01.03.2015   von rowohlt

Imre Kertész Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009

«Ein großes Testament zu Lebzeiten» (Der Tagesspiegel)

Ende 2012 ist Imre Kertész mit seiner Frau Magda nach Ungarn zurückgekehrt, nach zwölf Jahren in Berlin. Seine Budapester Wohnung hat er seit Monaten nicht mehr verlassen, die Parkinson-Erkrankung macht ihm schwer zu schaffen. Letzte Einkehr, die Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009, könnte das letzte Buch des Literaturnobelpreisträgers von 2002 sein – ein intimes Journal, ein erschütterndes Alterswerk, schonungslos offen und direkt.  «Selten sind Krankheit, körperlicher Verfall und Sehnsucht nach dem Tod und der Liebe so radikal beschrieben worden.» (Südkurier)

«Roman eines Schicksallosen»: ein Jahrhundertbuch

Imre Kertész war schon immer ein radikaler Autor, sagt die Literaturkritikerin Sigrid Löffler. «Doch nie radikaler als in diesen nun veröffentlichten Tagebüchern aus den Jahren 2001 bis 2009, die eigentlich nicht für die Veröffentlichung gedacht waren.» Imre Kertész ist der Mann, der im Gespräch mit Johanna Adjoran (FAS, 15.9.2013) von sich sagt: «Was wäre ich ohne Auschwitz?» Aber er sagt auch (an gleicher Stelle): «Wenn ich mich von mir selbst und meinen Schmerzen distanziere, dann habe ich das Gefühl, ich hatte ein wunderbares Leben. Ich habe die Welt erlebt und verstanden und deswegen bereue ich überhaupt nichts.»
1944 wird Imre Kertész, da war er fünfzehn, nach Auschwitz-Birkenau deportiert, ein Jahr später wird er aus Buchenwald befreit. Jahrzehntelang lebte er mit seiner Frau in einer winzigen Budapester Wohnung, 28 Quadratmeter groß: «Eine Existenz im Nullzustand, der Mensch so verkleinert, als lebte er noch im Lager, dem er entkommen ist» (Iris Radisch). Als Journalist, Übersetzer (u.a. von Wittgenstein, Nietzsche, Freud und Joseph Roth) und Verfasser «leichter Texte» für Boulevardtheater hält er sich mühsam über Wasser. 
Dreizehn Jahre seines Lebens, von 1960 bis 1973, arbeitet er an Roman eines Schicksallosen, in jeder Hinsicht ein Jahrhundertbuch. Hans Magnus Enzensberger: «Noch nie ist der verzweifelte Versuch, den großen Mord zu verstehen, so weit getrieben worden.» Der epochale Roman schildert die Hölle von Auschwitz aus dem Blickwinkel des jüdischen Jungen György Köves. Das unschuldige Staunen des Jungen, sein Wunsch, das Unverstehbare zu verstehen, die Suche nach dem kleinen Glück im großen Sterben, «die fast heiteren Pastellfarben, mit denen er die KZ-Welt ausstattet» (Ulrich Weinzierl) – welchen Leser stößt das nicht in ein bodenloses moralisches Dilemma?

«Was wäre ich ohne Auschwitz?»

Letzte Einkehr ist ein erschütterndes Alterswerk. «Geheimdatei», «Garten der Trivialitäten» und «Exit-Tagebuch» sind die drei Teile der Tagebücher überschrieben. Teil 3 ist gerade einmal zwei Seiten lang und endet so: «Es gibt keinen anderen Ausweg für mich als den Abgang (Exit) …» Mit markanter Schärfe setzt sich Kertész mit der «Glückskatastrophe» auseinander, die der Literaturnobelpreis für ihn bedeutete. Der Nobelpreis, ein Glücksfall: Er beschert ihm die Anerkennung, die Bewunderung der literarischen Welt für sein epochales Werk, dazu die Annehmlichkeiten plötzlichen Wohlstands (Einladungen in alle Welt, Aufenthalt in Luxushotels, Preise, Orden, Ehrendoktorwürden usw.). Aber auch das: der Nobelpreis, eine Katastrophe, ein Verhängnis. 
«Ich bin es maßlos leid, zur Institution geworden zu sein. Fast täglich bekomme ich Bücher über Auschwitz. Was für eine Perversität! Man sollte mir lieber Witzesammlungen schicken.» Zermürbt von den «erwürgenden Anforderungen des Ruhms», die nicht enden wollenden öffentlichen Ansprüche an ihn, den Holocaust-Überlebenden, empfinde er am Ende nur noch Widerwillen, ja Selbstekel vor der «Marke Kertész», zu der seine ganze Existenz degeneriert sei. Es gebe Momente, schreibt Kertész, in denen er sich in die Tristesse der dunkelsten Kádár-Jahre zurücksehne, als er in seiner winzigen Wohnung in Budapest saß und an Sätzen feilte, von denen er wusste, dass sie in seiner Heimat wohl niemals veröffentlicht würden.
2000 dann die Diagnose Parkinson. Die Tagebücher zeigen in schonungsloser Offenheit den Niedergang eines Menschen durch Krankheit, Depressionen, Ängste, tiefste Verzweiflung und die Konfrontation mit der Option Selbstmord. Dass er vor einigen Monaten sein geliebtes Berlin-Charlottenburg aus familiären Gründen verließ, um in das Land zurückzukehren, das ihm niemals Heimat war («Fatalität Ungarn»), verschärft Kertész düstere Stimmung: «Der Große Ekel – in jeder Hinsicht.» Sein größter Trost bis heute ist die Musik, Gustav Mahler, Beethoven, Bela Bartók, Arnold Schönberg. 
Wir zitieren vier Eintragungen aus dem Jahr 2001:

«Das Leben ist banal, katastrophal und schön»

«2. Januar 2001. Neujahr. Das alte war schwer und ziemlich unproduktiv, mit garstigen Krankheiten gescheckt, von denen eine lebenslänglich bedeutet (Parkinson) und diese bezaubernde Handschrift zur Folge hat; aber sie mahnt mich, daß der Tod nahe ist und also das Leben, das heißt die Arbeit pressiert. – Vor zwei Tagen habe ich mir eine elektronische Schreibmaschine (Laptop) angesehen und beschlossen, mir diese technische Errungenschaft zu eigen zu machen; ich sehe dem mit Aufregung entgegen, denn eine andere Lösung gibt es ohnehin nicht – und wie gut, daß es diese gibt. Der langweiligen Kaste der Erfinder Dank und Respekt!
7. April 2001. Ich kann meine von Gott verliehene Einsamkeit nicht schützen. Vielleicht ist damit das Debakel benannt, das mich in kritischen Momenten quält.
5. November 2001. Es gibt keine dümmere Frage als die, womit wir ein derartiges Schicksal verdient haben – auch wenn wir nicht begreifen, womit wir es verdient haben. Das bedeutet Schicksal ja gerade, und jeder bezahlt dafür, daß er es gewagt hat, geboren zu werden, auch wenn er dafür genauso wenig kann wie für seinen Tod. Heute Abend ermaß ich die Entfernung zwischen Balkon und Asphalt und schrak zurück. Doch früher oder später muß ich handeln.
20. November 2001. In ca. vier Jahren möchte ich sterben. (Ich werde mich dann befragen – falls ich noch da bin.) Alles ist falsch. Richtig gelebt habe ich bis 1990. Glücklich war ich sieben Jahre lang, zwischen 1983 und 1989. Mein Volk wurde ausgerottet, ich kann keine Familie haben. Meine sogenannte Schriftstellerkarriere interessiert mich nicht mehr. Ich möchte am liebsten verschwinden und A. mit mir nehmen. (Warum muß ich alles geschrieben sehen, auch das, was ich vielleicht gar nicht sehen will?) – Im übrigen ist es mein Vorsatz, alle meine albernen Pflichten mit Anstand zu erfüllen.»

Top