11.09.2019   von rowohlt

«Es geht da im Grunde um all meine Lieblingsdinge»

Jojo Moyes im Interview zu ihrem neuen großen Roman «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht»

© Claudia Janke; Jojo Moyes-Wie ein Leuchten in tiefer Nacht; Kentucky Digital Library
© Claudia Janke; Jojo Moyes-Wie ein Leuchten in tiefer Nacht; Kentucky Digital Library

Jojo Moyes neuer großer Roman ist ganz anders als ihre vorherigen Romane und doch fühlt man sich als Leser direkt in ihm Zuhause. Unsere Bestsellerautorin schreibt über Frauen, die in den 1930er Jahren in der Wildnis Kentuckys ihren eigenen Weg gehen. Sie reiten durch die beschwerliche Berglandschaft, um auch Kranken und älteren Menschen den Zugang zu Büchern zu ermöglichen und um Analphabeten das Lesen beizubringen. Dieses Buch geht ans Herz und macht Mut - und es wäre kein Jojo Moyes-Roman ohne eine große Liebesgeschichte!


«Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» erscheint als Weltpremiere am 1. Oktober.

DAS INTERVIEW


Dass Millionen Leser*innen in aller Welt Ihre Romane so sehr lieben, liegt auch an den starken Frauengestalten wie Louisa, Nell oder Sophie. Im Mittelpunkt Ihres neuen Romans «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» stehen mit Margery O’Hare und Alice Van Cleve, mit Beth und Izzy, Kathleen und Miss Sophia gleich sechs beeindruckende, mutige Frauen der Packhorse Library von Baileyville. Man könnte sagen: ein eindeutiges feministisches Statement, oder?

Ja, ich denke, das ist es wohl – obwohl ich mir das nicht explizit vorgenommen hatte. Ich wollte einfach ein Buch schreiben, in dem Frauen tatsächlich handlungsfähig, einfallsreich und praktisch sind und tolle Sachen zustande bringen, anstatt mich auf ihre Beziehungen und ihr Äußeres zu konzentrieren.
Zudem wollte ich ein Buch schreiben, in dem sich Frauen gegenseitig unterstützen; im Gegensatz zu dem üblicheren Narrativ, das uns zuschreibt, wir müssten immer im Konkurrenzkampf miteinander stehen. Das entspricht einfach nicht meiner Erfahrung. Aber ich bin sehr zufrieden damit, wenn mein Roman als feministisches Statement betrachtet wird. Ich hoffe, dass es genau das ist – und dazu eine gute Geschichte! (Außerdem sollte ich darauf hinweisen, dass der Roman auch ein paar ausgezeichnete Männerfiguren enthält.)


Jojo Moyes, Spezialistin für Frauenliteratur, aber «mit Themen, um die die sogenannte chick lit einen Bogen macht: Behinderung, Armut, Selbstmord, Prekariat»: Das schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem großen Porträt 2014. In Ihrem neuen Roman, der in den späten 1930er Jahren in Kentucky, USA, spielt, haben Sie Ihr Themenspektrum noch einmal radikal erweitert. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen: die dramatischen Geschehnisse rund um die WPA-Satteltaschenbücherei (Packhorse Library) von Baileyville?
Ich habe online einen Artikel in dem Magazin The Smithsonian gelesen, der mit diesen außergewöhnlichen Fotografien bebildert war: von Frauen auf Pferden, die sich bereitmachten, in diese gewaltige, raue Natur zu reiten, um isoliert lebenden Familien Bücher zu bringen. Es geht da im Grunde um all meine Lieblingsdinge: Pferde, starke Frauen, Bücher und wilde Landschaften. Ich wusste sofort, dass ich über sie schreiben wollte. Ich hatte dieses brennende Bedürfnis und konnte den Plot quasi unmittelbar vor mir sehen.


Vieles, was in dem Roman beschrieben wird, ist historisch verbürgt: das Packhorse Library Project (1935–1943) als Teil der Works Progress Administration (WPA), das starke Engagement der First Lady Eleanor Roosevelt. Gibt es auch ein historisches Vorbild für die Figur der eigenwilligen, unangepassten, stolzen Bibliothekarin Margery O’Hare?
Nein, nicht ein Vorbild im Speziellen. Aber ich habe sehr viel über Kentucky und die Lebensbedingungen zu dieser Zeit gelesen, und es gab einige wirklich unglaublich toughe Frauen – was sie häufig auch sein mussten, um zu überleben. Das war damals eine Männerwelt, und es gibt viele Berichte darüber, wie schwer es Frauen hatten und wie groß die Brutalität war, unter der sie oft leiden mussten – aber es gibt eben auch ein paar Beispiele von Frauen, die das mit gleicher Münze heimzahlten. Ich liebe diese Figuren in Romanen, und das Packhorse Library Project hat mir den idealen Anlass gegeben, selbst so eine Figur zu erschaffen. Ich wollte über die Art von Charakter schreiben, die dich inspiriert, als junge Frau loszulegen und zu sagen: «Oh ja, ich werde alles machen, was ich will!»


«Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» erzählt von zwei großen (und extrem komplizierten) Liebesgeschichten. Aber es geht im Roman auch um Bigotterie im ländlichen Kentucky, um Rassismus und Gewalt gegen Frauen, um katastrophale Arbeitsbedingungen und gnadenlose Ausbeutung der Natur. Kann es sein, dass dieser Roman weit mehr Recherchearbeit erforderte als die früheren?
Ich recherchiere immer sehr gründlich, weil ich nicht glaube, dass ein Roman ansonsten wirklich zum Leben erwacht, aber dieses Mal hat sich das noch mal auf einem ganz anderen Level abgespielt. Ich habe drei Recherchereisen in die Gegend gemacht, und musste dafür jedes Mal zwei Flugzeuge nehmen und eine lange Autofahrt überstehen. Ich habe auch viel wissenschaftliche Recherche betrieben, weil ich mich sowohl mit Bergbau auskennen musste als auch mit den bewaffneten Kohlekonflikten, den Lebensbedingungen in Gefängnissen der 1930er Jahre, mit der Todesstrafe, Gerichtsverhandlungen in dieser Zeit. Ich musste die Bibliothekarinnen kennen und die Landschaft. Die Landschaft ist alles entscheidend: Ich bin die Routen abgeritten, die die Bibliothekarinnen damals genommen haben, und das hat mir sehr geholfen: die Stille in den Wäldern zu hören, mir zu Pferd einen Weg durch dasselbe Gelände zu bahnen, durch das sie auch geritten sind … das sickert alles in das geschriebene Wort.


Sie sind mehrfach selbst nach Kentucky gereist, um dort für Ihr Buch zu recherchieren. Wir haben vermutlich alle Bilder im Kopf, wenn wir Begriffe hören wie Dixie, Hillbilly, Kentucky. War es dort so, wie Sie es erwartet haben, oder gab es etwas, was Sie überrascht hat?
Tatsächlich hat es mich überrascht. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich wirklich viel recherchiert habe, bevor ich in diesen Teil der Cumberland Mountains gereist bin – und die Ergebnisse, die man im Internet so findet, waren nicht gerade ermutigend. Es wurde da ein Bild gezeichnet von einer Gegend mit einem gewaltigen Drogenproblem, voller Armut, ohne ordentliche Hotels – eine Art allgemeiner Missstand. Als ich zum ersten Mal dorthin gereist bin, habe ich eine Freundin gebeten, mich zu begleiten, weil ich nach einigen Artikeln Angst hatte, alleine unterwegs zu sein. Und ja, manches davon stimmt. Es gibt dort Armut und ein Drogenproblem. Aber die Landschaft ist wunderschön, und die Leute sind bezaubernd – es scheint, als läge ihnen das Geschichtenerzählen in den Genen. Sie waren charmant und hilfsbereit und vielfältig und interessant. Ich habe mich tatsächlich in die Gegend verliebt und einige Freundschaften geschlossen, von denen ich glaube, dass sie mein Leben lang halten werden. Und weil es keine schicken Hotels gab, bin ich letztlich in einem winzigen Bed and Breakfast gelandet, zu dem man gelangt, wenn man etwa sieben Meilen einer Schotterstraße folgt – letztlich bin ich dann immer und immer wieder dorthin zurückgekehrt. Ich habe dort Erfahrungen gemacht, wie man sie in einer Hotelkette schlicht nicht machen kann.


An einer Stelle in «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» heißt es: «Weißt du, was das Schlimmste daran ist, wenn dich ein Mann schlägt? Es ist nicht der körperliche Schmerz. Es ist die Erkenntnis, was es in Wahrheit bedeutet, eine Frau zu sein. Dass es keine Rolle spielt, wie klug du bist, wie viel besser du argumentieren kannst, wie viel besser du bist als die Männer, Punkt. Es ist die Erkenntnis, dass sie einen immer mit der Faust zum Schweigen bringen können. Einfach so. […] Das passiert allerdings nur, bis man gelernt hat, noch härter zurückzuschlagen.»
Ist das eine Botschaft, von der Sie hoffen, dass Ihre Leserinnen sie mitnehmen: mutig zu sein, sich zu wehren? Vielleicht nicht zwangsläufig mit Fäusten, sondern mit Worten und mit Wissen?

Ja, ich wollte über Frauen schreiben, die nicht machtlos waren, zumindest nicht die ganze Zeit. Wir fühlen uns ja bisweilen so, besonders in Momenten, wenn uns so viel im Weg steht, aber genau dann ist es besonders wichtig, die eigene Stärke und Solidarität von anderen zu finden. Ich habe festgestellt, dass ich, je älter ich werde, desto mehr dazu tendiere, mich zu wehren. Ich habe in meinen Vierzigern mit dem Boxen angefangen – das hilft dabei!


Auch wenn Alice und Margery aus dem ländlichen Kentucky der 1930er Jahre stammen, es fällt sehr leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Ihr Kampf um Glück, um Freiheit und Unabhängigkeit und das Recht, ihren eigenen Weg zu gehen – all das sind Dinge, die uns auch heute noch beschäftigen. Bücher und Bildung sind für die Frauen der Packhorse Library ganz wichtig auf ihrem Weg. Haben Sie das Gefühl, dass Bücher heutzutage die Rolle spielen, die sie sollten?
Ich denke, dass Bücher in einer Zeit, in der es so viele andere Medien gibt, bisweilen sehr um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Aber mein Eindruck ist, dass vielen Menschen durchaus bewusst ist, dass das Lesen gut für die psychische Gesundheit ist – es gibt dir eine Auszeit von deinen eigenen Gedanken, wie es Smartphones oder Computer nicht leisten können. In Großbritannien zeichnet sich gerade ein immenser Trend zum Hörbuch ab. Ich glaube also, dass Geschichten heute beliebt wie eh und je sind. Ich mache mir eher Sorgen über die Rolle des Internets bei der Verbreitung von Fake News. Das kommt mir tatsächlich wie eine wachsende Bedrohung vor.


Zu den lustigsten Episoden des Romans zählen die Gespräche, die die Bibliothekarinnen mit dem begriffsstutzigen Pastor McIntosh führen, zum Beispiel über die Frage, weshalb Alice Van Cleve partout nicht schwanger wird. Was einen sehr einfachen Grund hat – und keineswegs daran liegt, dass Alice allzu lange rittlings auf Pferden sitzt und «ihre Innereien durcheinandergerüttelt werden». Sie lieben solche «aufklärerischen» rhetorischen Gefechte, oder?
Es macht wahnsinnig Spaß, Streitgespräche zu schreiben – besonders wenn sie dann noch Humor haben. Ich wollte, dass es in dem Roman einige Stellen gibt, in denen die Bibliothekarinnen – interessiert an Fakten, Solidarität, Bedürfnissen von Frauen – auf das Patriarchat oder die Kirche stoßen und sie, um zu kämpfen, ihr faktenbasiertes Wissen statt Emotionen nutzen. Der heftigste emotionale Ausbruch in dem gesamten Roman kommt ja tatsächlich von einem Mann – Mr. Van Cleve.


«Ich weiß nicht, was ich ohne meine Tiere für ein Mensch wäre», haben Sie einmal gesagt. Pferde zählen zu Ihren größten Leidenschaften. Bereits als Achtjährige haben Sie in Schulheften über telepathische Ponys fabuliert; und als Jugendliche, heißt es, haben Sie von dem Geld, für das Sie nach der Schule putzen gingen, das erste Pferd gekauft. In Ihrem neuen Roman spielen Pferde buchstäblich eine tragende Rolle. Ohne treue Helfer wie Spirit oder Charley könnten die Bibliothekarinnen ihrer Mission, die Bewohner abgelegener Bergregionen mit Lesestoff zu versorgen, nicht nachgehen ...
Ich habe diese starke Faszination mit Pferden schon seit meiner Kindheit. Selbst wenn ich sie nicht reite, möchte ich sie einfach um mich herum haben (derzeit haben wir ein sehr altes Pony und ein gerettetes Pony, das nicht geritten werden kann – die beiden fungieren bei mir daheim als Rasenmäher). Irgendetwas an der Schönheit von Pferden, ihrer unglaublichen Eleganz sowie ihrer komplexen und unversöhnlichen Natur finde ich einfach fesselnd. Wobei es mir mit Hunden auch immer stärker so geht, vor allem aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit zu verzeihen. Im Grunde bringen Tiere Freude in mein Leben, trotz – oder vielleicht gerade wegen – des Aufwands, den es mit sich bringt, sich um sie zu kümmern. Wenn man gerettete Tiere hat und beobachten kann, wie sie langsam ihre Schutzmauern sinken lassen und anfangen, das Leben zu genießen, dann ist die Freude gleich zehnmal so groß. Ich habe mich gerade dafür gemeldet, einen Straßenhund aus Bosnien aufzunehmen, und warte derzeit auf eine Rückmeldung … 


Eines scheint sich im Leben der Erfolgsautorin Jojo Moyes in den vergangenen Jahren verändert zu haben: «Ich probiere viel mehr aus!» Sie haben zum Beispiel den Tauchschein gemacht und den LKW-Führerschein für 7,5-Tonner erworben – Dinge, vor denen Sie früher eine Heidenangst hatten. Gibt es neue Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt? Sie arbeiten doch nicht etwa an einem großen Brexit-Roman ...?
Das Beängstigendste, was ich während des Schreibens an diesem Roman getan habe, war, in einer kleinen Hütte in einer abgelegenen Bergschlucht zu schlafen. Ich habe erst bei Einbruch der Dämmerung festgestellt, dass die Türen keine Schlösser hatten. Zuerst dachte ich, ich würde kein Auge zutun. Aber an Tag drei habe ich Schlangen mit Stöcken gepikst und bin bei Morgengrauen durch die Berge gewandert und hatte weitestgehend vergessen, dass ich ganz auf mich allein gestellt war. Das war so befreiend! Kentucky ist zu dem Ort geworden, wo ich hingehe, wenn meine Seele eine Notreparatur braucht. Aber wenn ich nicht mutig genug gewesen wäre, in einer kleinen Hütte zu wohnen, hätte ich nichts davon je erfahren.
Ich weiß noch nicht, was für Herausforderungen als Nächstes kommen, aber ich werde sicherlich mutiger, wenn es darum geht, mich ihnen zu stellen. Ich glaube, je älter man wird, desto glücklicher schätzt man sich, einfach nur hier zu sein. Wenn ich schon das Glück habe, dass sich mir Gelegenheiten für Abenteuer bieten, dann habe ich das Gefühl, dass ich sie auch wahrnehmen sollte.

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht

Der große neue Roman der Bestsellerautorin. Eine Feier des Lesens und der Freundschaft. Eine große Liebesgeschichte. Ein Buch, das Mut macht.
1937: Hals über Kopf folgt die Engländerin Alice ihrem Verlobten Bennett nach Amerika. Doch anstatt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten findet sie sich in Baileyville wieder, einem Nest in den Bergen ...  Weiterlesen

Preis: € 24,00
Seitenzahl: 544
Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0029-5
01.10.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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