10.02.2017   von rowohlt

Jeder Stein eine gebrochene menschliche Seele

Hochspannung aus Schottland! Sea Detective Cal McGill, ein «unwiderstehlicher Held» (Times Literary Supplement)

© iStockphoto.com
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Cal McGill ist Meeresbiologe. Seine Spezialität: per Computer die Route von Gegenständen im Wasser zu verfolgen, um Umweltsünder zur Strecke zu bringen. Doch bei seinem Einsatz für die Natur überschreitet der Sea Detective bisweilen die Grenzen der Legalität: Als er im Ziergarten eines hochrangigen Politikers ein arktisches Eiszeitgewächs pflanzt, um auf den Klimawandel hinzuweisen, nimmt die Polizei ihn fest. Detective Helen Jamieson kommt der Öko-Aktivist gerade recht: An der schottischen Ostküste wurden mehrere abgetrennte Füße angeschwemmt; niemand weiß,  von wem sie stammen und woher sie kommen. Bei ihren Recherchen stoßen Cal und Helen auf ein Netz aus Korruption, sexueller Ausbeutung und Menschenhandel. Und auf ein indisches Mädchen, das sie vielleicht noch retten können.


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Atmosphärisch super. Die Schotten packen's an, ob Gischt oder Gemeinheit.»
Radio Bremen: «Eine Klasse-¬Mischung aus Familiengeheimnis, aktueller Weltgeschichte und schottischen Lebensbedingungen mit interessanten Figuren.»
Shotsmag: «Ungewöhnlich, interessant und packend.»
The Scotsman: «Der Sea Detective hebt die Messlatte für schottische Kriminalromane … Elegant geschrieben und fesselnd.»


Zum Autor: Nach einer Reporterkarriere war Mark Douglas-Home bis 2006 Herausgeber der schottischen Tageszeitung The Herald, ehe er sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete. Sein journalistisches Rüstzeug dürfte ihm bei der Entwicklung der Figur des Sea Detective äußerst nützlich gewesen sein. Bei der (recherchelastigen!) Thematik rund um Meeresströmungen, Windwirbel und Zersetzungsprozesse organischer Materie im Wasser stand ihm u.a. mit Toby Sherwin, einem emeritierten Professor der Ozeanographie, ein Kenner der komplizierten Materie zur Seite. 

Irgendjemand muss die Wahrheit kennen


Auf Cal McGills Visitenkarte,  wenn er denn eine hätte, könnte so einiges stehen: Meeresbiologe, Ermittler für Strand- und Treibgut, Umweltschützer, politischer Aktivist. Der Sea Detective ist Einzelkämpfer aus Überzeugung. Bei einer seiner nächtlichen Missionen fliegt er auf: Weil er im Garten des Umweltministers Dryas octopetala, Weißen Silberwurz, anpflanzt (ein eher sanftes «Fanal» gegen die Auswirkungen des Klimawandels …), wird er am nächsten Tag in Edinburgh von Detective Inspector Ryan in die Mangel genommen. Der cholerische Macho in Uniform würde Cal am liebsten als Öko-Terroristen einbuchten – ein absurdes Unterfangen bei einem derartigen Bagatelldelikt. 


Das ist seiner Kollegin Detective Helen Jamieson sofort klar. Sie ist, anders als ihr triebgesteuerter Vorgesetzter, definitiv nicht auf den Kopf gefallen. IQ von 173, erstklassiger Abschluss in Jura, Master in Kriminologie – da geht was. Weil Ryan ihre Arbeit nach allen Regeln der Kunst zu sabotieren versucht, nimmt sie unter dem Pseudonym Bembo Kontakt mit Cal McGill auf. (Bembo ist der Name des Harpuniers aus Herman Melvilles autobiografischem Roman «Omoo» über seine Zeit auf einem Walfänger in der Südsee.) Helen weiß: Wenn jemand das Rätsel um die abgetrennten Füße aufklären kann, dann der Mann, der für seine Doktorarbeit eine Software zur Rückverfolgung von Treibgut jeder Art entwickelt hat und nicht umsonst einen Ruf als «Sea Detective» weghat.


Dass Cal McGill vom Meer nicht loskommt, liegt auch am tragischen Schicksal seines Großvaters Uilleam (gälisch für: William). Der hatte im Ersten Weltkrieg auf einem umgebauten Trawler gegen deutsche U-Boote gekämpft; mit mehreren anderen Männern von der winzigen Insel Eilean Iasgaich war der Einundzwanzigjährige bei einem Einsatz  vor der Nordküste Schottlands ertrunken. 


Längst sind die überlebenden Bewohner von Eilean Iasgaich aufs Festland umgesiedelt, in Sichtweite der alten Heimat. Aber noch immer wühlen die alten Geschichten die Menschen auf. Um Cals toten Großvater rankt sich ein bitteres Geheimnis. Was ist damals, im Herbst 1942, auf der Eilean Iasgaich wirklich passiert? Das Schiff hatte einen Konvoi nach Archangelsk begleitet; sieben Männer, darunter auch Cals Großvater Uilleam Sinclair, kehrten nicht mehr zurück. Als Cal Jahrzehnte später zum ersten Mal die verlassene Insel betritt, sieht er, dass auf dem Denkmal für die gefallenen Kriegshelden ein Name fehlt: der von Uilleam.

«Der Wahnsinn lässt uns nicht los …»


Es sind drei Erzählstränge,  denen wir in Mark Douglas-Homes in Edinburgh und an der Nordwestküste Schottlands (Isle of Mull, Ardnamurchan-Halbinsel, Oban) spielenden Krimi gebannt folgen – drei ineinander verflochtene Geschichten: das dramatische Geschehen im Nordmeer während des 2. Weltkriegs, das Rätsel um die in Turnschuhen steckenden abgetrennten Füße, und das Schicksal der jungen Inderin Basanti, die nach dem Tod des Vaters von ihrer Mutter als Sexsklavin verkauft und nach Europa verschleppt wurde. 


In Indien werden zahllose Mädchen aus armen Familien auf die dhanda, das Sexgeschäft vorbereitet. Mit ihrem Körper haben sie ihre Familien zu retten: eine für alle. Ein Mädchen, das seine Jungfräulichkeit so verliert, hat alles verloren; niemals wird sie eine eigene glückliche Familie haben. Für Preeti und Basanti, dreizehn und vierzehn Jahre alt, blätterten skrupellose Schlepper jeweils 60.000 Rupien hin. Preeti hat die Reise in den Schrecken, ins ferne Europa, nicht überlebt. Erst drei Jahre später erfährt Basanti, dass ihre Freundin tot ist – von ihren Peinigern ins eiskalte Wasser geworfen, entsorgt wie ein Stück Müll.  Basanti hat sich geschworen, ihre Freundin Preeti zu rächen. Koste es, was es wolle, und sei es das eigene Leben.


Am Ende laufen alle Fäden bei Cal zusammen. Entscheidende Hinweise erhält er ausgerechnet von seiner Ex-Frau Rachel; während der Dreharbeiten zu einem Film über die Vertreibung der Bauern aus den schottischen Highlands hat die Fernsehjournalistin Grace Ann MacKay kennengelernt, die als junges Mädchen unsterblich in Uilleam verliebt war, Cals Großvater. Jetzt, am Ende ihres Lebens, will die alte Dame reinen Tisch machen. Sie erzählt Cal die Geschichte eines alten Familienzwistes – und von dem Drama, das sich in jenem Kriegsherbst 1942 auf dem Trawler im Nordmeer zugetragen hat …

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