27.04.2016   von rowohlt

Ikarus in Hollywood

«‹Westlich des Sunset› ist ein lebenskluger Roman über die Unwiederbringlichkeit des Glücks, des Erfolgs, des Lebens» (Süddeutsche Zeitung)

© iStockphoto.com
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 Sie waren das Glamourpaar der Roaring Twenties: der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald und seine vier Jahre jüngere Frau Zelda. Wilde Partys, luxuriöser Lebensstil, Alkoholabstürze. Ein Jetset-Leben ohne Happy End. Fitzgerald, schwer alkoholkrank, stirbt 1940 im Alter von 44 Jahren in Hollywood an einem Herzinfarkt, Zelda kommt achtzehn Jahre später in einer Nervenheilanstalt  auf tragische Weise ums Leben. Der große Erzähler Stewart O'Nan geht in seinem Roman «Westlich des Sunset» dem Mythos dieser so leidenschaftlichen wie zerstörerischen Liebe auf den Grund – und erweckt ganz nebenbei die legendäre Filmmetrople, das «System Hollywood», zum Leben.


T. C. Boyle: «Eine erschütternd genau beschriebene Liebesgeschichte und einer der besten biografischen Romane seit Jahren.»
Der Standard: «Ein stilles, zurückhaltendes Buch, das langsam Fahrt aufnimmt und am Ende große Romankunst ist … O'Nans wie aus Seide gesponnene Prosa steht derjenigen seiner Hauptfigur in nichts nach.»
Badische Zeitung: «Stewart O'Nan hat die letzten langen Monate des amerikanischen Schriftstellers derart lebendig in Szene gesetzt, dass man viel eher, als ein Buch zu lesen, das Gefühl hat, man säße in einem Film.»

Mondän, sophisticated, dem Untergang geweiht

Als Tochter eines Richters in Alabama verdreht die junge Zelda Sayre vielen Männern den Kopf. Ein Flapper-Girl, eine dieser jungen emanzipierten Frauen, die Spaß haben wollen, in der Öffentlichkeit rauchen und trotz Prohibition Alkohol trinken. Einer der Männer, die von diesem Wildfang fasziniert sind, ist Francis Scott Fitzgerald, der 1918 als Soldat in Montgomery stationiert ist (und später mit seinen Romanen «Diesseits vom Paradies» und «Der große Gatsby» Weltruhm erlangen sollte). Scott und Zelda werden ein Paar, heiraten 1920 – und sind vom ersten Augenblick ihrer Liebe an eine hochexplosive Mischung: gutaussehend, cool, hedonistisch, keinem Exzess abgeneigt. 


Ein Paar, wie gemalt als Aushängeschild des Jazz Age, immer mit dem Anspruch unterwegs, «larger than life» zu sein. Doch ihr Glück ist flüchtig. Ein verschwenderischer Lebensstil, wilde Charleston-Partys, Drogenexzesse: das waren die Markenzeichen des «goldenen Wunderkinds mit der Flapper-Braut». Dieses Vollgasleben sorgt dafür, dass Zelda und F. Scott in einen selbstzerstörerischen Kreislauf geraten und bereits mit dreißig ausgebrannt sind. 


Stewart O'Nans Roman (Übersetzung: Thomas Gunkel) setzt 1937 ein.  Wir sehen einen Starschriftsteller auf dem unaufhaltsamen Weg nach unten. «Mit vierzig war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die er als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden.» Fitzgerald, bedrückt von Zeldas Krankheit und immer massiveren finanziellen Sorgen, nimmt in Hollywood ein Angebot als Script Doctor an. Seine «Crack-up-Phase» soll ein Neuanfang sein, es wird ein Desaster. Sein Job ist es, drittklassige Filmskripts umzuschreiben, also auf Pointe auf Effekt und Publikumswirksamkeit zu trimmen. Ein elender Kompromiss nach dem anderen: eine einzige Demütigung für einen Schriftsteller seines Kalibers. Fitzgerald muss schon froh sein, wenn sein Name überhaupt im Abspann eines Fiilms auftaucht. 


Die Besuche bei der psychisch labilen Zelda, die im Sanatorium mit Medikamenten ruhiggestellt wird, sind für Scott Fitzgerald  ein Trauerspiel, quälend und demoralisierend. «Jetzt mit fast 37 wirkte sie verhärmt und ausgezehrt wie eine alte Hexe» – aus Liebe ist Mitleid geworden. Zelda findet einen schrecklichen Tod: 1948 verbrennt sie im von außen verschlossenen Zimmer der Nervenheilklinik, in der sie seit Jahren behandelt wurde.

«In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt»

Mit der attraktiven Klatschreporterin Sheilah Graham, die ihn an die junge Zelda erinnert, geht Fitzgerald noch einmal eine Beziehung ein, die weit mehr ist als die Affären der früheren Jahre. All seine Kraft, die ihm jenseits der Lohnschreiberei bleibt, investiert er in einem enormen Kraftakt in neue literarische Projekte. Die Flüchtigkeit des Glücks, die Neuerfindung durch die Liebe – darum kreist F. Scott Fitzgeralds ganzes Werk. Er versucht erfolglos, vom Alkohol wegzukommen – tagsüber Coca-Cola trinken, um erst abends mit dem Gin zu beginnen.  Und er bemüht sich, so gut es geht, für seine 1921 geborene Tochter Scottie zu sorgen. Viel von ihren Eltern hat sie in ihrem Leben nicht gehabt …


Wer seinen Körper so martialisch mit Alkohol, Aufputsch- und Schlafmitteln bombardiert, steht mit einem Bein schon im Grab. In seiner Ruhelosigkeit ignoriert F. Scott Fitzgerald die Warnsignale seines Körpers. Er ist 44 Jahre, als sein Herz nicht mehr mitmacht: Am 21. Dezember 1940 stirbt er in der Wohnung seiner Geliebten in Hollywood. (Sein letzter Roman «Die Liebe des letzten Tycoon» erscheint später als Fragment.)


Stewart O'Nan wirft in «Westlich des Sunset»  ein scharfes Licht auf die wenig traumhafte Traumwelt Hollywoods. Es sind nicht nur die berühmten Namen, die uns Filmbilder in den Kopf zaubern: Ernest Hemingway, Fred Astaire, Marlene Dietrich, Dorothy Parker, Humphrey Bogart, Joan Crawford, Gary Cooper, Gloria Swanson. Auch der Sunset Boulevard in Los Angeles, die diktatorischen Studiobosse mit ihren Seilschaften, all das ist hier präsent. «Eine große Leistung, wie sich O'Nan in den Charakter von F. Scott Fitzgerald – und in die Menschen, die ihn während seines Sinkflugs umgaben – hineinversetzt und dabei das Hollywood der 1930er Jahre ausleuchtet.» (T. C. Boyle)

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