sich am stärksten?
Tja, bestimmt zum Teil mit Lou. Ich hatte als Kind eine Ringelstrumpfhose, die ich geliebt habe! Ich glaube, man muss sich bis zu einem gewissen Grad mit allen Romanfiguren identifizieren, sonst kann man nicht glaubwürdig über sie schreiben. Ich identifiziere mich auch ein bisschen mit Camilla. Als Mutter kann ich mir die Entscheidung, vor der sie stand, überhaupt nicht vorstellen, und ich kann gut verstehen, dass man in einer solchen Situation emotional dichtmacht.
Haben Sie schon einmal geweint, während Sie eine Szene in einem Ihrer Bücher geschrieben haben?
Wenn ich nicht weine, während ich eine emotionale Szene schreibe, sagt mir mein Bauchgefühl, dass sie nicht gelungen ist. Ich möchte die Leser etwas spüren lassen – und wenn ich selbst zu Tränen gerührt bin, weiß ich, das funktioniert. Schon eine komische Art, sein Geld zu verdienen, oder?

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