29.07.2016   von rowohlt

«In einer Gesellschaft, die nach Leistung bezahlte, war Onno Viets eigentlich ein Fall für die Organbank»

«Mischung aus Arno Schmidt und Werner Brösel …» – Ein Interview mit Frank Schulz über die Onno-Viets-Reihe

Onno Viets, wenig begabter Privatdetektiv und seit dem Aufeinanderprall mit dem «Irren vom Kiez» an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidend, wird von dem exzentrischen Künstler Donald Jochemsen («Kasper Spackennacken») für eine Mittelmeerkreuzfahrt gebucht. Jochemsen ist ein Mann mit diversen sozialen Phobien und einer Schwäche für die junge Sängerin Kristin Luise. Dass diese Reise ein abruptes Ende nimmt und ganz andere Dinge in Gang setzt, darauf hätte man von vornherein wetten können … Über Onno, Mufti, Harry und einiges Andere mussten wir unbedingt mit dem Hamburger Autor Frank Schulz sprechen.

DAS INTERVIEW

Für alle, die Onno Viets, den «wunderbaren Dulder aus Hamburg-Hoheluft» mit ausgeprägtem «Charisma für Arme», noch nicht kennen, hier ein paar Stichwörter: Multipler Realitätsversager  mit Hang zu Abbrüchen, Konkursen und ausgedehnten Hartz-IV-Phasen: Ex-Student, Ex-Kneipier («Plemplem»), Ex-Kioskbesitzer, Ex-Journalist. Größter Erfolg im wahren Leben: Ehefrau Edda, die Sandkastenliebe aus Wilhelmsburger Zeiten. Was Onno prächtig kann: 1. Sitzen, 2. Zuhören, 3. Tischtennis. Aktuell als Privatermittler unterwegs. Irgendwas Relevantes vergessen – außer dass Onno durchaus glücklich in und mit seinem Leben ist?
Nö!


War es schulzischer Sarkasmus, Koketterie oder Ernst, als Sie zu Protokoll gaben, mit der Hagener Trilogie (Kolk + Morbus fonticuli + Ouzo-Orakel) ihr «Lebenswerk abgeschlossen» zu haben, um endlich mal was Anderes machen zu können, also «so was» wie die Onno-Trilogie?
«… abgeschlossen, um zu …» – das klingt fälschlicherweise zweckgerichtet. Aber das ambivalente Gefühl, mein Lebenswerk mit der Hagener Trilogie abgeschlossen zu haben, hält an, ja. Mit «so was» meinte ich vermutlich: was mir inhaltlich, thematisch, motivisch teils ein wenig, teils viel ferner ist als Inhalt, Thema, Motive der Hagener Trilogie. 


Sie haben 2015 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor erhalten. Sven Regener fixierte in seiner Laudatio drei Arten von Humor, die Sie alle beherrschen, und zwar gleichzeitig: «Es gibt den Humor im Tetrapak von Aldi, in der Schraubverschlussflasche für ein paar Mark von der Tankstelle, und es gibt den Humor von Wein Peter, spezialabgefüllt, Grand Cru und St. Emilion.» Richard Kämmerlings in der WELT assistiert: Frank Schulz, eine «Mischung aus Arno Schmidt und Werner Brösel»? Gut getroffen?
Kann ich selbst unmöglich beurteilen. Und könnte ich’s und tät’s – wär’ ich nicht ein Snob? Nein, ich fühle mich einfach höchst geschmeichelt …


Im ersten Onno-Viets-Roman hat Onno es mit dem «Irren vom Kiez» zu tun (mit traumatischen Folgen für Onno), im zweiten verschlägt es ihn als eine Art Bodyguard in die Hölle auf Erden, auf ein Kreuzfahrtschiff, mit rundum heiklen Figuren wie dem kreuzfahrenden Kreuzfahrphobiker Vetter Donald. Auf welche Settings in Band 3 («Onno Viets und der weiße Hirsch» erscheint am 8. September im Verlag Galiani Berlin) dürfen sich Onno -Fans freuen?
Auf ein 300-Seelen-Idyll in norddeutschem Niemandsland, Kleinbürger- und Jägermilieu – mit Reminiszenzen an die (kultur)politischen Gegenbewegungen der 60er und 70er.


Apropos Kreuzfahrt: Rechnen Sie nach «Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen», noch einmal fürs Entertainment-Programm eines schwimmenden Urlaubsbombers eingeladen zu werden? 
Nein, Vetter Donald sei Dank. – Ich war übrigens nicht für das Entertainment-Programm eingeladen, sondern freundlicherweise zwecks Romanrecherche. Der Sponsor war sehr entgegenkommend, die Crew des Schiffs sehr kooperativ.  


Kleiner Schlenker ins Monetäre. In einer Rezension heißt es: «Frank Schulz ist ein gutes Beispiel für eine durchschnittliche deutsche Autoren-Existenz. Obwohl seine Verkäufe meist zweistellig sind, obwohl er im deutschen Feuilleton gefeiert wird usw.» Zweistellig, Chapeau! Wie schwer ist es, als «durchschnittliche deutsche Autoren-Existenz» seinen Lebensunterhalt zu verdienen (Bücher/Preise/Lesereise)?
Sehr schwer. Für mein Empfinden. Zumal, je älter ich werde. Noch viel schwerer aber wär’s an der Supermarkt-Kasse, hinter einer Untertasse vorm Autobahnraststättenklo oder als Unterhosen-Model.


Kennt eigentlich der deutsche Tischtennisstar Timo Boll die Onno-Viets-Romane? Boll ist selbst in China eine große Nummer – vielleicht könnte man mit seiner Hilfe die Eroberung des asiatischen Massenmarktes für Viets & Schulz angehen?
Und wie soll man «Öff, öff» übersetzen? Ach wo, ich wär’s zufrieden, wenn Timo Boll mich mal bei meiner Rückhand coachen würde – und mir jeder Chinese 1 Cent schenkte, har, har (= win-win).


Für die Hagener Trilogie (Hagen an der Unterelbe, bei Stade, nicht bei Dortmund) haben Sie Wolfgang Herrndorf als Coverillustrator gewonnen, nach langem, verzehrendem Kampf. Weshalb passt gerade Herrndorfs illustrative Kunst zu diesen Geschichten über das «hochgebildete Tresengenie» Bodo «Mufti» Morten?
Freut mich, dass Sie das so sehen. Ich liebe seine Illustrationskunst. Aber warum sie zu einem wie Mufti passt …? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. (Vielleicht wegen der romantischen Farbgebung …?) Wolfgang selbst fand ja, Bilder auf Buchumschlägen seien «reine Scheiße».


Kommen wir zur letzten Frage, zum wahren Finale. Sie möchten, heißt es, in Hagen beerdigt werden, nicht in Hamburg (obwohl doch der wunderbare Harry Rowohlt genau hier, in Ohlsdorf, seine letzte Ruhestätte gefunden hat). Was hat Hagen, was Hamburg nicht hat?
Den Ursprung. Und was heißt «obwohl»: Harry wurde in Hamburg geboren, ich in Hagen.


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