27.03.2018   von rowohlt

Ist der amerikanische Traum ausgeträumt?

ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard über ein Land, das uns immer fremder geworden ist

© Jan Philipp Burgard
© Jan Philipp Burgard

Amerika – ein Land voller Widersprüche. Es kämpft mit Herausforderungen wie Armut, Rassismus, Strukturwandel und Klimawandel. Die Zukunftsängste wachsen. Mehr als ein Jahr lang reist ARD-Korrespondent Jan Philipp Burgard kreuz und quer durch die USA. Er will wissen, wie es den Menschen im Trump-Amerika geht. Er hört sich um bei den Hillbillys in West Virginia, entlang der Route 66, in Las Vegas und in Silicon Valley. Er trifft Cowboy-Kids in Texas, einen Sheriff an der Grenze zu Mexiko, Arbeiter in Kentucky, Umweltaktivisten in Alaska, Politiker und Journalisten in Washington. Was ist los in den USA – gibt es ihn noch, den vielbeschworenen American dream?
Im Interview – Jan Philipp Burgard und seine Reportagen über ein gespaltenes Land: «Ausgeträumt, Amerika?»

DAS INTERVIEW


Sie haben als Journalist im ARD-Studio Washington nicht nur die Wahl Donald Trumps vor Ort in den USA miterlebt, sondern auch schon die Wahl Barack Obamas. Wie lässt sich die Stimmung im Land unter diesen sehr unterschiedlichen Präsidenten miteinander vergleichen? 
Obama verbreitete zu Beginn seiner ersten Amtszeit eine große Aufbruchsstimmung. Wo man auch hinhörte – die Menschen sprachen von Hoffnung und Wandel. Doch als ich 2016 in die USA zurückkehrte und den Wahlkampf von Donald Trump beobachtete, spürte ich vor allem Angst und Wut. 


Bei den Massenprotesten am Tag von Trumps Amtseinführung kam es am 20. Januar 2017 zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Washington. Sie waren nah dabei bzw. mittendrin. Als Korrespondent, schreiben Sie, seien Sie darauf trainiert, «sich auch in Ausnahmesituationen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen». Wie lernt man Coolness in Ausnahmesituationen? 
Wir lernen in speziellen Krisen- und Sicherheitsseminaren, was zu tun ist, wenn eine zunächst einschätzbare Situation etwa bei einer Großveranstaltung wie einem Konzert, einer Sportveranstaltung oder einer Demonstration plötzlich kippt und sich schlimmstenfalls in eine Katastrophe verwandelt. Wir werden sogar auf den Fall einer Entführung vorbereitet. 


Wann haben Sie sich zum ersten Mal gefragt, ob der amerikanische Traum ausgeträumt ist? 
Auf einer Reise entlang der Route 66 traf ich einen Trucker namens Tom, der mich ein paar Meilen mitfahren ließ. Er war schon im Rentenalter, doch er sagte mir, dass er fahren muss, bis er tot umfällt. Das Geld reiche einfach nicht für den Ruhestand. Eigentlich hieß es ja immer, dass sich der amerikanische Traum erfüllt, wenn man hart genug arbeitet und man sich an die Regeln hält. Doch dieses Versprechen blieb plötzlich für viele Amerikaner leer. Ich erlebte ein Land, das mehr denn je gespalten ist zwischen Arm und Reich, Stadt- und Landbevölkerung, afroamerikanischen und weißen Bürgern. Immer mehr trieb mich die Frage um, ob Amerika ausgeträumt hat. So ist die Idee für die Leitfrage meines Buches entstanden.   


Eines der spannendsten Kapitel Ihres Buches war für mich der Bericht über Begegnungen mit Sheriff Tony Estrada und dem Cowboy Jim Chilton, beide weit über siebzig, in Arizona. Wie geht man damit professionell um, wenn selbst bei hochemotionalen Themen wie der geplanten Mauer zu Mexiko die Grenze zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch so schwer auszumachen ist?
Die Recherchen in Arizona waren tatsächlich sehr emotional. Ich wollte an der Grenze zu Mexiko herausfinden, was die Amerikaner dort über Trumps Plan denken, eine Mauer zu bauen. Sheriff Estrada war in ärmlichen Verhältnissen auf der mexikanischen Seite aufgewachsen und hat sich bis zum US-Sheriff hochgearbeitet. Er sagt, auch eine Mauer könne Armutsflüchtlinge aus Mexiko nicht aufhalten. Und Sheriff Estrada empfindet Trumps Mauer-Politik als persönliche Beleidigung. Der Cowboy Jim Chilton hingegen hält Trump für ein Genie. Denn mexikanische Drogen-Kuriere nutzen Chiltons Ranch als Schmuggelroute. Diese Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Sorgen und Gedanken möchte ich als Autor beschreiben, ohne sie zu verurteilen. Die Bewertung überlasse ich den Leserinnen und Lesern.  


Sie  zitieren Psychiater, die Trump für psychisch nicht zurechnungsfähig, krankhaft geltungssüchtig, also absolut ungeeignet für das höchste politische Amt des Landes halten. Außerdem sieht sich der Präsident ständig mit neuen Skandalen konfrontiert – von der «Russland-Affäre» bis zu den Enthüllungen über das Schweigegeld, das dem Pornostar Stormy Daniels gezahlt wurde. Hierzulande wäre die Karriere eines solchen Politikers wohl schnell am Ende. Warum verpuffen Trumps Skandale in den USA? 
Trump ist es gelungen, die Glaubwürdigkeit vieler etablierter Medien zu erschüttern. Nachrichten über die von Ihnen genannten Skandale tut er als «Fake News» ab und seine treuen Anhänger versammeln sich hinter ihm. Ein Faktor ist die Einfachheit seiner Sprache. Laut einer Studie nutzt Trump oft nur das lexikalische Niveau eines Grundschülers. Steht man aber in einer Halle mit vielen Tausend Zuschauern, dann merkt man, dass es ihm gelingt, die Massen zu erreichen. Trump hat einen Nerv getroffen: «Make America Great Again». Er gibt vielen Amerikanern ihren Stolz zurück. 


Trump möchte Obamacare, die Gesundheitsreform seines Amtsvorgängers, abschaffen, die mehr als 20 Millionen vorher nicht krankenversicherten Amerikanern eine gewisse Absicherung im Krankheitsfall bot. Am härtesten betroffen von den Plänen sind Arbeitslose, Geringverdiener und die untere Mittelschicht. Wie kann es sein, dass sie immer noch den harten Kern des Trump-Lagers stellen?
Einige Anhänger Trumps, mit denen ich zum Beispiel in Kentucky gesprochen habe, blenden die Fakten einfach aus. Selbst die Tatsache, dass ihr eigener Versicherungsschutz sich durch Trumps Pläne verschlechtert, wurde überstrahlt von dem Gefühl, dass Trump ihr «Anwalt» ist. In der Wahrnehmung von Millionen Amerikanern kämpft Trump für die Verratenen, Vergessenen und Verachteten. Ironischerweise ist ausgerechnet ein Milliardär, der schon in eine goldene Blase hineingeboren wurde, zum Sprachrohr jener «Abgehängten» geworden, denen sozialer Aufstieg verwehrt bleibt. 


Früher, als Praktikant beim Iserlohner Kreisanzeiger, haben Sie mit Reportagen über Kaninchenzüchter und Schützenfeste erste journalistische Meriten erworben. Später interviewten Sie nicht ganz unbekannte Menschen wie George Bush Senior, Karl Lagerfeld, Jean Claude Juncker, Anne Will oder Frank Walter Steinmeier. Wenn Sie eine Top 3 Ihrer absoluten Wunschinterviews aufstellen müssten – wer wäre das? (Okay, Muhammad Ali ist tot, Romy Schneider auch …)
Michelle Obama – eine Powerfrau, die bestimmt noch viele Ideen für Amerika hat.
Donald Trump – ein Präsident, der einfach viele Fragen aufwirft. 
Leon de Winter – ein Schriftsteller, den ich sehr bewundere. 


Für Ihre TV-Dokumentation «Alaska im Klimawandel» erhalten Sie den renommierten RIAS-Medienpreis – herzlichen Glückwunsch dazu! Wie viel Zeit bleibt Ihnen als stellvertretender Leiter des ARD-Studios in Washington für derartige Exkursionen?
Es bleibt genug Zeit. Denn wir sind ja keine reinen Washington-Korrespondenten, sondern Amerika-Korrespondenten. Um dieses gespaltene Land voller Widersprüche zu verstehen und das für die ganze Welt überraschende «Phänomen Donald Trump» zu erklären, muss man durch das Land reisen. Und das tun mein Team und ich so viel wie möglich. 


Bei einem Vortrag in Berkeley haben Sie am Ende Ihrem studentischen Publikum eine Frage gestellt: «Glaubt Ihr persönlich noch an den amerikanischen Traum?» Wie fällt Ihre eigene Antwort aus?
Ich habe sie tatsächlich immer noch erlebt, diese Geschichten vom amerikanischen Traum, der sich erfüllt. Zum Beispiel durfte ich die Nordkoreanerin Jinhye Scho kennen lernen, die in ihrer Heimat in Haft saß und sogar gefoltert wurde. Doch ein amerikanischer Pastor kaufte sie frei. Heute betreibt sie in der Nähe von Washington ein erfolgreiches Pflege-Unternehmen.  Aber die Statistiken zeigen, dass solche Geschichten seltener werden. Laut einer Umfrage denkt nur noch ein gutes Drittel der US-Bevölkerung, dass sich ihr amerikanischer Traum erfüllt hat. Darunter sind deutlich mehr Menschen mit Hochschulabschluss, als Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Und die Chance, eine Universität zu besuchen, ist für Kinder von afroamerikanischen Mittelklasse-Familien deutlich niedriger ist als für weiße Kinder. Auch hier zeigt sich also die Spaltung des Landes, die sich unter Trump noch verschärft. Trotzdem bleibe ich persönlich Optimist. Die US-Gesellschaft hat in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder ihre Selbstheilungskräfte unter Beweis gestellt. Präsidenten kommen und gehen. Der amerikanische Traum wird lebendig bleiben.   

Top