01.06.2014   von rowohlt

«In der literarischen Landschaft von heute ist Nádas' Werk ein Gigant»

«Nie ist die Unterwerfung des Körpers und der Seele durch die Gewalt so umfassend, so subtil und so zartfühlend dargestellt worden. Péter Nádas nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Nacht des 20. Jahrhunderts – und aus ihr heraus.» (Deutschlandradio Kultur)

© Péter Nádas
© Péter Nádas

Als zwanzig Jahre nach seinem international gefeierten Buch der Erinnerung Péter Nádas' Opus magnum Parallelgeschichten 2005 in Ungarn erschien, wurde es als ein «Krieg und Frieden des 21. Jahrhunderts» gefeiert: als dichtes Panorama europäischer Geschichte – in einer überwältigenden Fülle von Geschichten.
Iris Radisch urteilte in der ZEIT über ihr Leseerlebnis der Parallelgeschichten: «Grausam schön, unübersichtlich, überraschend, anmutig, lüstern, albtraumhaft und vollkommen labyrinthisch … In der literarischen Landschaft von heute ist das Werk ein Gigant. Wer es gelesen hat, ist nicht mehr derselbe.»

In stummen Gefilden

So beginnen Kriminalromane: 1989, kurz nach dem Mauerfall, findet ein Jogger im Berliner Tiergarten die Leiche eines älteren Mannes. Nichts deutet auf die Identität des Toten hin, Papiere trägt er nicht bei sich, aus seiner Kleidung sind alle Etiketten herausgetrennt. Nur die Unterhose passt nicht zu der gepflegt unauffälligen Erscheinung, dies winzige Ding aus glitzerndem Stoff, spermabefleckt und nach schwerem Parfum riechend. Dennoch, vielleicht hat der Mann einfach einen Herzanfall erlitten; auch Kommissar Dr. Kienast, dieser besessene Aufklärer, scheint zu resignieren, schließlich sterben «in jenen chaotischen Tagen auch sonst ziemlich viele Leute».
Ohnehin ist Kienast bald mehr interessiert an dem seltsamen Jogger, dem Studenten Döhring mit seinen «fiebrigen Worten», wie jemand, der «ausgehungert ist nach Reden», ein Neurotiker, der sich ausgerechnet in Psychologie und Philosophie eingeschrieben hat. Noch auf seiner vorweihnachtlichen Reise zu Verwandten im Rheinland versucht er, Dr. Kienast anzurufen, vielleicht war er, Döhring, der Mörder. Jedenfalls trägt er – solche Spuren legt der Ironiker Péter Nádas für den Leser aus – ganz ähnliche Unterhosen wie der Tote. In Döhrings Träumen geht es immer wieder um Tod und Verbrechen, um die Schuld seiner Vorfahren, zwei davon Aufseher in einem Konzentrationslager. Ein Traum lässt ihn «Dinge sehen, die bisher noch nie jemand aufgedeckt hatte». Dabei macht er sich in die Hose.
«Mit dem Erwachen bewahrte er seinen Traum, die Träume bewahrten seine Vergangenheit», heißt es im letzten Kapitel des Romans von einem Überlebenden des Zweiten Weltkriegs: «Jeden Morgen endete seine Geschichte anders, und am folgenden Morgen ging sie noch anders weiter.» Hinter diesen Zeilen verbirgt sich fast so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für den Leser, für den mit jedem Kapitel eine neue Geschichte beginnt, auch wenn es sich nur um die Fortsetzung einer früher begonnenen handelt. Nádas reizt die Erwartungen aus, meisterhaft mit allen Genres spielend, um den gespannten Leser zu desillusionieren. Denn das Paradies der Erinnerung gibt es nicht mehr, die große aufklärerische Idee vom Individuum – zerstört, vernichtet in den Totalitarismen, den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts.
So geht der Krimi um Kommissar und Student weiter – und findet doch kein Ende. Dafür hat im dritten Kapitel eine andere, die zentrale Geschichte dieses Buchs, begonnen, die der Budapester Familie Demén und ihrer Freunde. 

In den Tiefen der Nacht

Als am ungarischen Nationalfeiertag, dem 15. März 1961, in der Wohnung der Lippay-Lehrs das Telefon klingelt, mag keiner den Hörer abnehmen, weder die Hausherrin Erna, Enkelin und Erbin des Erbauers jenes herrschaftlichen Hauses, die ihre Schwächen pflegt: Herzattacken und Darmkrämpfe; noch ihr Neffe Kristóf, Sohn ihres von seinen Genossen ermordeten Bruders, der die Angestellte im Kaffeehaus gegenüber beobachtet. Schon gar nicht Gyöngyvér, die bloß geduldete Geliebte von Ernas Sohn Ágost. Als die Hausangestellte schließlich ans Telefon geht, ist es das Krankenhaus, eine Nachricht, mit der jeder gerechnet hat: Der alte Professor Lehr, strammer Faschist, der sich später unter dem kommunistischen Regime durchlavierte, liegt im Sterben und will Frau und Sohn noch einmal sehen. Doch nur Gyöngyvér wird Erna ins Krankenhaus begleiten, und überraschend entwickelt sich während der Fahrt eine seltsame Anziehung zwischen den beiden Frauen, genährt von Erinnerungen und Wünschen.
Achtzehn Jahre hat Péter Nádas, 1942 in Budapest geboren, mit sechzehn Vollwaise, einst Chemiestudent und Fotojournalist, an den Parallelgeschichten gearbeitet, über 1700 Seiten in der hervorragenden Übersetzung Christina Viraghs. Viragh leitet auch den Begleitband Péter Nádas lesen ein, der Bilder und Fotos, Briefe, Interviews und Essays des Autors sowie eine Werkanalyse der Literaturkritikerin Viktória Radics enthält.
Schon in seinem Buch der Erinnerung hatte Nádas es sich zur Aufgabe gemacht, «Geschichten zu erzählen, ein wenig wie Plutarch, parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten». Mit Proust war der Autor damals verglichen worden, mit Thomas Mann, nunmehr zitierte man in Ungarn, wo die Parallelgeschichten bereits 2005 erschienen, gern Tolstois Krieg und Frieden herbei, um dies ungeheure Werk zu würdigen. Doch allenfalls Spötter mögen in der mehr als hundert Seiten währenden akribischen Beschreibung eines Liebesakts, eines wahren Liebeskampfes, Ähnlichkeiten mit Tolstois Schlachtenaufstellungen erkennen. Fesselnder ist die Struktur des Romans, weil die darin erzählten Geschichten sich kreuzen, in Varianten wiederkehren und sich aus anderen Perspektiven wiederholen: «Geschichten von Menschen, die sich niemals begegnet sind und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt wird.» Vorbild sollte das Chaos sein, aber das Chaos des Péter Nádas ist ein wohlorganisiertes, ein Netz mit Links und Weiterleitungen: Ein Name, ein Motiv, eine Erinnerung genügen, um Geschichten miteinander zu verknüpfen. Zusammen ergeben sie ein Panorama des 20. Jahrhunderts: vom Ersten Weltkrieg bis hin zu jenem verheißungsvollen Jahr 1989.
Wie in Buch der Erinnerung ist auch in Parallelgeschichten die Erinnerung ein zentrales Motiv. Hier heißt es einmal: «Sie vermochten die Erinnerung an ihre eigene Erinnerung nicht ins Bewusstsein zurückzuholen.» Vielleicht ist es die Monströsität der Erinnerungen, die das verhindert. Wie bei der klugen Psychoanalytikerin Irma Szemzõ, die sich an das Konzentrationslager erinnert wie an etwas Fernes, von dem sie einmal gelesen hat. Nichts weiß ihre Untermieterin Gyöngyvér davon, verstrickt in ihren vier Tage, vier Nächte währenden Liebeskampf mit Ágost. Allein die Wohnung selbst scheint davon zu erzählen, von den vergangenen, den parallelen Geschichten, von den Bridgeabenden Irma Szemzõs und ihrer Freundinnen, diesen wunderbaren Frauengestalten. Derweil irrt der junge Kristóf Demén, von Lust getrieben, über die Margareteninsel, einen bekannten Schwulentreff

Der Atem der Freiheit

Die Erinnerung, die sich nicht ins Licht des Bewusstseins wagt, hat sich den Körpern eingeschrieben. «Lust ist wahrscheinlich ein Beiname Gottes», denkt Kristóf. «Das Ich hingegen ist nicht mehr als ein Bündel von Eigenschaften.» So kann man sie, die unter der Last ihrer Geschichten – der Geschichte – Niedergedrückten, als in ihrem Liebesleben Scheiternde und Gescheiterte sehen. Auch jene, die sich morgens im Lukács-Bad treffen: den strahlenden Ágost Lippay, ein Narziss, dessen höchste Lust die Verweigerung ist, und seine Freunde, Spione für Moskau einst, nun Übersetzer für die staatliche Nachrichtenagentur, diese Mitglieder der Jeunesse dorée, Weiberhelden, Salonlöwen und einander in Verachtung und Liebe zugetan.
Ohnedies fühlen sich viele Personen des Romans auch vom eigenen Geschlecht angezogen, diesem verführerischen Zauberbild ihrer selbst. Doch entsteht nicht der stete Drang nach Kopulation aus Gegenseitigkeit, aus Selbstaufgabe, und scheitert er nicht gerade deswegen daran, zur vollen Lust zu gelangen? Scheitert an den Parallelgeschichten, den parallelen Leben, die ein jeder schon für sich allein zu führen hat.
Nur der junge Kristóf will einen Hauch von Glück erhaschen, auf seiner Reise durch die Nacht mit der Kaffeehaus-Angestellten Klára. Dabei erzählt er ihr vom bürgerlichen Budapest seiner Großeltern, dem Budapest des Volksaufstands. Von dem Silvesterabend 1956, als die Menschen sich auf den Straßen versammelten, sich amüsierten und tags darauf die Straßen wieder so lautlos dalagen wie zuvor.
Es würde doch «immer weiter ins Dickicht hinein» gehen, sein Leben, denkt Kristóf einmal. «Statt einer Chronik bastelt man, wenn man jemandem seine Lebensgeschichte erzählt, eher eine Legende. Man erzählt so lange, bis man vor lauter glaubwürdigem Erzählen selbst der Illusion aufsitzt, dass das Leben zu einem abgerundeten Ende kommt, zu einer kleinen Pointe, zu einem letzten Wort, einer Moral ...»
Péter Nádas hat dies alles verweigert. Seine Parallelgeschichten sind ein Meisterwerk, sein Opus magnum, mit jedem Lesen neu, unerschöpflich. Wie das Leben. Nur ist die Lektüre tröstlicher, sie bewahrt die Erinnerung. Am besten, man legt sich dieses Buch auf den Nachttisch, um immer weiter, immer wieder darin zu lesen.

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