02.01.2016   von rowohlt

«Jetzt musst du tapfer sein, Dieter, lass dir nichts anmerken»

Eine Liebeserklärung an eine Landschaft und seine Menschen: Eine Reise zum Moor-Hof in Amerika

Ein Mann sitzt in einem großen 50-Tonner und schleppt seinen halben Hausstand und noch einiges mehr Richtung Amerika (so nennt er das Dorf, in das er mit seiner Frau leben will). 800 Kilometer vom Schweizer Oberland in die Mark Brandenburg. Der Mann ist kein Unbekannter: Dieter Moor, Moderator des ARD-Kulturmagazins «ttt – titel, thesen, temperamente». Moor und seine Frau Sonja, eine Filmproduzentin, treibt ein Traum: Sie wollen einen Biobauernhof aufbauen und bewirtschaften. Aber was um Himmels willen treibt eine Österreicherin und einen Schweizer – beide prominente Medienmenschen – ausgerechnet in Deutschlands Osten?

«Ach, Ditaaa!»

Wieso verlassen sie ihren idyllischen kleinen Hof in den Bergen nahe Zürich, um sich dort anzusiedeln, wo die meisten von uns trostlose Landschaften, verbitterte Bewohner und dumpfen Fremdenhass vermuten, auf dem platten Land im Nordosten von Berlin? Wer Dieter Moors wunderbaren Expeditionsbericht nach «Dunkeldeutschland» - Untertitel: Geschichten aus der arschlochfreien Zone – liest, lernt eines ganz sicher: Dass es sich lohnt, an seinem Traum gegen alle Schwierigkeiten festzuhalten. Und das vieles ganz anders ist, als es auf den ersten Blick ausschaut.


Die Freunde und Bekannten reagierten verwirrt bis konsterniert auf die Go-East-Wanderung der Moors. Dass es um Kanzler Kohls herbeiphantasierte «blühende Landschaften» nicht zum Besten steht, hatte sich natürlich auch bis in die Schweiz herumgesprochen. Warum also? Ganz einfach: Dieter Moors TV-Verpflichtungen binden ihn an Berlin, aber wohnen will er nicht in der Großstadt. Und Sonja gibt ihren Job als Filmproduzentin auf und wird – Bäuerin, Biobäuerin.


Mit Witz und Fabulierlust nimmt uns Dieter Moor mit nach Amerika (in Ostdeutschland gibt es übrigens einen ganzen Schwung Dörfer dieses Namens). Der erste Eindruck vom neuen Domizil: katastrophal, ein Fiasko. (Dazu muss man wissen, dass Sonja Moor Dorf und Hof entdeckt, für gut befunden und am Telefon ihrem Liebsten angepriesen hatte. Zustand, Lage, Größe, Preis? O.k. Mit Land drumrum? Ja. Ein typisches Brandenburger Haus. Sogar eine Pfuhle gibt’s, einen Dorfteich, außerdem einen Bronzehengst auf einem Bronzepodest etcetrera. Bei so viel Begeisterung kann man doch nur ausrufen: «Dann kauf! Dir gefällt es, das reicht. Kauf es!» Blindkauf nennt man so etwas …)

«Wir haben das hässlichste Haus Amerikas gekauft …»

Und dann das – Herr Moor und sein erstes Tête-à-Tête mit seinem agrarischen Investment: «Dieses Ding … hat eine Farbe, die mich an das erinnert, was bei unseren Hunden hinten rausgeflossen ist, als sie Darmgrippe hatten. Kein Fenster in der Wand. Nur unter dem Giebel eine kleine Luke. Und dann dieses Tor: zusammengeschweißte schwarze Vierkanteisen. Würde jeder Strafanstalt alle Ehre machen. (…) Teure, schreckliche, dreifach verglaste Unfenster … Nachdem ich das Dörfchen durchquert habe, erlange ich bittere Gewissheit: Es kann nur das Kranke-Hunde-Kackfarbene sein. Und: Wir haben das hässlichste Haus Amerikas gekauft. Jetzt musst du tapfer sein, Dieter, lass dir nichts anmerken. Du bist selber schuld. Sag deiner Sonja einfach, dass du dich auf den ersten Blick in das Haus verliebt hast und dass es großartig ist, deine kühnsten Träume übertrifft.»


Manches ist einfach auch zu komisch in Amerika, dem Dorf der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass in diesem Kaff alljährlich eine riesige Techno-Party gefeiert wird, und zwar auf dem Flugplatzgelände in Sicht- oder Rufweite des Moor’schen Anwesens. Dieter Moor muss sagenhaft konsterniert geschaut haben, als er erfährt, dass jenseits seines Besitzes die Schmachthagener Flugpiste endet. Haben die naiven Moors etwa eine «Kerosin-Ranch» gekauft? (Nein, haben sie nicht. Es sind weder die GSG 9 noch andere schnelle Eingreiftruppen, die sich von Amerika aus Richtung Irak/Afghanistan in die Lüfte erheben, sondern nur ein paar Hobbypiloten. …) 


Nein, auf dem Moor-Hof in Amerika ist zunächst nicht alles Gold (glänzen tut eh nichts). Und doch: Kaum haben die beiden sich auf Haus, Hof und Amerika eingelassen, beginnen sie auch schon, ihr neues Leben zu lieben. Die Weite der Landschaft. Die riesigen Koppeln, Wiesen und Weiden, auf denen bald ihre Tiere herumtollen werden: Enten und Hühner, Hunde und Katzen, Esel und Pferde, Kühe und Kälber, Schafe, Ziegen und Büffel (ja, Büffel!). «Unberührtes Land, so weit das Auge reicht. Kniehoch das Wildgras, verstreut darauf uralte knorrige Lärchen. Wilde Brombeerbüsche, Wildrosengestrüpp, verwilderte Apfel-, Birn- und Kirschbäume. In weiter Ferne winzig ein Kirchturm. Der Himmel ist jetzt mit feingepinselten Federwölkchen verziert, die vor dem Azurblau der Unendlichkeit in leuchtendem Gelb-Orange brennen. Die Weite der offenen Szenerie hat etwas Majestätisches. Etwas Reiches, Sattes und unendlich Friedliches.»

«Ich wollte mich mal ehrlich machen …»

Es hat etwas von Ferien auf dem Bauernhof, sich durch dieses erfrischend unkonventionelle Buch treiben zu lassen. Wenn die Enten mit dem Lockruf «Gang äntli hei, Äntli» in den Stall gelockt werden (bevor sie dann doch der Fuchs holt …).  Wenn der rote Hürlimann-Traktor durch die Felder rauscht.  Wenn Lammwache geschoben werden muss. Wenn die Feuerwehr ein großes Fest schmeißt (und «fünf Idioten von der Rechtsfront, ganz eindeutig hundertprozentige destillierte  Arschlochzone», vom Acker gejagt werden) … heißa, das ist brandenburgische Landlust.


Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an eine «unterschätzte Region» und seine Menschen. An Dorfbewohner wie Bauer Müsebeck, die Konsum-Chefin Frau Widdel, Vorname Waltraut (Stichwort: «Kampf um Frischmilch»), den so rabiaten wie liebenswerten Nachbarn Krüpki («Erst meene Gäule, denn meene Gäule und denn lange nüscht»), an Teddy, den Single aus Prinzip («No woman, no cry», pardon: «Keene Frau, keen Geschrei»), Schwester Alma oder ihre verflucht attraktive Tochter, die lokale Feuerwehrchefin Helena. 


Aber noch mehr ist es eine Liebeserklärung des Autors an seine Frau, die ihn auf diesem Brandenburger Abenteuer nicht nur begleitet, sondern die es überhaupt erst möglich macht – durch ihre Entscheidung, das Filmgeschäft zugunsten der Landwirtschaft aufzugeben. «Ich weiß», schreibt der glückliche Neu-Amerikaner Dieter Moor, «es gab keine römischen Senatorinnen, aber hätte Sonja im alten Rom gelebt, es hätte sie gegeben, da können Sie Gift drauf nehmen! Bin ich nicht mit dem großartigsten Weib auf diesem Planeten gesegnet?»

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