30.11.2017   von rowohlt

«Im Paradies gibt es keine Romane»

Martin Walser: Schriftsteller, Jakob Augstein: Publizist. Ein Vater-Sohn-Gespräch

Jakob Augstein ist beinahe vierzig, als er zum ersten Mal seinen leiblichen Vater trifft – Martin Walser. In diesem Buch sprechen sie über Walsers Jugend in Wasserburg am Bodensee, über den Vater, der Hölderlin gelesen hat, und die Mutter, die das Gasthaus geführt hat. Sie sprechen über den Krieg, über Auschwitz und die deutsche Vergangenheit. Über Walsers umstrittene Rede in der Paulskirche und die öffentliche Fehde mit Marcel Reich-Ranicki, über Uwe Johnson und Willy Brandt, über Geld und das Spielcasino in Bad Wiessee. Und sie sprechen über sich – und die Jahre, die ihnen als Vater und Sohn fehlen.

«Zwei solche Väter …»


Seit den 1980er Jahren war es ein Gerücht. Nach dem Tod des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein 2002 erfuhr Jakob Augstein von seiner Mutter, der literarischen Übersetzerin Maria Carlsson, wer sein leiblicher Vater war. Endlich waren «die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Häusern Walser und Augstein dahin gehend (geklärt), dass Martin Walser als Vater des 1967 geborenen Spiegel-Erben Jakob Augstein gelten darf» (Iris Radisch, Die Zeit). 2005 lernten sich Jakob Augstein und Martin Walser dann persönlich kennen, bei einem Treffen in einem Münchner Hotel. 


Für Jakob Augstein, als Spiegel-Kolumnist und Verleger der Wochenzeitung Freitag selbst eine Figur der politischen Öffentlichkeit, ist dieses auf Basis vieler Gespräche entstandene Buch ein Befreiungsschlag. 2009 hatte er Walsers Vaterschaft öffentlich gemacht – endlich: «Es wussten so viele Menschen davon, und ich hatte damals noch kleine Kinder. Hätte ich die in der Lüge ihrer Großeltern aufwachsen lassen sollen? Oder hätte ich ihnen die Wahrheit sagen und sie gleichzeitig auffordern sollen, mit niemandem darüber zu sprechen? Mich wundert, dass niemand, der mir diese Frage stellt, von allein auf die Antwort kommt. Aber das ist ja kennzeichnend. An die Kinder denken alle immer zuletzt.»


Mutmaßungen über Jakob? Das Augstein/Walser-Gesprächsbuch dreht sich nur am Rande (siehe Kap. 12) um die verworrene Familienkonstellation, die Volker Weidermann im Spiegel so skizziert: «Als ob ein solcher Übervater allein nicht schon schwer genug Schatten wirft auf einen Sohn. Und dann kam – zum Patriarchen, dem deutschen Jahrhundertjournalisten Rudolf Augstein – also noch der zweite übergroße, der wahre Vater hinzu. Sohn zweier solcher Väter. Muss man als Sohn da nicht zusammenbrechen?» Muss man offensichtlich nicht, wie diese Vater-Sohn-Geschichte zeigt. Auch wenn der Ton der Gespräche freundlich, geradezu milde ist – der versierte Journalist Augstein schont seinen Vater nicht. Keines der Themen, die rund um die Person Walser die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt hat, bleibt ausgespart: die Fehde mit «Großkritiker MRR», der Skandalroman «Tod eines Kritikers», Walsers Paulskirchen-Rede von 1998 und das Zerwürfnis mit Ignatz Bubis, Walsers Liebesverhältnisse jenseits der Ehe. Hier einige Auszüge (kursiv: Jakob Augstein):

«Man ist nicht Herr seines Schicksals, man hat nichts im Griff»


«Das Leben wortwörtlich» – eine Autobiographie? «Ich würde nie eine Autobiographie schreiben. Das zwingt zu einer mir unangenehmen Art von Lüge. Die Lüge im Roman ist wunderbar. Sie ist eine Variation der Wahrheit. Aber die Lüge in den Memoiren, die möchte ich nicht. Also ziehe ich es vor, einen Roman zu schreiben. Jeder Roman ist eine Autobiographie, ein Selbstporträt des Autors zum Zeitpunkt des Schreibens.»


Über das Schreiben. «Es gibt einen Satz von dir: ‹Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist.›»
«Ja, jeder Roman wirft am Ende einen weißen Schatten. Mir wurde das zum ersten Mal bei Dostojewski deutlich. Warum lesen wir bei ihm noch die elendsten Szenen so gern? Weil die Wirklichkeit als geschriebene ihre Furchtbarkeit verliert. (…) Ich habe erfahren, dass durch Schreiben alles schön werden kann. Die Verzweiflung in Sprache ist eben schön. Das Grauen in Sprache ist eben schön. Es gibt kein Glück ohne Unglück und umgekehrt, kein Unglück ohne Glück. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Ich nenne das «Unglücksglück». Das ist mein Seinszustand. Um ihn zu erhalten, schreibe ich.»


Wahrheit und Lüge. «Aber was ist mit der Wahrheit, die taucht gar nicht auf? Gibt es die?»
«Oh, die Wahrheit. Ja, Jakob, die sogenannte Wahrheit. In meinem Tagebuch habe ich einmal geschrieben: «Morgens lüge ich, mittags sage ich die Unwahrheit, abends erfinde ich etwas Passendes. So komme ich ganz gut durch.» Wir machen ja jetzt kein Seminar, aber wenn wir ein Seminar machen würden, dann würde ich den Versuch unternehmen zu beweisen, dass der Unterschied, den die Sprache zwischen Lüge und Wahrheit macht, ein Produkt bürgerlicher Selbstgerechtigkeit und Herrschsucht ist. Sprachlich sind Lüge und Wahrheit ein Kontinuum.»


Macht und Abhängigkeit. «Autorität und die Angst vor der Autorität spielen eine große Rolle in deinem Leben, oder?» 
«Ich würde niemals Autorität sagen. Immer nur Macht. Wenn einer Macht über dich hat, dann bist du abhängig. Das war immer mein Verhältnis nach oben. (…) Nun, ich habe mir 25 Jahre lang die Abhängigkeit von Reich-Ranicki gefallen lassen, und dann habe ich «Tod eines Kritikers geschrieben». Nach 25 Jahren! Bis dahin war immer klar: Ich bin abhängig von ihm. Aber ich hatte nie den Mut, gegen ihn oder andere, die über mich Macht hatten, zu veröffentlichen. Nur in meinen Tagebüchern habe ich gegen diese Leute Vierzeiler geschrieben.

«Geld ist das Gegenteil von Angst … Wahre Unabhängigkeit gibt es nur durch Geld»


Reich-Ranicki, eine Vernichtung. «Du brauchtest Geld, um dir das Schreiben leisten zu können?»
«Ja. Weißt du, ich habe doch ein paar – wenn ich das jetzt militärisch ausdrücken darf – Streifschüsse erlebt, zweimal exemplarisch. Immer vom mächtigsten Kritiker. Zuerst Friedrich Sieburg, FAZ, verreißt «Halbzeit» unter dem Titel «Toter Elefant auf einem Handkarren». Dann Reich-Ranicki über «Jenseits der Liebe» unter der Überschrift «Jenseits der Literatur». Und Reich-Ranicki war wirklich mächtiger als jeder heutige Kritiker. Und auch in der FAZ. (…) Jedenfalls habe ich diese Kritik als Hinauswurf empfunden. Als Vertreibung aus der Literatur: Du sollst nicht mehr schreiben! Aber das wäre die Katastrophe schlechthin gewesen. Kein Verlag, kein Geld, kein Schreiben.»


Politik, Literatur, deutsche Fragen. «Bist du ein politischer Schriftsteller?»
«Es gab eine Zeit, da hätte ich sofort mit Ja geantwortet – und das wäre die Unwahrheit gewesen. Aber das wusste ich damals noch nicht. Aus der Summe meiner Erfahrungen heraus sage ich heute: Nein! Ich habe einen Teil meines Lebens im Dienst des Rechthabenmüssens verbracht. Ich war ein sogenannter Intellektueller, und als solcher war es meine Aufgabe, recht zu haben. Es entsteht da ein ungeheurer Verbrauch an Rechthaben und Sichgerechtfertigtfühlen. Ich zähle mich schon lange nicht mehr zu den Schriftstellern, die wissen, wie alles sein muss. (…) Wenn ich einen Roman schreibe, denke ich doch nicht daran, ob ich jetzt ein Linker bin oder ein Halblinker oder ein Dreiviertellinker. Ein Roman, der gesellschaftskritisch sein will, ist uninteressant.»


Auschwitz, deutsche Teilung, Paulskirchen-Rede. «Die Frage der deutschen Teilung war immer auch eine Frage der deutschen Heilung. Es ist doch kein Zufall, dass viele Linke die Teilung als Sühne für Auschwitz betrachteten – und dass du das vehement abgelehnt hast.»
«Weil diese Sicht ein großer historischer Unfug war. Auschwitz war die Tat der ganzen Nation. Und die Teilung war die Folge des Kalten Krieges. Die beiden Phänomene in einen höheren Sinnzusammenhang zu bringen, das war die eigentliche Instrumentalisierung von Auschwitz. Dagegen habe ich mich in meiner Rede in der Paulskirche gewendet. (…)Die Teilung war eine deutsche Wunde, die geschlossen werden musste, ja. Aber Auschwitz wurde mit der Teilung weder gesühnt, noch ist mit der Aufhebung der Teilung die deutsche Schande ausgelöscht.»


Die «Walser-Bubis-Debatte. «Ich glaube, du hast in der Paulskirche sozusagen das ultimative Experiment auf der Suche nach der freien Rede gemacht …»
«Bubis hat mich missverstanden. Er meinte, ich werfe den Juden vor, Auschwitz in der Entschädigungsdebatte zu instrumentalisieren. Aber um Himmels willen! Wie käme ich dazu? Mir ging es um Leute wie Günter Grass und Walter Jens, die von uns allen immer gefordert hatten, die deutsche Teilung als gerechte Strafe für Auschwitz zu akzeptieren. Das war die eigentliche Instrumentalisierung. (…) Aber ich weiß inzwischen, dass ich einen Fehler gemacht habe: Ich habe aus Auschwitz ein essayistisches Thema gemacht. Mit Zitaten von Hegel und Heidegger. Ich wollte über das Gewissen reden und dass es nicht delegierbar sei. Aber verglichen mit dem Tatbestand Auschwitz, ist das alles Quatsch, Quatsch, Quatsch.»


Goethe und die Unsterblichkeit. «Gibt es keinen Himmel?»
«Der Himmel ist eine Schönheitserfindung, um uns das Denken an den Tod erträglicher zu machen … Als Bedürfnis gibt es ihn. Mancher kann sich den eigenen Verlust gar nicht anders erklären – Goethe zum Beispiel, er hat an sich selber gedacht und kam zu dem Schluss, so etwas Großartiges wie er könne gar nicht untergehen, also müsse es schon allein deshalb eine Art von Unsterblichkeit geben. Aber wenn ich darüber nachdenke, komme ich nur zu dem Ergebnis, dass meine Hosenträger unsterblich sind.»

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