12.10.2015   von rowohlt

«Jedes Leben kann erzählt werden als eine Kette von Wundern»

Von Ilse Aichinger und Peter Rühmkorf bis George Tabori und Imre Kertész: Iris Radischs Gespräche über die letzten und vorletzten Dinge

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff

Iris Radisch, Feuilletonleiterin der ZEIT, hat mit achtzehn der bedeutendsten Schriftsteller über ihr Leben gesprochen, über Erfolge und Misserfolge, über Alter, Krankheit und Tod. Oft ist es ein Abschiedsgespräch, manchmal buchstäblich das letzte Gespräch. Alle Gesprächspartner zeigten sich ungewöhnlich offen und unverstellt. Bei manchen überwiegt Wehmut, auch Bitterkeit, bei anderen Gelassenheit und Heiterkeit.

«Der Sinn des Lebens ist das Leben» (Ruth Klüger)

Den Gesprächen sind kurze Einleitungen beigefügt, die über Ort und Umstände der Treffen informieren. Den damals 90-jährigen Julien Green trifft Iris Radisch im Vier Jahreszeiten in München; während sie mit ihm spricht («nur einen knappen Meter im Raum und sechzig Jahre in der Zeit voneinander getrennt»), ist Greens Adoptivsohn und Lebensgefährte im Hotel auf der Suche nach des Schriftstellers silbernem Gehstock (Jahrgang 1870!).


Peter Rühmkorf besucht Radisch 1999, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag, in dem Häuschen hoch über der Elbe in Hamburg-Övelgönne; als sie ihn verlässt, sind zwei Flaschen Aldi Sekt der Marke Veuve Durant leer. In Wien findet das denkwürdige Gespräch mit der fast 80-jährigen Friederike Mayröcker statt, die nach dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl in der Zentagasse an ihren poetischen, formal wie inhaltlich fordernden Texten arbeitet – umgeben von wahren Zettelgebirgen.


Hier einige Ausschnitte aus den Gesprächen. Beginnen wir mit der brillanten Replik eines (zum Beispiel Hamburger) Autors auf die Frage, was er eigentlich den lieben langen Tag so mache …

«Arbeiten möchte ich es gar nicht nennen …»

Peter Rühmkorf: «Ich gehe um zwei, drei oder vier Uhr zu Bett, schlafe sechs, sieben oder acht Stunden und frühstücke gegen elf. Anschließend können Sie mich bei Sonnenwetter für anderthalb Stunden im Liegestuhl antreffen, wo ich Himmelsplankton durchsiebe. Folgen fünf Stunden an der Schreibmaschine (Olympia Monica), dann gehe ich zum Sekt über (Aldi, Veuve Durant) und notier die Perlen mit. Weiter: Mittagessen bereiten, kurzer, forscher Gang elbauf und elbab und im Anschluss eine Stunde Todesschlaf. Na ja, und dann geht's noch mal mit Galopp durch die Nacht.»


Imre Kertész: «In diesen Jahren entdeckte ich das kleine gelbe Buch von Camus, ‹Der Fremde›, das ich für zwölf Forint gekauft habe. es war elementar, ich kann es schwer erklären, aber darin fand ich die Glückseligkeit, die aus dem Leid entsteht. Bei Camus habe ich mich selbst kennengelernt.»


Friederike Mayröcker: «Schreiben ist ein total anderer Zustand, es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. Ich trinke aber weder Alkohol, noch rauche ich. Es ist ein magischer Zustand. Ich rede nicht gerne darüber. Ich empfinde es beinahe als Verrat, darüber zu sprechen. Es ist auch für mich ein Geheimnis.»


Günter Grass: «Wir stimmen überein! Wunderbar! Aber darf ich dich, Martin, einen Augenblick unterbrechen, wenn das möglich ist, versuchsweise? (…)» Martin Walser: «Du könntest ruhig mal einen Satz ohne das Wort Alter sagen!»


George Tabori: «Ich habe in einem kleinen Zimmer gewohnt in der Akademie der Künste. Eine Art Badezimmer. Ich kannte niemanden. Nebenan wohnte Beckett. Ich wollte ihn kennenlernen. Aber er war immer schneller. Ich habe ihn nie gesehen. Beim Frühstück sah ich einen deutschen blonden Herrn mit seiner Frau, der hat geschimpft, furchtbar, jeden Morgen. Das war Claus Peymann. So kam ich nach Berlin.»


Julien Green: «Ach, die Ungläubigen! Sind sie denn ungläubig? Es gibt keinen vollkommenen Atheismus. Das ist gegen die Natur. Vielleicht ist der Atheismus nur ein Mangel an Vorstellungskraft.»

«Wir sind auf der Welt, um Kafka wahr werden zu lassen» (Andrej Bitow)

Marcel Reich-Ranicki: «Das Ganze steht im Schatten einer einzigen Tatsache. Dass ich jetzt neunzig Jahre alt werde. Es ist scheußlich.»


Sarah Kirsch: «Ich spüre das Alter nicht. Man wird innerlich nicht so schnell alt, wie man in Wirklichkeit alt wird. Innerlich bin ich noch immer die, die mit ihrer Mutter irgendwo langgeht. Aber eigentlich ist mir das Alter schietegal. Ich weiß nur, dass ich mich nicht mehr so gerne verlieben möchte. Das ist mir zu unbequem.»


Ilse Aichinger: «Man begreift dabei, dass die ganze Biologie eine terroristische Überlebensstrategie ist, der man eigentlich gar nicht gewachsen sein möchte. Man wird nicht gefragt. Man wird auch nicht gefragt, ob man sterben will. Ich will tot sein, aber sterben möchte ich auch nicht, weil ich einige Male mit angesehen habe, wie lange das dauern kann.»


George Steiner: «Traurigsein ist nicht das Schlimmste, das sind die ‹Marienbader Elegien› eines Lebens. Aber man macht sich lächerlich als alter Pessimist. In Wahrheit sind wir das Ende und ein neuer Anfang …»


Amos Oz: «Das geheime Gespräch mit den Toten hört nicht auf. Mein Vater starb vor 45 Jahren, und noch immer streite ich jeden Tag mit ihm … Jeder Mensch ist eine Art Matroschka und trägt die Traumata, die Sehnsüchte und die Enttäuschungen der vorangegangenen Generation mit sich herum.»


Péter Nádas: «An der Schwelle des Todes hat man ein sehr abstraktes Denken, das nicht mit der Sprache verbunden ist, gleichzeitig fasst man sinnlich mehr auf, als man je sprachlich ausdrücken, geschweige denn nachträglich sprachlich aufarbeiten könnte.»

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