24.03.2017   von rowohlt

Im Osten sind noch Herzen frei

Komisch und unerbittlich: Heinz Strunk erzählt in seinem neuen Roman «Jürgen», was zwischen Männern und Frauen alles nicht passiert

© Dennis Dirksen
© Dennis Dirksen

Jürgen Dose lebt in Harburg. Er hat es auch sonst nicht immer leicht gehabt im Leben. Kontakt hat er, abgesehen von seiner bettlägerigen Mutter und Schwester Petra vom Pflegedienst, nur zu seinem alten Freund Bernd «Bernie» Würmer, der im Rollstuhl sitzt und eine arge Nervensäge ist. Auch wenn für ihn das Glas immer halbvoll ist: Jürgen ist ein ganz armer Willi, nur weiß er das nicht. Was er aber weiß, ist, dass er nichts so schmerzlich vermisst wie die Liebe einer Frau. Und da Freund Bernie ebenso unglücklich den Frauen hinterher hechelt, beschließen sie, endlich was zu tun. Nach ernüchternden Erfahrungen mit Old School Dating wie Speed Dating wird der Einsatz erhöht – mit der Firma «Eurolove» fallen die beiden Glückssucher in Polen ein …


Die Zeit: «Wieder ein präziser Blick auf die Verhältnisse und wie sie den Einzelnen gängeln und verbiegen.»
Die Welt: «Spaß und Depression derart authentisch und gekonnt miteinander zu verbinden, ist eine große Kunst. Heinz Strunk beherrscht sie meisterhaft.»
Rolling Stone: «Strunk gibt den Stimmlosen eine Stimme, fischt in Jargons, übt sich in raffiniertem Sprachwitz und kreiert einen ganz eigenen Sound für das Prekariat und die Unterprivilegierten. (...) Sein fabelhafter Roman ‹Jürgen› ist nicht nur wahnsinnig unterhaltsam und lebensprall, er ist auch eine Art Erbauungsliteratur im guten Sinne: Sie spendet Trost und macht Mut, selbst die misslichsten Lagen durchzustehen – und immer wieder aufzustehen.»

All about Jürgen


Jürgen sieht ziemlich normal aus (findet Jürgen). Er ist weder schön noch hässlich, weder blöd noch Überflieger – eine typische Strunk-Figur. Er ist «verträumt, gehemmt und lieb». Und er hat ein Mama-Problem, ein Frauen-Problem, okay, aber damit steht er nicht allein. Jürgen ist der personifizierte Durchschnitt: «Von meiner Sorte gibt es Millionen Pro-Kopf-Menschen, die ohne Aufhebens vor sich hin pitschern und weiter kein großes Gewese machen.»


Wenn er nicht gerade auf Arbeit ist – als einer von 13 Berufspförtnern einer Tiefgarage mit 1400 Stellplätzen («ein Traumberuf!») – oder mit seinem Best Buddy Bernie im ‹Kamin 21›, ihrer Lieblingskneipe, rumhängt, ist er zu Hause bei Mutter. Die ist nach einem schweren Unfall bettlägerig, Pflegestufe 2; was als Zwischenlösung geplant war, ist zum Dauerzustand geworden. Jürgen findet es völlig in Ordnung, wenn sie sich jeden Morgen mit Handschlag begrüßen – Küsschen auf Stirn oder Wange, das steht bei den Doses nicht hoch im Kurs. Zum Glück gibt es Schwester Petra vom mobilen Pflegedienst Stadtkäfer, die im Wechsel mit Kollegin Angela die alte Dame dreimal am Tag versorgt. Schwester Petra ist in doppelter Hinsicht ein Glücksfall für Jürgen. Weil sie sich um Mutter kümmert. Und weil er mit ihr flirten kann – unauffällig versteht sich, zu Trainingszwecken, reine Trockenübung.


«Ich kenne aktuell weniger als fünf Frauen und habe weniger als zwei Dates im Monat.» Das, findet Jürgen, ist verdammt wenig. Das muss sich ändern, dringend. Abstrakt betrachtet kennt Jürgen sich mit Frauen bestens, geradezu intim aus. Er liest Flirtratgeber der unterschiedlichsten Couleur, er inhaliert alles, was ihm an Kennenlern-, Flirt- und Aufreiß-Tipps vor die Flinte kommt. Theoretisch weiß Jürgen alles über die Frau an und für sich und das weibliche Geschlecht als solches. Blinzelrate (flirtende Frauen blinzeln drei- bis fünfmal schnell hintereinander), Putzverhalten, Achselhöhlen, asymmetrisches Lächeln, Mikroexpressionen, verbale und nonverbale Störmanöver: Es gibt nichts, worüber er sich nicht schon ernsthaft Gedanken gemacht hätte. Sogar ein Empathie-Bewegungstraining hat er absolviert.


Jürgen spricht nicht in Rätseln, sondern in Worthülsen und Stereotypen– diesen speziellen Phrasen-Sound stattet Heinz Strunk als leidenschaftlicher Sammler kurioser Sätze mit gnadenloser Konsequenz aus. Da ist «High Life in Tüten angesagt»; ist Jürgen einmal tierisch genervt von Bernie, heißt es: «Paris, Athen, auf Wiedersehen»; und will er einer Frau ein Kompliment machen, wird ganz tief in die Kalauerkiste gegriffen: «Ladies First, James Last.» So denkt, so redet Jürgen. 


Bernie und Jürgen haben sich als Zehnjährige auf Norderney kennengelernt. Während Jürgen an Seborrhöe litt («im Volksmund auch Talg genannt»), quälte sich Bernie mit einem Mix aus chronischem Keuchhusten und Farbenschwachsinnigkeit (ausgeprägte Grünschwäche) durchs Leben. Nach Norderney blieben sie aneinander kleben, begünstigt durch den Umstand, dass sie nur ein paar Straßen entfernt voneinander aufwuchsen. Perspektive: lebenslänglich. Bernie, Sachbearbeiter mit Schwerpunkt Kaltakquise, hat recht pragmatische Ansichten, wie eine Frau beschaffen sein sollte: «Ob blond, brünett oder rothaarig, spielt keine Rolle. Das Alter ist auch nicht entscheidend. Nur übermäßig dick sollte sie nicht sein, und nicht zu groß.» Und Jürgen? «Ich hab auch keine großen Ansprüche: Meine Zukünftige sollte Insekten wegmachen können, keine Amalgamzähne haben und gerne kniffeln.» Auch wenn er das mehr oder weniger im Scherz sagt, weit weg von seinen realen Ansprüchen ist das nicht.

«Paris, Athen, auf Wiedersehen»


Als weder das Date mit Manu noch das Speed Dating mit Frauke, Andrea, Susi, Maxi, Silke und zwei weiteren «Augenpralinen» was bringt, naht die Rettung in Gestalt der Vermittlungsagentur Eurolove. Ehe Jürgen und Bernie sich versehen, sitzen sie nur wenige Tage nach dem Speed-Desaster im Eurolove-Bus nach Breslau, gemeinsam mit einer Horde liebeshungriger «Willis». Eurolove brüstet sich, ein schwer seriöser Laden zu sein, 100 Prozent zufriedene Kunden (absolut «belastbare Zahlen»), was denn sonst! Und die Ladys aus dem Katalog? «Die meisten Frauen hier sind Krankenschwestern oder Lehrerinnen, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten keine Gelegenheit haben, einen Mann kennenzulernen. Die Ladys sind fraulich warm und mädchenhaft verspielt. Traumfrauen eben …»


Heinz Strunks neuer Roman steckt voller skurriler Figuren und Episoden. Wie die von Nachbar Schrahn, der irgendwann in den schwerreichen Golfstaat Brunei aufbricht, um mit Frau und Kindern als lebende Schachfiguren  zu arbeiten – für monatlich 8.000 Petrodollars. Oder die von Manfred, der normalerweise im «Kamin 21» sein Stammessen still und einsam am Tresen der Kneipe in sich hineinschlingt. Kommt Manfred aber ins Plaudern, erfährt man, wie er ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen gedenkt: 


«Er will nach seinem Tod mindestens fünfzehn Jahre unentdeckt in seiner Wohnung liegen, das wäre dann angeblich neuer Weltrekord. Schöner Rekord. Er rechnet haarklein vor, dass er 200.000 Euro zusammensparen muss, damit alle laufenden Kosten per Dauerauftrag abgedeckt sind und die Versorgung über die gesamten fünfzehn Jahre gesichert ist. Auch will er sich kurz vor seinem Ableben mit einer bestimmten Paste einschmieren, damit der Körper nicht verwest, sondern direkt in die Mumifizierung übergeht und die Wohnung nicht etwa aufgrund von Geruchsbelästigung aufgebrochen wird.»


Manche der Geschichten sind zum Schreien komisch, andere einfach nur todtraurig. Auch das ist typisch Strunk. «Es wäre langweilig, sich über Gewinnertypen auszulassen. Ich habe eh schon ein starkes Mitgefühl für die Verlierer. Das hat damit zu tun, dass ich mit dem ärmsten Geschöpf auf Erden, mit meiner Mutter, so lange zu tun hatte. Da habe ich während meiner Jugend das menschliche Leid auf eine Weise durchdekliniert, dass ich jetzt ein Auge dafür habe.» (Heinz Strunk)

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