11.09.2018   von rowohlt

Inger-Maria Mahlke gewinnt den Deutschen Buchpreis 2018

Teneriffa, Insel des ewigen Frühlings: Inger-Maria Mahlkes großer Familienroman von der Peripherie des europäischen Kontinents

© Dagmar Morath
© Dagmar Morath

Inger-Maria Mahlke hat mit «Archipel» den Deutschen Buchpreis 2018 gewonnen.


Ihr virtuoser Roman führt uns durch ein Jahrhundert voller Umbrüche und Verwerfungen, großer Erwartungen und kleiner Siege. Fünf Generationen, eine Insel, eine Welt – erzählt gegen den Zeitstrahl, in umgekehrter Chronologie – ein weit ausgreifendes Familienepos von der Peripherie des europäischen Kontinents: Teneriffa. «‹Archipel› gehört zur anspruchsvollsten Literatur, die derzeit in deutscher Sprache geschrieben wird.» (Der Tagesspiegel)


Wir freuen uns mit unserer Autorin und gratulieren von Herzen!


Rainer Moritz, NZZ: «‹Archipel› ist ein kühn konzipierter Roman, der die Geschichte Teneriffas zu einem Lehrstück über das 20. Jahrhunderts formt, das fasziniert, selbst wenn man sich nicht im Geringsten für die Kanarischen Inseln interessiert.»
Sandra Kegel, FAZ: «Mahlke will nicht allein von den Erlebnissen ihrer Protagonisten in Kriegen, Bürgerkriegen, Kolonialkriegen und Familientragödien erzählen … Sie will mit der Verkehrung von Ursache und Wirkung vielmehr das Verhältnis von Zeit und Dasein an sich auf den Kopf stellen. Das ist radikal und manchmal unbequem zu lesen und hat doch größten Reiz.»

«Wir kennen uns seit langem, die Insel und ich»


Teneriffa – das ist für Inger-Maria Mahlke
seit ihrer Kindheit eine zweite Heimat. Mahlkes Mutter stammt aus San Cristóbal de La Laguna, Teneriffas alter Hauptstadt: eine Universitätsstadt mit Bischofssitz nordwestlich von Santa Cruz de Tenerife. Hier verbrachte sie als Kind oft die Ferien bei ihrer Großmutter. Die studierte Juristin, die am Lehrstuhl für Kriminologie an der FU Berlin arbeitete, verknüpft in den 17 Kapiteln ihres vielschichtigen, bildstarken Romans die privaten Schicksale mehrerer kanarischer Familien mit den großen historischen Linien.


«Archipel» erzählt eine Jahrhundertgeschichte rückwärts, gegen den Zeitstrahl. Aus den Brüchen, die sich aus dem «Rückwärtsgraben», der Umkehrung der Chronologie, ergeben, erwächst beim Lesen ein spezieller Sog. Man sucht im Gestern das, was einem im Heute der erzählten Geschichte rätselhaft bleibt – die Gegenwart begreift nur, wer in der Vergangenheit sucht. Für diesen so gewagten wie überzeugenden Perspektivwechsel hat sich die in Berlin lebende Autorin aus mehreren Gründen entschieden:


«Weil ich Das-kommt-von-Logiken nicht mag. Sie verengen den Blick. Weil die Insel bereits viele Inseln war und eine in der anderen steckt. Weil ich seit dem letzten Buch Archäologie-Dokus zum Einschlafen gucke. Nachdem der Text fertig war, ist mir aufgefallen, dass meine Methode irgendwas damit zu tun hat: sich vom Jetzt ins Früher graben. Die unterschiedlichen Schichten, Horizonte definieren, herauspräparieren, die Veränderungen von einer Phase zur anderen festhalten. Fundstücke datieren und in einen Kontext bringen. Weil die Insel schon immer aus Schichten bestand …»


Das dem Roman beigefügte Glossar ist hilfreich. Es verzeichnet, neben einer Liste der nach Familien sortierten handelnden Personen, spanische Wörter und Redewendungen. Zum Beispiel wird erklärt, was sich hinter «Fyffes» verbirgt: «Offiziell Prisíon militar Costa Sur, umgangssprachlich auch Los Salones des Faifes; faschistisches Konzentrationslager in Santa Cruz, bestehend aus drei Hallen, die vorher dem irischen Bananenexporteur Fyffes Ltd. gehörten. Nachts fanden sogenannte Sacas statt (von sacar: herausholen): Namenslisten wurden verlesen und die Häftlinge daraufhin in Las Canadas, im Barranco Santos und an anderen Orten ermordet. Die meisten wurden erschossen oder mit Schiffen aufs offene Meer hinausgefahren und über Bord geworfen.»


Ein Drittel des Romans spielt im Jahr 2015, als im Leben der Familie Bernadotte Baute große Veränderungen eintreten …

2015: San Borondón


Es ist der 9. Juli 2015,
vierzehn Uhr und zwei, drei kleinliche Minuten, in La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad, um siebzehn Uhr siebenundzwanzig wird sie mit 31,3 Grad ihr Tagesmaximum erreichen. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte.»


Rosa ist seit sechs Wochen wieder zurück auf der Insel, ihr Kunststudium in Madrid hat sie geschmissen. Um sich zu Hause nicht zu Tode zu langweilen, hilft sie im Asilo aus, dem Altenheim von La Laguna. Dort ist ihr Großvater Julio Baute als portero der Dreh- und Angelpunkt. Der Neunzigjährige hat in seinem Leben so viel Schlimmes erlebt, im Kampf gegen die Faschisten, im Gefängnis, dass ihm seine letzten Jahre im Asilo wie die reinste Erholung vorkommen. Julio war Kurier im Bürgerkrieg – auf Seiten der Republikaner. Wenn er heute Etappen der Tour de France oder der Vuelta im Fernsehen sieht, ist die Erinnerung an seine gefährlichen Kurierfahrten immer dabei. Er hat das Gemetzel des Bürgerkriegs überlebt, anders als sein Bruder. «Der war in der CNT, bei der FAI, den haben sie gleich geholt, er ist gar nicht mehr von der Arbeit nach Hause gekommen. Als sie vor ein paar Jahre die Grube oben in Las Canadas geöffnet haben, dachte ich, vielleicht finden sie ihn. Aber die waren vom Februar 37, alle mit Kopfschuss.»


Rosas Vater Felipe Bernadotte schlägt derweil im Club seine Zeit tot. Wenig Ambition, viel Brandy. Felipe, der sich mit den Dämonen seiner familiären Vergangenheit herumschlägt, ist gleich mehrfach gescheitert. Als Historiker an der Universität, dessen Tun und Lassen ganz der Demontage seiner eigenen, franquistisch kontaminierten adligen Herkunftsfamilie galt, genauso wie in seiner romantischen Zwischenphase nach dem Abschied von der Universitätskarriere. Felipe als einfacher Bauer: ein einziges Desaster. Die Kartoffeln, das Gemüse, nichts wollte ihm, dem Möchtegern-Agrarier, gelingen. Seine Tochter Rosa versuchte Felipes Bruchlandung an der Hochschule in einer Kunstinstallation mit dem Arbeitstitel: «Was von meinem Vater übrig blieb» kreativ umzusetzen. Aber auch dieses Vorhaben scheiterte. Scheitern, das können sie bei den Bernadottes.


Seit seine Frau Ana als Regionalpolitikerin der Konservativen Partei «große Politik» macht, frönt Felipe seinem Brandy-befeuerten Zynismus. Der Skandal um das Spekulationsobjekt San Borondón kommt ihm da gerade recht. An einer flacheren Stelle des Atlantiks, keine 20 Seemeilen entfernt, soll eine künstliche Insel entstehen, das Investitionsvorhaben eines US-Konsortiums namens Leicesters Legacy. Das Parlament in Madrid hat das Projekt bereits bewilligt, die Menschen sind alarmiert: «Bei den Linken wie den Rechten, immer neue Gerüchte: Testgelände, Waffen, Drohnen. Warum müssen sie extra eine Insel bauen, so weit draußen, wenn es nichts Schlimmes ist? Serverfarmen, künstliche Intelligenz, Ufo-Landeplatz. Neu, durch und durch neu, das macht ihnen Angst.» Obwohl Ana gegen das Projekt votiert hatte, wird ihre Lage nach dem mysteriösen Unfalltod von Andrés, dem Sprecher für Infrastruktur der Regionaladministration, immer heikler. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren, die Pressemeute lauert schon vor ihrem Haus. «‹Danke›, sagt Felipe, ‹dass du alles, aber auch wirklich alles restlos kaputt gemacht hast.›»

Zwischen La Laguna, Santa Cruz und Teide

Das ist die Ausgangssituation in Mahlkes fesselndem Teneriffa-Roman. Aus der Gegenwart des Jahres 2015 geht es immer weiter zurück in der Geschichte der Familien Baute und Bernadotte, Pérez und Wiese, Moore und González. Harte Schnitte, Dialoge voller Lakonie und Witz, Passagen von lyrischer Kraft – all das enthält «Archipel». «Die Gegensätze, die Inger-Maria Mahlke in eigenwilligem Duktus aufbaut, betrachtet sie im Detail, als schriebe sie unter dem Mikroskop.» (Sandra Kegel, FAZ) «Mahlkes Sprache ist aufgeraut, hier und da von spartanischer Schlichtheit; die hat kein Gramm Fett angesetzt, ist scheinbar eingängig und bietet doch Widerhaken, wohin das Auge blickt.» (Rainer Moritz, NZZ)


Ein «Archipel»-Kapitel widmet sich einem «Widerhaken» der kulturellen Geschichte Teneriffas: der Konferenz der Surrealisten wenige Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. André Breton, Erfinder des Avantgardekonzepts der Écriture automatique, war 1935 mit seiner Entourage an Bord der San Carlos auf die Atlantikinsel eingefallen – Anschauungsunterricht in Hochkultur, bizarr, überdreht und lachhaft: «Surrealistische Insel, wiederholt der französische Idiot, und die hiesigen Idioten schweigen lieber, als zu erläutern, dass der frenetische Empfang in jedem Dorf – und frenetisch heißt: Alle schmeißen hin, was sie zu arbeiten haben, die Kinder verwandeln sich in kreischende Planeten mit fester Umlaufbahn, umkreisen die Fremden, während die Frauen ihre Oberkörper aus den Fenstern hängen, Hunde anschlagen, die Katzen in dunkle Winkel flüchten –, dass der frenetische Empfang in jedem Dorf weniger mit dem intuitiven Erfassen des surrealistischen Gedankens durch die unverfälschte Seele zu tun hat, sondern mit braunen, glatten Schenkeln und weißen, kurzen Shorts. Frauen in Hosen, davon hatte man schon gehört. Aber von Frauen in kurzen Hosen, wie die, die Jacqueline Lamba trägt, noch nicht.»


Immer weiter zurück geht es im Roman, in mal kürzeren, mal weiteren Sprüngen. Von 2015 bis 1919 – ein ganzes Jahrhundert zieht vorüber. Und ja, «man findet sie noch, die alte Insel, ihre Eigenheiten, ihre abgelagerte Geschichte …» In jedem der 17 Kapitel des Romans ist die spanische, die kanarische, die europäische Geschichte präsent: der Sieg der Volksfront; der Militärputsch unter General Franco; das Wüten von Falange und Opus Dei; die Toten und Verschwundenen des Bürgerkriegs; der dilettantische Putsch von Oberstleutnant Tejero gegen die nachfranquistische Demokratie («El carneval de 1981»); der Konflikt um die Westsahara (Frente Polisario) – all das scheint in «Archipel» auf.

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