19.10.2015   von rowohlt

«Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet»

Diagnose: Depression. Behandlung: mit Humor. Ein Gespräch mit Tobi Katze

© Fuse/Getty Images
© Fuse/Getty Images

«Meine Depression und ich sitzen im Wohnzimmer. Es ist ein heller Wintertag mit strahlender Kälte vor der Tür …» Die Depression hat Tobi Katze nicht plötzlich überfallen. Sie hat sich angeschlichen und unmerklich das Ruder in seinem Leben übernommen. Es gibt viele Bücher über Depression, aber wohl keines, das mit so viel Witz und  betörender Poesie der Krankheit zu Leibe rückt. Tobi Katze nennt sich selbst einen «kabarettistischen Geschichtenerzähler», Spezialität: «rocknrollmitbuchstaben». Er liest auf Lesebühnen, schreibt Drehbücher – und zeigt uns in «Morgen ist leider auch noch ein Tag» eindrucksvoll, wie sich Depression anfühlt. Und wie man lernt, mit ihr weiterzuleben.


«Da schwang sofort etwas …»

Die Überschriften des Buches sprechen für sich, denkt man: Blei. Stille. Endlich verrückt. Angst und Zigarette. Die Unordnung der Welt ... Wann haben Sie bemerkt, dass Sie offenbar ein besonderes Talent haben, anderen zu erklären, besser gesagt: zu erzählen, wie sich Depression anfühlt?
Das kam mit der Resonanz auf mein Blog «dasgegenteilvontraurig». Mir war am Anfang gar nicht so sehr bewusst, dass ich da scheinbar gute Worte fand für etwas, was sich anderen Menschen entzieht. Ich arbeite jetzt seit 5 Jahren als Schriftsteller – und das war das erste Mal, dass ich mich thematisch einer Krankheit annahm. Da schwang sofort etwas. Da schienen meine manchmal etwas ausufernden Metaphern ganz gut aufgehoben und am richtigen Ort.


Was ist Depression für Sie: eine Krankheit? ein komplexes, schwer bezähmbares düsteres Grundgefühl? eine Behinderung? ein Riesenberg zwischen sich und dem Glück?
Eine Krankheit, die eine massive Behinderung darstellt. Psychische Krankheiten fühlen sich ja leider so selten nach klassischer «Krankheit» an, sondern für mich persönlich immer nach Charakterschwäche. Da konstant gegenzusteuern lässt es dann zur Behinderung werden – und letztlich zum Berg, der dusselig vor dem eigenen Glück und der Zufriedenheit rumsteht.

«Es ist erstaunlich, wie dominant Angst in unserem Leben ist»

Ihr Blog «dasgegenteilvontraurig» auf stern.de ruft fulminante Resonanz hervor. Jeder zweite Beitrag enthält Sätze wie«Danke, Tobi, endlich findet einmal jemand genau die Worte für das, was ich fühle». Wie gehen Sie mit diesen euphorischen Reaktionen um: pures Glück oder auch ein Hauch Beklemmung («Tobi, der Super-Therapeut»)?
Ich schätze, das Wort ‹Überforderung› trifft es ganz gut. Das ist vielleicht ein Merkmal meiner Depression und des ganz persönlichen Kampfes, den ich da mit mir selbst auszutragen habe, aber Komplimente und Anerkennung sind Dinge, die von mir abperlen. Da bin ich teflonbeschichtet. Ich muss mir auch da ganz bewusst klarmachen, dass mir all diese Menschen nichts schuldig sind und mir nichts schenken oder mich anlügen müssen – sondern dass sie einfach ernsthaft dankbar sind oder mir gratulieren zu diesem schönen Blog – oder eben jetzt zum Buch. 


Sie finden wunderbar lakonische, poetische Bilder und Begriffe. «Der Mann, der rückwärts der Zukunft entgegenschreitet». Der Mann, dessen Hirn keine Filterfunktion kennt: «Es gibt keinen Hintergrund. Alles ist vorne.» Vertrauen in einer Beziehung, was heißt das? «Ich konnte sagen: ‹Mir geht's scheiße.› Sie konnte sagen: ‹Okay. Bis später, Süßer.›» Depression, eine todernste Sache – und doch auch kabarettfähig?
Nun, die Ausgangslage für Kabarett ist doch, dass man etwas zu sagen hat. Idealerweise noch etwas, was wenige Menschen hören wollen. Oder wissen. Ich muss doch als Kabarettist unangenehme Themen so verpacken, dass sie ein wenig ihren Schrecken verlieren. Und da eignet sich eine Krankheit, die ein Großteil der Menschen nicht versteht, doch hervorragend zu. Witze nehmen doch letztlich auch nur die Angst – nicht mehr und nicht weniger. Und es ist erstaunlich, wie dominant Angst in unserem Leben doch ist. Angst sorgt für Vorurteile, für Ablehnung und Hass. Die zu bekämpfen scheint mir ein gutes Ziel fürs Kabarett.

«Und dann: ab auf die Bühne. Gemeinsam mit der Angst, aber dann eben nicht davon überwältigt»

Klingt wie ein kleines Wunder: Ein Mann mit ausgewachsener Depression, mit schweren Problemen, sich unter Menschen zu bewegen («Blutrauschohren, Zitterhände»), sucht genau das: die Öffentlichkeit, die Konfrontation mit Menschen. Wie war das bei Ihren ersten Auftritten auf Lesebühnen wie «Guten Tacheles» oder «SchreibGut am Hafen»: Lampenfieber oder Lampenpanik?
Alkoholbedingte Ruhe und Glückseligkeit.
Aber mal im Ernst: Ich stand ja schon auf der Bühne, bevor ich eine Depression hatte. Und damit meine ich nicht «vor der Diagnose», sondern wirklich vor der Depression.
Schreibgut und Tacheles – das waren wunderschöne Shows mit talentierten Menschen, da gab es keine Angst zu haben. Das kam erst viel später, als ich vermehrt allein auf der Bühne stand. Als ich keinen Alkohol mehr trank – ja, da war es definitiv Lampenpanik. Aber ich habe mir immer wieder gesagt: Du ziehst das jetzt durch. Du darfst diese Angst nicht gewinnen lassen. Und dann ab auf die Bühne. Gemeinsam mit der Angst, aber eben nicht davon überwältigt. Letztlich ist es doch wie mit kleinen Kindern. Zuerst bleibt man zu Hause, wenn sie frisch sind. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich wohlfühlt, das Kind mit zu einer Party zu nehmen. Da erklärt man kurz: «Hier, das ist mein Kind, das schreit manchmal» – und gut ist.


Mich überrascht, wie positiv Sie über Therapie schreiben. In Ihrem Blog heißt es: «Therapie hat mir immer schönere Flügel gebaut und mir gezeigt, wie man sich an einen Abhang stellt, ohne runterzufallen.» Ist das reale Therapieerfahrung oder doch mehr ein kleiner Mutmacher für andere, auf keinen Fall professionelle Hilfe auszuschlagen?
Absolut reale Therapieerfahrung. Ich habe in diesen Jahren so unglaublich viel über mich und die Menschen gelernt. Ich bin dadurch wesentlich gereift und habe einige wichtige Erkenntnisse mitnehmen können, die mir das Leben enorm vereinfachen.

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