16.08.2018   von rowohlt

«Wir stehen zu Europa, gehören aber nicht dazu»

Der Brexit – ein Betriebsunfall? Jochen Buchsteiners kluger Essay über die Skepsis am Status quo der EU und britisches «Anderssein»

© iStockphoto.com
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Mit dem Abschied von der EU, heißt es auf dem Kontinent, hätten die Briten ihren Ruf als vernünftige, pragmatische Nation verspielt. Stimmt das? Oder erleben wir gerade das Gegenteil: dass unsere Nachbarn ihren sprichwörtlichen «Common Sense» nur neu und kühn vermessen? Jochen Buchsteiner kommt in seinem pointierten Essay zu dem Ergebnis, dass der Brexit gar nicht so irrational ist. Auch wenn er die Geschäfte auf beiden Seiten des Kanals erschwert – er fußt auf nachvollziehbaren und redlichen Motiven, die in der Nationalgeschichte und in der Geographie des Königreichs wurzeln. Buchsteiner analysiert dieses «Anderssein», das die Briten leidenschaftlicher auf die Freiheit und kühler auf Europa blicken lässt. Großbritannien den Abschied von der EU so schmerzhaft wie möglich zu machen, ist unsouverän und kurzsichtig. Wenn der britische Abschied nicht das Ende der EU einleiten soll, muss sie Lehren aus ihm ziehen und umsteuern.

DAS INTERVIEW


Sie zitieren in Ihrem Buch Lord Dahrendorf: «Die Engländer lieben alles, was Anstoß erregt und verschroben ist, und sie empfinden großes Vergnügen daran, politisch unkorrekt zu sein. Dabei sind sie sich oft nicht darüber im Klaren, dass man sie im Ausland ernster nimmt, als sie die Welt jenseits des Kanals namens Europa nehmen.» Wie überraschend kam für Sie als politischen Korrespondenten der FAZ in London eigentlich der Sieg der Brexiteers über die Remainers im Juni 2016?
Leider kann nicht für mich in Anspruch nehmen, den Brexit vorausgesagt zu haben. Aber immerhin habe ich keine Wetten angenommen. Jeder, der im Wahlkampf London verlassen hatte und im Land umhergereist war, ahnte, dass das eine sehr knappe Sache werden würde. Es waren ja nicht nur die «left behinds», die für den Brexit waren, sondern auch viele wohlsituierte und gebildete Briten. Und auf manche von denen trifft durchaus zu, was Dahrendorf über «die Engländer» gesagt hat.


Die Entscheidung einer Mehrheit der Briten, der EU den Rücken zu kehren, wurde (und wird) von den liberalen Eliten Europas als Anschlag auf «die Vernunft» empfunden. Von Heinrich VIII. über die Politik der splendid isolation bis zu Margaret Thatchers neoliberaler Revolution: Britisches «Anderssein» ist historisch ja nichts Neues, das belegen Sie eindrucksvoll in Ihrem Essay. Aber erklärt das tatsächlich den Wunsch nach einem Ausbrechen der Briten aus dem «Superstaat Europa»?
Nicht allein. Es gibt im Königreich das stark verankerte Bewusstsein, über die Jahrhunderte ein ziemlich gut funktionierendes Gemeinwesen geschaffen zu haben. Man ist deshalb vielleicht etwas sensibler gegenüber «Vorschriften aus der EU» als in anderen europäischen Ländern. Aber natürlich war das EU-Referendum auch ein Ventil, um Dampf abzulassen. Viele Briten waren (und sind) unzufrieden mit der Performance der «liberalen Eliten». Und die konnte man durch das Brexit-Votum gleich doppelt treffen: in Brüssel, aber auch in London, wo sich der Großteil des «Establishments» für den Verbleib in der EU ausgesprochen hatte.


Jahrelang, schreiben Sie, sei nur über die Integration Europas nachgedacht und theoretisiert worden. Was fehle, sei «eine ausgeruhte Debatte über Desintegration – nicht über ein disruptives Auseinanderbrechen, sondern über eine umsichtig gesteuerte Entklammerung». Was könnte Europa dabei ausgerechnet vom Nicht-EU-Land Schweiz lernen?
Die Schweiz lebt vor, was die EU immer nur versprochen hat: Subsidiarität. Auf der nationalen Ebene wird in der Schweiz nur verhandelt, was sich auf der Ebene der Kantone unmöglich regeln lässt. Die EU hingegen greift in den politischen Alltag der Mitgliedstaaten ein, auch dort, wo es von manchen Nationen als unnötig oder sogar als bevormundend empfunden wird. Das schafft Verdruss. Der überflüssige Zentralismus schwächt den Zusammenhalt in Europa und bindet Kräfte, die an anderer Stelle fehlen.


Ex-Außenminister Sigmar Gabriel hat einmal in Boris-Johnson-hafter Flapsigkeit bemerkt, dass es «Europa als einziger Vegetarier in der Welt der Fleischfresser verdammt schwer» haben werde. Was müsste passieren, damit der Brexit, allen derzeitigen hysterischen Reaktionen zum Trotz, irgendwann als die Initialzündung bei der Formierung eines neuen, starken Europa gesehen wird?
Der Brexit ist nicht DIE Initialzündung, aber einer von mehreren Warnschüssen, und sicher ein besonders lauter. Dass sich die EU reformieren muss, könnte man, wenn man wollte, auch an den europaweiten Wahlerfolgen EU-kritischer Parteien ablesen. Die EU wird zunehmend als paternalistisch und dysfunktional betrachtet und nicht als nützlicher Zusammenschluss, der die Kräfte der europäischen Staaten bündelt, um den strategischen und wirtschaftlichen Herausforderungen in einer immer «weniger europäischen» Welt zu begegnen. Wenn die EU als starker Spieler in der Welt auftreten will, kann sie es sich nicht länger leisten, mühselige Integrationsarbeit nach innen zu leisten. Sie sollte ihre elementaren Ziele definieren und diese stärker auf dem Weg der intergouvernementalen Zusammenarbeit durchsetzen.


Was glauben Sie – wie wird am Ende der Brexit aussehen? Eher harter Schnitt (mit Verlierern auf beiden Seiten) oder «Brino» (Brexit in name only)?
Das hängt jetzt vor allem von der Europäischen Union ab. Wenn sie sich besonnen und kompromissbereit verhält, wird es einen «Brino» geben, der für die EU wahrscheinlich vorteilhafter ist als für Britannien. Wenn Brüssel hingegen immer weiter draufsattelt, könnte die britische Regierung irgendwann die Reißleine ziehen und die Gespräche beenden. Dann würde es ordentlich rumpeln. Aber auch das würde sich irgendwann wieder einrenken.

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