16.02.2018   von rowohlt

«In der Nacht sind alle Altersheime schwarz»

Nikowitz? Muss man lesen! «Bissiger und lustiger als jede Redaktionspolizei erlauben würde.» (Salzburger Nachrichten)

© Getty Images/Willowpix; Shutterstock/MyImages-Micha; iStockphoto/petekarici
© Getty Images/Willowpix; Shutterstock/MyImages-Micha; iStockphoto/petekarici

Der Suchanek hat schon immer ein Drogenproblem gehabt. Findet zumindest der Richter und brummt ihm Sozialstunden im Altersheim auf. Einen ganzen Monat gleich! Nun wirkt die Lebensphase mit Nachmittagsbingo, Schnabeltasse und Erwachsenenwindel im grauen Wiener Winter natürlich noch einmal trüber, aber was soll’s. Und natürlich sterben die Leute im Haus Sonne ohnehin wie die Fliegen. Nur geht das offenbar jemandem nicht schnell genug. Irgendeinem Angehörigen mit Erbwunsch? Dem Pfleger mit dem unappetitlichen Nebenerwerb? Oder einem von den Alten? Unter denen gibt es ja auch solche und solche. Mit dem widerborstigsten seiner Schutzbefohlenen verbindet den Suchanek bald so etwas wie eine Freundschaft. Der Mann ist Pflegefall, hasst alte Menschen und wird doch zur treibenden Kraft hinter Suchaneks Ermittlertätigkeit …

«Wer bringt denn bitte Leute um, die sowieso bald von selber sterben?»


Wer noch keinen Krimi aus Rainer Nikowitz' Suchanek-Reihe gelesen hat, sollte zunächst einmal wissen, worin die Kernkompetenz dieses, wie sagt man, «Ermittlers» liegt:  «Wenn es stimmte, dass jeder, so unfähig er ansonsten sein mag, dennoch irgendetwas besonders gut kann – ob es nun das Reparieren eines Formel-1-Vergasers ist oder das Lösen einer kilometerlangen mathematischen Formel oder das Melken von Kobras im laotischen Dschungel –, dann manifestierte sich Suchaneks gottgegebenes singuläres Talent im Drehen von perfekt konischen, in ihrer schlanken Anmut selbst die hartgesottensten Stamminsassen eines Coffee-Shops in Amsterdam zu Beifallsstürmen hinreißenden Joints.»


Rainer Nikowitz, Kolumnist des Nachrichtenmagazins PROFIL, ist in Österreich bekannt wie ein bunter Hund. Bevor es zum Interview geht, hier noch ein paar Basics über Nikowitz: «Geboren 1964 in Tullin, aufgewachsen in der Steppe östlich von Wien. Matura am Gymnasium Gänserndorf. Erfolgreicher Abbruch der Rechtswissenschaften, Publizistik und Politikwissenschaften zwei Prüfungen vor einem drohenden akademischen Grad.» 

DAS INTERVIEW


Die Rasanz der Krimihandlung in «Altenteil» konterkariert aufs Schönste das Da- und So-Sein des kiffenden Anti-Helden Suchanek. Der Mann wird ja mit allen möglichen Immobilitätsattributen behängt: «Chief Executive Head of Absolutely Nothing» (CEHOAN), phlegmatischer Mikado-Typ, Standbildfraktion. Brauchte es daher es eine Figur wie den wohltuend sarkastischen, bissigen Senioren Renner, der quasi zum Co-Ermittler bei den dreieinhalb bis vier Morden im Haus Sonne aufsteigt?
Eindeutig. Suchanek tut nur, wenn er muss. Und dann kann er’s ja sogar. Ich kenn das. Mich zwingt man mit Abgabeschlüssen. Und Geld.  


«Gesundheitsberufe sind ja für alle gesund, außer für jene, die sie ausüben … Tagtäglich alte Leute am Sterben zu hindern war anstrengend, ging auf die Bandscheiben und bei den Sensibleren auch aufs Gemüt»: Mit Sätzen wie diesen brechen Sie eine Lanze des Verständnisses für Menschen dieser Berufsgruppe. Wir hoffen, das wird Ihnen von den Gesundheitsberufenen später einmal angemessen gedankt – oder sind Sie Privatpatient?
Jetzt, wo Sie es sagen ... Ich werde diese Sätze später einmal in einem Medaillon um meinen Hals tragen, wie ein Hund den Zettel mit der Adresse des Besitzers. Damit bin ich hoffentlich für den nicht unwahrscheinlichen Fall gerüstet, dass ich sie vergesse – und mich also bei meinen Pflegern nicht mehr mündlich einschleimen kann. 


Sie versorgen Ihre Leserschaft im neuen Roman mit jeder Menge gruseliger Details: von schrägen Six-Feet-Under-Späßen bis zu Detailbeschreibungen alter Körper, dass einem Angst und Bange vor der eigenen Zielgeraden wird. Wie geht man als Autor an diese Sachen ran: professionell furchtlos oder mit Spaß an der Freud?
Das eine schließt das andere ja nicht aus. Aber im Zweifel eher Zweiteres. Eine Kritikerin hat einmal geschrieben: «Nikowitz treibt mit Entsetzen Scherz.» Das trifft ziemlich gut, wo ich mit meinen Krimis hin will.  Und gerade mit dem Alter ist es ja so: Jeder will alt werden – aber keiner will es dann sein. Der eigene Verfall ist nun einmal eine unerhörte Zumutung. Aber ich habe beschlossen, darüber zu lachen. Solange ich noch kann.  


Als (zum Beispiel: Hamburger) Nikowitz-Leser ist man geneigt, wie früher ein kleines Vokabelheft Österreichisch–Deutsch anzulegen. Hier würden schöne Wörter wie sekkieren, Tschapperln, Sozialwimmerln, abbankeln, wurlert, gachblond, Gatsch, Gelsen usw. aufmarschieren. Oder geht's auch ohne Vokabelheft?
Ich habe nahezu grenzenloses Vertrauen in die im Fall des einmal wirklich nicht Verstehensfalles sicherlich zum Schließen aus dem Zusammenhang fähige Intelligenz der deutschen Leserschaft! (Wenn sie den Satz verstanden hat, klappt es auch mit meinen Büchern.) Und ich kann ja wohl auch schlecht so tun, als redeten Wiener wie Hamburger. Da geht es schon um Authentizität. Außerdem: Wie macht ihr das denn mit den Bayern? 


Morbider Humor, bizarre Todesarten, rabiate Pointen – ist das die speziell österreichische Note im Kriminalroman?
Es gibt zumindest einige Kollegen, die sich ähnlicher Zutaten bedienen. Vielleicht ist ja bei uns da unten irgendwas Komisches im Wasser oder so. Verbringen Sie Ihren nächsten Urlaub lieber woanders!


Ähnlich wie Martin Walser scheinen Sie ein Faible für wuchtige Komposita (wie «Dingfestmachung», «Navigationsinsuffizienz», «Wechselschritthuren» etc.) zu haben. Geht man falsch in der Annahme, dass dies in hohem Maße dem Nikowitz'schen Spieltrieb geschuldet ist?
Walser und Nikowitz in einem Satz? Dass ich das noch erleben darf! Heißt das, wenn Reich-Ranicki noch lebte, dann wäre ich der Nächste, den er in der Luft zerreißt? Hach, wäre das großartig! Ach so, eine Antwort wollen Sie ja auch: nein. 


Als profil-Kolumnist und -Haussatiriker haben Sie ein gewisses spektakuläres Format zwar nicht erfunden, aber zur Serienreife gebracht: das nie stattgefundene Interview (mit Trump, Fellner & Konsorten). Sie stellen die Fragen an die Gesprächspartner und liefern praktischerweise die Antworten gleich mit, wie weiland Klaus Augenthaler als Trainer des VfL Wolfsburg bei einer legendären Pressekonferenz im Mai 2007. Würde Nikowitz Nikowitz interviewen – welche drei Fragen dürften darin keinesfalls fehlen?
A Sind Sie privat auch so lustig
B Wie spät ist es?
C Und sonst so?


Und was würde Nikowitz auf diese Fragen entgegnen?
A Wie gut können Sie mit Enttäuschungen umgehen?
B Zu früh zum Heimgehen. 
C Eh.

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