21.05.2015   von rowohlt

Mit Inspektor Lojacono durch Neapel

Maurizio de Giovannis Roman, Auftakt einer Serie um Inspektro Lojacono, wurde mit dem Premio Scerbanenco ausgezeichnet, dem wichtigsten italienischen Preis für Kriminalromane. Große Krimikunst!

© Millennium Images/LOOK-foto
© Millennium Images/LOOK-foto

Er tötet gnadenlos, mit einem einzigen Schuss. Er ist die perfekte Mordmaschine. Seine Opfer: allesamt junge Leute. Die Presse nennt ihn «das Krokodil». Weil er an den Tatorten Taschentücher mit Tränenflüssigkeit zurücklässt. Weint er Krokodilstränen um seine Opfer? Inspektor Lojacano, von Sizilien nach Neapel strafversetzt, ist der Einzige, der das Motiv des Killers erkennt. An der Seite der schönen, unnahbaren Staatsanwältin Laura Piras sucht er die finale Konfrontation mit dem «Krokodil» … 

DAS INTERVIEW

So richtig gut kommt Neapel in Ihrem Roman nicht weg – von wegen «Wenn bei Capri die Sonne im Meer versinkt …». Wie gern leben Sie in Neapel, mit Chaos und Camorra, mit Vesuv am Horizont und infernalischem Straßenlärm?
Mein Buch ist ein Kriminalroman. Er muss das Dunkel, den Schrecken und das Leid transportieren, das mit Morden und anderen Verbrechen einhergeht. Aus diesem Grund wirkt Neapel, wie es im «Krokodil» beschrieben wird, so hart. In Wirklichkeit ist meine Stadt ein sehr komplexes Gebilde: voller wunderbarer Risse und atemberaubender Panoramen, aber auch mit deprimierender und schwer zu verstehenden Seiten. Was mich betrifft, könnte ich niemals woanders leben.
Ist die Camorra für Sie ein Thema?
Über die Camorra spreche ich eigentlich nie, ich ziehe es vor, die alltäglichen Gefühle und Leidenschaften zu analysieren. Neapel ist in meinen Romanen eine normale abendländische Metropole, ein obskures Archipel von abdriftenden Inseln, der einsamste und wüstenartigste Ort, den es jemals gegeben hat. Mehr als eine Erzählung über Neapel ist der Roman ein dunkler Spaziergang durch zeitgenössische Städte, die die einsamsten Orte in der Geschichte der Menschheit sind.
Der Protagonist Ihres Romans, Inspektor Lojacono, wird von Sizilien nach Neapel strafversetzt. Er hadert sehr mit der Stadt am Golf – einziger Trost ist ihm der großartige neapolitanische Espresso. Ist es wahr, dass man in Neapel den besten Kaffee Italiens trinkt?
Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich der beste für jeden Geschmacksnerv ist. Wer zum Beispiel Filterkaffee bevorzugt, der wird den neapolitanischen Espresso eindeutig zu stark finden. Fest steht aber, dass er uns Neapolitanern schrecklich fehlt, wenn wir mal woanders sind, und viele Touristen verlieben sich sofort in ihn. Das Geheimnis des neapolitanischen Kaffees, genau wie das der Pizza, liegt im Klima und in der Qualität des Wassers, das vulkanischen Boden durchdringt.

Neapel sehen und sterben …

Lojacono ist auf der Jagd nach einem Alten, der skrupellos junge Menschen erschießt. Am Tatort hinterlässt er Taschentücher mit Tränenflüssigkeit. Wie sind Sie auf ein solches Täterprofil gekommen? Ist es ein Produkt Ihrer Fantasie, oder gab es einen ähnlich gelagerten Fall in Neapel?
Das sogenannte Krokodil entspringt meiner Fantasie, und es ist inspiriert von dem großen italienischen Schauspieler Alberto Sordi in seiner Rolle in Mario Monicellis Film «Un borghese piccolo piccolo» aus dem Jahr 1975. Der Grundgedanke zu dieser Figur ist folgender: Ein Alter, der völlig anonym lebt und von der Gesellschaft einfach übersehen wird, ist für den Rest der geschäftigen Stadtbewohner so unsichtbar, dass er unbeobachtet jede Art von Verbrechen begehen kann.
Früher hieß es: Für die Jugendlichen aus Secondigliano und anderen Problemvierteln gebe es nur eine Alternative: entweder Camorrista oder Fußballer auf den Spuren von Diego Maradona. Gilt das heute noch so?
Es war damals nicht wahr, und es ist heute nicht wahr. Für jeden jungen Menschen gibt es immer die Alternative, einen redlichen Weg einzuschlagen. Es gibt immer die Möglichkeit, allein oder im Kollektiv gegen all die Übel zu kämpfen, die meine Stadt wie jede andere Stadt plagen. Der Weg des schlechten Lebens ist immer der einfachste, direkteste, bequemste. Es ist leicht, jemanden zu haben, der für uns entscheidet, uns im Alltag «hilft» – und der sich im Gegenzug unsere Ideen, unser Geld, unsere Wahlstimme aneignet. Freiheit ist immer schwierig. Wir treffen Entscheidungen oft in der Angst, Fehler zu machen und für die eigene Wahl bezahlen zu müssen. Und doch gibt es immer wieder Menschen, die sich das Recht auf eine eigene Meinung, auf selbständiges Denken nehmen. Hier in Neapel sind es immer massiver die jungen Leute, die diesen Weg wählen und Herr ihres Lebens sein wollen. Und das finde ich sehr beruhigend.
An der Seite von Lojacono ermittelt eine junge sardische Staatsanwältin. Sie ist sehr temperamentvoll, gleichzeitig tough und sehr weiblich. Die ideale Frau?
Mir persönlich würde eine Frau wie Laura Piras, die unabhängig und stark, aber gleichzeitig sensibel und intelligent ist, sehr gefallen. Wahrscheinlich bevorzugen aber viele eine weniger zielstrebige Partnerin. Lojacono verfällt eindeutig ihrem Charme, und in den folgenden Bänden der Reihe wird die Beziehung zwischen den beiden eine interessante Entwicklung nehmen.

Fußballfan – Autor – Banker

Es heißt, keine andere Stadt Italiens sei derart fußballverrückt wie Neapel. Wie halten Sie es mit dem SSC Neapel, den «Azzurri»?
Ich bin totaler Fan des SSC Neapel. Wenn ich die Spiele meiner Mannschaft schaue, verwandele ich mich in ein anderes Wesen – ich bin dann nicht mehr gesellschaftsfähig, fürchte ich. Nebenbei bin ich als Sportkommentator aktiv, ich schreibe nach den Spielen meines Klubs die Fußball-Leitartikel für die größte Zeitung hier. SSC-Neapel-Fan zu sein ist für mich gleichbedeutend mit Neapel-Fan zu sein: ein glühender Anhänger dieser schrecklichen und wunderbaren Stadt, die unaufhörlich Geschichten erzählt. Ich hoffe, sie hört niemals auf zu erzählen.
Sie haben Literatur studiert, arbeiten aber in einer neapolitanischen Bank. In Italien gelten Sie mittlerweile als einer der erfolgreichsten Krimiautoren und könnten Ihren Job als Banker vermutlich ohne Probleme an den Nagel hängen. Warum tun Sie es nicht?
Mir gefällt die Vorstellung, nicht vom Schreiben abhängig zu sein und einfach aufhören zu können, wenn ich keine Geschichten mehr zu erzählen habe. Es gibt viele Schriftsteller, die ab einem bestimmten Punkt ihrer Karriere "auf Vertrag" schreiben, und als leidenschaftlicher Leser erfüllt mich das mit einer gewissen Traurigkeit. So ein Ende will ich nicht nehmen. Hinzu kommt, dass man aus dem Arbeitsalltag wunderbare Romanfiguren schöpfen kann. Es wäre sehr schade, darauf zu verzichten.

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