22.06.2016   von rowohlt

«Ich bin nichts. Nur das Versprechen auf Rache …»

«Eines der Bücher, die man dieses Jahr unbedingt gelesen haben muss» (Skanska Dagbladet) – Joakim Zander im Interview über seinen Thriller «Der Bruder»

© Emil Malmborg
© Emil Malmborg

Yasmine Ajam ist ihrer Vergangenheit in der Stockholmer Trabantenstadt Bergort entflohen. In New York, wo sie als Trendscout jobbt, erreicht sie die Nachricht vom Verschwindne ihres jüngeren Bruders Fadi. Es gibt Gerüchte, die behaupten, Fadi kämpfe für den IS in Syrien – angeblich sei er tot. Yasmine kehrt nach Stockholm zurück, wo sie Klara Walldéen begegnet, die an einem brisanten Forschungsprojekt für eine Menschenrechtsorganisation arbeitet,. Gemeinsam mit Yasmine macht sich Klara auf die Suche nach der Wahrheit. Eine Wahrheit, die beide in höchste Gefahr bringt … Nach seinem Bestseller «Der Schwimmer» legt Joakim Zander mit einem weiteren packenden Politthriller nach: «Der Bruder» – ein Roman, der lange nachhallt. 

Das Interview


In Ihrem neuen Thriller um Klara Walldéen beschreiben Sie das Rekrutierungsmilieu der Terrormilizen des «Islamischen Staats» (IS) in Vierteln, in denen fast nur Migranten leben. Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Wie haben Sie recherchiert?
Es ist natürlich schwierig, Geschichte zu beurteilen, während sie passiert. Aber ich denke, dass Migration ein entscheidendes Thema unserer Zeit ist. Nachdem ich den «Schwimmer» geschrieben hatte, wusste ich, dass Migration in meinem nächsten Buch eine große Rolle spielen würde. Ich kenne kaum andere Romanautoren, die sich damit beschäftigen, was in Schweden in jenen Gegenden vor sich geht, in denen viele Migranten leben. Mich hat das brennend interessiert, daher wollte ich das unbedingt aufgreifen. Da ich selbst nie in diesen Vierteln gelebt habe, begann ich darüber zu lesen und mich mit den Menschen vor Ort zu unterhalten, um ihre Situation besser zu verstehen.


Was die Themen Radikalisierung und IS angeht, erhielt ich Unterstützung von den Experten des Zentrums für Nahoststudien und der Lund Universität. Und während ich den Roman schrieb, habe ich zusammen mit einigen Lehrern ein Schreibprojekt im Malmöer Bezirk Rosengård initiiert, der zu den größten Problemvierteln Schwedens zählt. Drei Monate lang habe ich dort einen Tag in der Woche mit Achtklässlern der Verner-Rydén-Schule gearbeitet. Es war eine wunderbare Erfahrung, Zeit mit so großartigen, lebhaften Kindern zu verbringen – von denen viele in äußerst schwierigen Verhältnissen leben und aufwachsen. Sie haben auch einen Teil von «Der Bruder» gelesen und mir dabei geholfen, die Sprache und die Details richtig zu treffen. Bislang war es das Beste, was ich als Autor gemacht habe, und ich hoffe, mit den Jugendlichen dieses Jahres weiterarbeiten zu können.


In «Der Bruder» erzählen Sie unter anderem die Geschichte eines jungen Mannes, der sich dem IS anschließt. Was bringt junge Menschen, die in Europa aufgewachsen sind, dazu, sich der Terrormiliz anzuschließen und für sie in Syrien zu kämpfen?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, aber als Ausgangspunkt – und im Gegensatz zu dem, was wir oft denken – hat es nur selten etwas mit Religion zu tun. Es ist vielmehr ein Problem bestimmter Viertel, die praktisch abgeschnitten sind von dem, was wir als „normale“ Gesellschaft erachten. Die Kinder in diesen Problemvierteln sehen sich mit viel eingeschränkteren Zukunftsperspektiven konfrontiert als Kinder in anderen Gegenden. Sie fühlen sich von der Gesellschaft regelrecht ausgeschlossen. Oftmals haben diejenigen, die rekrutiert werden, eine kriminelle Vorgeschichte und sind an einem Wendepunkt angelangt, an dem sie nach einem Lebenssinn suchen. Es werden Parallelen gezogen zwischen ihrer eigenen Situation und der Zwangslage der Muslime auf der ganzen Welt. Sie erkennen ein Muster, in dem Muslime unterdrückt werden. Und sie erleben ein Gefühl von Solidarität und den Wunsch, ihre Brüder und Schwestern zu „beschützen“. In diesem Licht tritt der IS, trotz oder gerade wegen seiner unglaublichen Grausamkeit, als Beschützer der Muslime auf. Der IS scheint ihnen eine alternative Welt zu bieten, in der eine extreme Interpretation des Islam wie ein Rettungsanker, wie ein Leitfaden in einer Zeit der Verunsicherung wirkt.


Für Milla


Beim schwedischen Nachrichtendienst dürften Sie sich mit Ihrem Roman wenig Freunde gemacht haben. Geheimdiensten scheinen Sie jede Form von Zynismus, jede Schweinerei zuzutrauen, von gezielter Medienmanipulation über Erpressung bis hin zu Mord. Wie realistisch ist das?
Wenn man einen Spionageroman schreiben will, beginnt man vermutlich immer mit der Wahrheit. Spionage ist einfach ein zynisches Geschäft – in der Realität wie in der Fiktion. Es scheint ein Naturgesetz von Regierungen zu sein, dass «geheime Institutionen» bis an die Grenzen dessen gehen, womit sie gerade noch so durchkommen. In Schweden beispielsweise ist es kein Geheimnis, dass die Regierung verdeckt mit anderen westlichen Nationen zusammengearbeitet hat, von Überwachung bis hin zur Überstellung mutmaßlicher Terroristen. Natürlich beruht das, was in «Der Bruder» geschieht, nicht auf realen Ereignissen, aber ich würde nicht ausschließen, dass etwas Ähnliches passieren könnte. Oder gerade passiert … 


Sie haben einmal gesagt, in den Werken der meisten großen Krimiautoren gebe es einfach zu viele Männerfiguren. Rührt daher Ihr Faible für starke Frauen in Ihren Romanen? 
Es gibt tatsächlich sehr viele Männerfiguren in der Literatur, nicht nur in der Spannung. Als ich den «Schwimmer» schrieb, wurde gerade meine Tochter Milla geboren. Für sie wollte ich starke weibliche Charaktere schreiben. Denn sie wächst auf, zeitgleich wachse ich hoffentlich als Autor, und daher finde ich es wichtig, dass die weiblichen Charaktere komplexer und nuancierter werden. Ein Autor tappt leicht in die Falle, Alter Egos zu erschaffen – ideale Charaktere, besser als man selbst, übermenschlich. Aber ich finde Perfektion einfach uninteressant. Daher hoffe ich sehr, dass meine Kinder niemals nach Perfektion streben werden und dass meine Figuren Schwächen und Unvollkommenheiten aufweisen. Mir ist es vor allem wichtig, dass die Frauen in meinen Büchern menschlich sind, keine Idealvorstellungen.


Sie sind Vater von zwei Kindern. Wie hat sich für Sie der Alltag verändert, wie bekommen Sie all Ihre Leidenschaften unter einen Hut: die Arbeit als Jurist, als Schriftsteller, die Rolle als Vater?
Letzten Sommer habe ich meinen Job als Jurist aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben zu widmen. Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich das, was ich am meisten liebe, jetzt Vollzeit mache. Zumal es auch bedeutet, dass ich viel flexibler bin und mir die Zeit anders einteile als ich es als Anwalt konnte. Zum Beispiel kann ich nachmittags Zeit mit meinen Kindern verbringen und mich abends wieder an die Arbeit setzen. Das ist für mich ein Luxus, den ich nicht einmal in Worte fassen kann. 

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