26.04.2017   von rowohlt

Jenseits des asphaltierten Lebens

ZEIT-Reporter Henning Sußebach zeichnet ein großes, glänzend geschriebenes Porträt unseres Landes

© iStockphoto.com
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6,2 Prozent Deutschlands sind asphaltiert und betoniert. ZEIT-Reporter Henning Sußebach sucht das Abenteuer – und betritt den Rest: Er verlässt die Straßen und die Städte und durchwandert das deutsche Hinterland, vom Darßer Leuchtturm bis auf den Gipfel der Zugspitze. 800 Kilometer Luftlinie, 1200 Kilometer Zickzack durch Deutschland in 50 Tagen. Seine Wanderung führt ihn in Gegenden, die wir kaum kennen, obwohl sie vor unserer Haustür liegen, und zu Menschen, die das Land bewirtschaften, aber von Städtern kaum wahrgenommen werden. Und gerade hier, im Hinterland, reift die beunruhigende Erkenntnis: Die gesellschaftliche Spaltung verläuft nicht allein zwischen Arm und Reich, sondern vor allem zwischen Stadt und Land.  


Wer etwas Neues, Wichtiges über dieses Land lernen will, sollte zu diesem Buch greifen. «Deutschland ab vom Wege» führt uns mitten hinein in unser Land. In seine Widersprüche, seine sozialen Verwerfungen, seine Ängste und Träume. Als Sußebach, den man als Reporter der ZEIT ebenso kennt wie als Autor des beeindruckenden Buches «Unter einem Dach. Ein Syrer und ein Deutscher erzählen» (Rowohlt 2016), zum ersten Mal Freunden, Nachbarn und Kollegen von seinem Hinterland-Projekt erzählte, erntete er mehr Kopfschütteln als Zustimmung: «Spinnerei!» Bizarre Vorschläge zur Straßenquerung musste er sich anhören,  Stelzen, Kunstrasen, Rikscha, Katapult … Abseits der Straßen einmal Deutschland von Nord nach Süd durchwandern, wie solle das gehen?

«Ich ging und ging, und irgendwann ließ mich das Gehen vergessen, dass ich ging»


Es ist ein Morgen im August 2016, als er sich am Darßer Leuchtturm auf den Weg zu seiner «D-Wanderung» macht. Einmal zu Fuß von der Ostsee auf die Zugspitze, vom Meer in die Berge, von Mecklenburg nach Bayern, von Nord nach Süd (und damit auch von Ost nach West). «Und das, möglichst ohne Straßen zu benutzen, ohne Asphalt zu berühren.» Um diesen Punkt sofort abzuhaken: Natürlich hat er unterwegs Asphalt berührt; er sei «über Straßen gehuscht» wie Uwe Johnsons Protagonist aus dem Roman Mutmassungen über Jakob. «Mal waren es fünf, mal zehn, mal keine. Bis auf zwei Brücken über Main und Donau, die ich längs laufen musste, war ich immer quer zu allem unterwegs, hatte keine Bank und keinen Supermarkt betreten, dafür eine Tankstelle. Aber war das noch wichtig?»


6,2 Prozent der Republik sind komplett versiegelt, zusammengenommen entspricht das der Gesamtfläche von Rheinland-Pfalz. Bewegt man sich nur in jenen 6,2 Prozent des Landes bewegt, die leicht zugänglich sind, verändert sich unsere Wahrnehmung: von den Menschen, von der Zeit, in der wir leben. Beton unter unseren Füßen, Beton im Kopf. «Wie klein und eng der Raum ist, den wir unsere Welt nennen! Was für ein Irrtum zu glauben, er dehne sich im Zeitalter der Mobilität und Globalisierung aus. Wir springen nur weiter und schneller von Punkt zu Punkt.» Vor diesem Hintergrund ist es eine radikale Idee, sein Land einmal jenseits aller üblichen Wege zu queren («Was für ein schönes Wort!»), also einmal quer zu laufen. Folgen wir dem Querkopf Henning Sußebach ein Stück weit auf seiner 50-tägigen Wanderung, seine «Expedition in eine naheliegende Ferne jenseits der Seitenstreifen».


Am Anfang waren da nur Fragen. Immer neue, oft bedrängendes Fragen: «Wie viele Straßen, Zäune und Gesetze würde ich überschreiten müssen?» Hält mein Körper das durch? Was, wenn ich unterwegs krank werde? Wie komme ich an Nahrung, an Wasser, an sichere Schlafstätten? Darf ich eigentlich über Stoppeläcker gehen, auf denen Weizen, Roggen oder Gerste gestanden hatte? Welchen Tieren begegnet man in freier Wildbahn? Wie ist es, nachts im Wald zu schlafen? Was tun, wenn ich Wildschweine treffe oder Wölfe oder Jungbullen? Oder Nazis beziehungsweise, noch schlimmer: «betrunkene Nazis»? Reicht eine Dose Pfefferspray gegen die Tücken und Gefahren einer feindlichen Außenwelt??» Die wenigen Experten, die Sußebach vorher befragte, lieferten zwar seriöse Informationen à la (124 Autos und 0,5 Hirsche pro Quadratkilometer), aber Antworten auf seine Fragen konnte ihm nur die Praxis liefern: also – just do it!


In der flachen, leeren Landschaft Mecklenburgs fühlt Sußebach sich «sichtbar wie eine Vogelscheuche, senkrechter Strich in einem Bild aus lauter Horizontalen, winzig und zugleich unübersehbar, eine Figur am falschen Platz». An vieles hat er vor gedacht, die Ausrüstung ist in Ordnung: im Prinzip. Woran «ich neuzeitlicher Idiot» nicht gedacht hatte, war ein Stock, ein vernünftiger Wanderstock. Erst Hunderte Kilometer später wird er einen bekommen, in Tann in der Rhön, von einem der letzten Stockmacher des Landes aus dem berühmten Stockmacherdorf Lindewerra. Bis dahin muss er sich mit selbst gebrochenen Wanderstöcken behelfen.


Unterwegs trifft er Menschen, die er normalerweise nicht getroffen hätte – nicht einmal als ZEIT-Reporter, der schon einige recht exzentrische Exkursionen unternommen hat. Menschen wie Utchen und Wolle, deren Geschichten er einen ganzen Abend lauscht. AfD-Wähler Günther, früher ein erklärter Linker, heute ein «brauner Roter» voll irrational-pubertärer Weltwut. Der vierzehnjährige Rinderzüchter Tobias, die demente Hilde. Der Wirt eines Hotels, das im Fohlenstall eines Schlosses der Adelsfamilie zu Putlitz untergebracht ist; darin: eine Bibliothek, vollgestellt mit Büchern von Fontane, Rilke, Tolstoi, Fallada,  den Manns («In der Stadt ist Kultur ein Angebot, auf dem Land ist sie eine Leistung»). Der rumänische Arzt aus Craiova, der mit Frau und Kind sein Glück als Landarzt in Deutschland sucht und – als Außenseiter in der kalten Fremde – zunehmend verbittert, wegen Menschen, die lieber nicht zum Arzt gehen als zu einem Armutsmigranten aus Rumänen.

Mückenwolken im Gegenlicht


Der einsam Wandernde ist glücklich, als er endlich westlich von Wittenberg an der Elbe steht. Fünfmal fährt er mit der Fähre «Ilka» hin und her, von einem Ufer zum anderen und wieder zurück. Mehrere Winter habe er, so erzählt ihm der Fährmann, «einen Weihnachtsmann von West nach Ost gefahren, ‹der kam nie zurück, aber jedes Jahr wieder›. Einmal glaubte der Schiffer, Zeuge einer Entführung zu werden, als ein Mann mit einem Auto auf sein Schiff rumpelte, auf dem Beifahrersitz saß eine Frau mit verbundenen Augen. Es wurde ein Heiratsantrag. Später sah er die beiden als Ehepaar wieder.»


Laufen ist lernen. Zu den lehrreichsten Geschichten zählt die Erkundung des südelbischen Dorfes Deutsch, Gemeinde Zehrental, Landkreis Stendhal. 110 Einwohner, 42 Häuser, 31 Hunde. Nachdem er zuerst eine geschönte Version der Dorfgeschichte präsentiert bekommt, fragt er weiter. Und was er dann erfährt, erinnert an die Konflikte der Dorfbewohner in Juli Zehs fulminantem Roman «Unterleuten»: 


«Es brauchte nicht viel, und Deutsch war: ein Dorf, in dem ein Vierzehnjähriger ein Mädchen geschwängert hatte, in dem der Strom ausfiel, sobald ein Sturm einen Baum in die Überlandleitung warf, in dem ein Anwohner die weithin sichtbare, hölzerne Windmühle auf seinem Grund demontiert, verkauft und dem Ort so sein Wahrzeichen genommen hatte. Vor allem aber war Deutsch ein Dorf, in dem ein hochaktueller Streit tobte. Der letzte Bauer hatte seine Milchkühe abgeschafft und auf Biogas umgestellt, wofür er nur noch zwei Angestellte brauchte. Deshalb waren noch mehr Ostdeutsche arbeitslos. Und Westdeutsche, die aus der Stadt aufs Land gezogen waren, um über Weiden und Weizen in die Idylle zu blicken, schauten aus mühsam renovierten Resthöfen auf wandhoch stehenden Mais. Ausgerechnet der Bauer, der mit einem grotesk großen Pick-up-Geländewagen durch Deutsch rollte, auf der Fahrerkabine sechs Scheinwerfer wie für ein Erschießungskommando, vermutlich für Wildschweine, machte in erneuerbaren Energien, Umweltschutz. Und linksalternative  Zigarettendreher beschwerten sich über den Gestank seiner Biogasanlage, verbrannten aber Laub im Garten, was, so war zu hören, der Bauer wieder irgendwem meldete. Was war richtig, was falsch? Was gut, was schlecht?»


Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt, ein Zipfel Niedersachsen, Hessen, Bayern … Nach 50 Tagen erreicht der Wanderer aus dem hohen Norden tatsächlich sein Ziel im tiefsten Bayern, und das wohlbehalten, auch dank beachtlichen Wetterglücks: die Zugspitze. Eigentlich, findet er, war er gar nicht «ab vom Wege», sondern mittendrin. Allein, aber nicht einsam: «In einer Zeit, in der wir alles zu kontrollieren, zu versichern, zu prognostizieren versuchen, in der wir für alles Verträge abschließen, Gutachten in Auftrag geben und Hotelportale nach Bewertungen durchsuchen. In dieser Zeit hatte ich die Kontrolle aus der Hand gegeben. An jedem Tag, in jedem Wald, bei jeder Begegnung hätte mein Weg eine andere Richtung nehmen können …»

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