03.06.2016   von rowohlt

Interview mit Kit de Waal zu «Mein Name ist Leon»

Kit de Waal betritt den Raum, lächelt freundlich, und stellt sich vor. Was sofort auffällt, ist ihr sympathischer britischer Akzent. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Stapel ihres Romans «Mein Name ist Leon».

Erzählen Sie mal!


Wie war und ist die Position von karibisch-stämmigen Einwohnern in England gegenüber der dunkelhäutigen, englischen Bevölkerung?
Mein eigener Vater kam 1956 aus einer britischen Kolonie in der Karibik aus wirtschaftlichen Gründen nach England. Er plante höchstens zehn Jahre zu bleiben – doch wie viele andere, blieb er länger. Er fühlte sich aufgrund der Sprache, Kultur und Lebenserfahrung ständig als Außenseiter. Ganz anders als ein in England geborener Dunkelhäutiger, der England zumindest immer als Zuhause betrachtet. Sicherlich ist auch heute Rassismus in England noch hier und da allgegenwärtig, aber sicherlich nicht vergleichbar mit den 1980er Jahren.

„No blacks, no dogs, no Irish“


Wie sehen Sie sich oder Ihre Verwandten in den Charakteren Leon, Mr. Devlin oder Tufty?
Meine Verwandten und ich tauchen in allen Figuren auf. Meine Mutter stammt wie Mr. Devlin auch aus Irland – sie hat sich nicht den Engländern zugehörig gefühlt. Bei meinem Vater war es ganz ähnlich. Es gab Wohnungsanzeigen, in denen stand „No blacks, no dogs, no Irish“. Ihre Erzählungen und Beschreibungen haben mir als Autorin sehr geholfen, mich in die einzelnen Charaktere einzufühlen.


Weshalb haben Sie die kindliche Erzählperspektive gewählt?
In einem meiner früheren, bislang unveröffentlichten Werke war Leon ein erwachsener Charakter – ich wollte seine Hintergrundgeschichte abbilden. Die Erzählweise von Kindern ist die einzige echte, wahre, unverfälschte. Ich empfinde es so, dass die Geschichte von Kindern auch von Kindern erzählt werden sollte.

«Es ist so gut, wie es wird (It’s as good as it gets)»


«Alles wird gut» sagt Pflegemutter Maureen zu Leon. Ist das Ihr persönliches Lebensmotto? Oder war das zu Beginn des Buches Ihre Hoffnung, das Buch zu einem guten Ende zu führen?
Mein persönliches Lebensmotto wäre viel eher: «Es ist so gut, wie es wird (It’s as good as it gets)». Aber zu meinen eigenen Kindern würde ich immer gerne sagen: «Es wird alles gut». Und ich wünschte, ich würde den Satz auch häufiger zu mir selbst sagen.


Sie haben zwei adoptierte Kinder. Wie inspirierend waren sie?
Sehr sogar! Sie haben mir geholfen, alles durch Kinderaugen zu sehen. Sie haben mir Stärke gegeben, das Buch zu schreiben. Ich meine sogar, dass ich ohne sie gar nicht das Recht gehabt hätte dieses Buch zu schreiben.

Sechs Wörter, ein Satz


Curly-Wurly
Ein billiger Schokoladenriegel, bei dem die Zähne aneinanderkleben – aber Kinder lieben ihn.
Action-Man
Kampfstark, kräftig, ein Krieger – und mein Bruder hatte zwölf Action-Man-Figuren (rollt mit den Augen).
Hulk
Ist Leons Fantasie und sagt ihm als einziger nicht, was er zu tun hat.
Margret Thatcher
Mitleidslos.
Gute-Nacht-Geschichten
Sind der größte Komfort, den Kinder haben können.
Britische Monarchie
Unnötig.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

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