30.10.2018   von rowohlt

«Ich war jung und brauchte die Likes ...»

Bianca Jankovskas «Millennial-Manifest»: eine schillernde, provokante, wortgewaltige Abrechnung mit unserem neoliberalen Alltag

© FinePic, München
© FinePic, München

Bianca Jankovska wettert in ihrem fulminanten Buch gegen prekäre Arbeitsverhältnisse, hinterfragt das menschliche Dasein als solches und bringt das Lebensgefühl der Millennials auf den Punkt. Heute ist es leichter, mit schönen Fotos auf Instagram den Schein eines selbstbestimmten #feelgood-Lebens vorzugaukeln, als für unsere Rechte einzustehen: für das Recht auf ein vernünftiges Gehalt beim ersten Job, für das Recht auf eine Antwort des Tinder-Dates, für das Recht, Social Media auch mal abzuschalten. Kämpferisch und unterhaltsam hält sie sich selbst und ihrer Generation einen Spiegel vor – und fragt, wann genau uns Aufmerksamkeit wichtiger wurde als Geld.


Bianca Jankovska, 1991 als Tochter einer Slowakin und eines Österreichers in Wien geboren hat nach dem Studium der Publizistik und Politikwissenschaft für viele Zeitungen und Magazine gearbeitet. Sie lebt als freie Autorin, Social-Media-Konzepterin und Dozentin für neue Medien in Berlin. Ihr «Millennial-Manifest» schlägt einen fulminanten Ton an. «Wie soll ich das alles die nächsten 50 Jahre aushalten?», fragt sie im Prolog. Die Überschriften der drei großen Kapitel verraten, wohin die Reise geht: «Kann das Liebe, oder ist das weg?», «Willkommen in der Ellbogengesellschaft» und «Namaste My Ass». Hier einige Passagen zum Einlesen:

«Wir sind im Glauben groß geworden, uns stünden die Türen offen, wenn wir nur lange genug dagegentreten»


Selbstwert 1. «Als ob das Leben nicht so schon anstrengend genug wäre, geißeln wir uns zusätzlich mit nicht entzifferbaren Codes und bedeutungsschwangeren Emojis, deren Interpretationsspielraum im Worst Case einen ganzen Abend mit ‹He said, she said›-Gelaber einnehmen kann. Ich sage: Ain’t nobody got time for that. Genauso wenig wie für Dates, die sich seit Wochen nicht per WhatsApp melden, dafür aber jede Insta-Story eine Sekunde nach dem Upload streamen, als sei es olympischer Leistungssport. Wir müssen endlich aufhören, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben, und stattdessen erkennen, dass der Topf zu unserem Deckel Selbstwert heißt. Egal, in welchem Belang.»


Love is in the air – tatsächlich? «Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist. Ich weiß nur, was sie nicht ist. Nicht kann. Liebe ist nicht dieses beunruhigende Gefühl in der Magen-Darm-Gegend, das automatisch Alarm schlägt, wenn eine Nachricht zu lange auf sich warten und mich wegen dahingesagten Nichtigkeiten grübeln lässt, obwohl ein Treffen abgesprochen war. Liebe ist nicht, wegzufahren für vierzehn Tage, ohne Bescheid zu geben. Liebe ist nicht, vielleicht in fünf Jahren zusammenzuziehen. Liebe lässt mich durchschlafen. Liebe ruft mich an. Liebe ist zu vergessen, wer ich bin, wenn ich den Rest des Tages funktionieren muss. (…)
Ich habe alles versucht … Es ist nie passiert.»


Selbstwert 2. «Selbstwert hat meine Denkweise umprogrammiert wie eine mathematische Formel. Er hat mich darauf vorbereitet, Dates abzubrechen, in denen mir jemand vorwirft, nicht weiblich genug zu sein, weil ich Fleisch esse, während er sich zehn Minuten später einen Döner reinzieht. Dates, die mich dafür bemitleideten, dass ich schreibe – das könne doch jeder. Dates, bei denen ich ein unangenehmes Gefühl bekomme, das ich nicht bereit bin herunterzuschlucken, und Dates, die sich anfühlen wie Vorstellungsgespräche. Selbstwert hilft mir, wie ein hübsch verpackter Arschloch-Filter jene auszusortieren, die sich ohne erst in Monaten oder Jahren in vollster Blüte offenbart hätten. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich früher bereits zu tief drinnen gesteckt wäre, um halbwegs heil wieder herauszukommen. Ich wünschte, ich hätte all das früher gewusst.»

«Hört auf, allen Anforderungen gerecht werden zu wollen. Klappt eh nicht.»


Weil es schon immer so gewesen ist. «Wir Millennials sollten gewisse Arbeitsumstände nicht mehr hinnehmen, nur ‹weil es immer schon so gewesen ist› – übrigens die beschissenste Begründung für alles. Das wahre Problem unserer Zeit, das Problem unserer Generation ist nicht, dass es uns nicht gutgeht. Das größte Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können als das Hier und Jetzt – so Rutger Bregman. Dabei träumte bereits Benjamin Franklin davon, dass der Menschheit einmal vier Stunden Arbeit pro Tag reichen würden und das Leben in der übrigen Zeit aus ‹Freizeit und Vergnügen› bestehen könnte, genauso wie der Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw im Jahr 1900 prophezeite, dass wir im Jahr 2000 nur noch zwei Stunden pro Tag würden arbeiten müssen.»


Groschenphilosophin. «Noch ekelte es mich vor der Vorstellung, mich vermarkten und für schlecht bezahlte Arbeit anbiedern zu müssen. Und doch beschlich mich eine halsabschnürende Furcht vor dem, was nach dem Abschluss meines Masters kommen würde. Was würde ich meiner Großmutter sagen? Ich war jung und brauchte die Likes. 
Wenn schon niemand anders an mich glauben wollte, dann musste ich es eben selbst tun. Ich hatte keine berühmten oder reichen Eltern, keine Onkel oder Tanten, die mich schon vermittelt hätten. An meinem 23. Geburtstag, im November 2014, nahm ich das Ding selbst in die Hand. In einer Nachtsession installierte ich meinen ersten Wordpress-Blog. Ich nannte ihn, nannte mich offiziell Groschenphilosophin. Ein knappes Jahr und über 150 Blogeinträge später verkaufte ich meine junge Schreiberseele an eines der größten Medienhäuser Deutschlands.»


«Schreiben war alles, was ich hatte …» «Ich erkannte erst nach einiger Zeit, dass sich in dem Moment, in dem ich anfing, meine Stimme für Geld zu verkaufen, etwas geändert hatte. So etwas wie Denkpausen gab es nur noch mit sehr viel Selbstdisziplin. Ich war immer drinnen, im Weltgeschehen, in politischen Lagen, im Internet und den dort stattfindenden Debatten, Phänomenen und Kritiken – und hatte erste Symptome eines Burnouts. (…)
Schreiben war kein nettes Liebhaberinnen-Nebenprojekt mehr. Es war meine ganze Existenz, die dranhing. Schreiben war alles, was ich hatte, und alles, was ich konnte. Schreiben war nun nichts mehr, das ich machen wollte, es war etwas, das ich machen musste. (…)
Oh, und noch etwas, bevor ich es vergesse: Von der eigenen Kreativität zu leben kann sich schon mal wie geistige Prostitution anfühlen. Man denkt sich: Das sind meine Gedanken, das ist meine Kunst, also entscheide ich, wie sie rezipiert wird. Aber das stimmt nicht. Sobald man sie hergibt, ist sie da. Draußen, und kann jederzeit von jedem gelesen, weitergetragen und verarbeitet werden.»

«Aber zuallererst würde ich gerne wissen, wo man hier dieses Internet abdrehen kann»


Zähne aus 3-D-Druckern. «Die fortschrittliche Spezies Mensch lässt Zähne in 3-D-Druckern anfertigen, aber flexible Arbeitszeiten sollen nicht möglich sein? Wir leben bald im Jahr 2020 – und trotzdem ist die 40-Stunden-Woche noch immer nicht aus unserem Alltag verschwunden, ganz im Gegenteil sogar, wenn man nach Österreich blickt. Als ob irgendjemand tatsächlich 9 bis 11 Stunden vor dem Computer oder hinter der Theke produktiv wäre und nicht irgendwann auf WhatsApp, Instagram oder Nachrichtenseiten wechseln würde, um sich abzulenken. Woher sonst kommen all die Hass-Kommentare? (…)
Warum bleiben wir trotzdem dabei? Weil wir uns den eigenen Lebensstandard sonst nicht leisten können. So wunderbar es wäre, mehr freie Zeit zu haben, sie ist aktuell einfach zu teuer.»


Rare Ressource Frauenpower. «Das neoliberale Patriarchat, so schreibt Laurie Penny, hat jede menschliche Interaktion darauf ausgerichtet, miteinander zu konkurrieren – inklusive der viel beschworenen Sisterhood. (…)  Statt uns zu unterstützen, als Frauen und Mädchen, hassen wir einander weiterhin für die kleine Macht, die wir uns nach jahrelanger Arbeit verdient haben. Die Freiheit, die wir uns erkämpft haben, ist in Wahrheit gar keine. Nicht, solange Frauenpower eine rare Ressource des Spätkapitalismus bleibt, die linguistisch und strukturell dafür entworfen wurde, um Frauen in lächerlichen Top-30-Frauen-unter-30-Rankings herumzureichen, bis auch dort kein Stuck des Kuchens mehr übrig ist. Ich frage mich, ob Rankings wie diese im Endeffekt nicht genau der neoliberalen Logik folgen, die neofeministische Seiten in ihrem Gleichstellungsbestreben zu kritisieren scheinen.»


Verdammte Selbstoptimierung. «Anders als vielleicht gedacht, hört die Selbstoptimierung nicht bei der Arbeit oder der Liebe auf, auch die freie Zeit soll möglichst gut und effizient genutzt werden, um am Ende seines Lebens nicht vor dem Herrgott um Vergebung bitten zu müssen, seine Zwanziger auf der Couch mit Netflix verbracht zu haben, als ob es sich dabei um ein Verbrechen mit Aussicht auf Todesstrafe handeln würde. (…) 
Nach etlichen gescheiterten Versuchen, mit Mitte zwanzig ein neues Hobby aufzunehmen und jedes Wochenende auf ein Konzert zu gehen, habe ich selbstbestimmt aufgegeben, alle Todos und Sehenswürdigkeiten der Welt abzuklappern. Ich habe in diesem Leben nicht mehr vor, einen Kopfstand oder Portugiesisch zu lernen. Ich werde mich nicht jedes Wochenende sozial missbrauchen, nur um wieder eine Clique zu haben. Ich werde einen Scheiß tun. Denn das Letzte, was diese Gesellschaft braucht, ist ein weiteres selbstbeweihräucherndes Buch über Freundschaft, Herzchakras und richtige Essgewohnheiten. Aber zuallererst würde ich gerne wissen, wo man hier dieses Internet abdrehen kann.»


SM wie Social Media. «Wir verlieren jeden Tag. Follower, Zeit, Sympathie. Liebe. Nerven. Sehscharfe*. Wir verlieren Freunde und Bekannte, die verstört von unseren Offenbarungen sind und eigentlich seit drei Tagen auf eine Antwort im Facebook Messenger warten. Wir verlieren unseren Begriff von Privatsphäre. Wir verlieren unsere Daten. Wir verlieren Gedanken daran, wer was wann geliked oder nicht geliked hat, und leiten daraus falsche Schlusse ab. 
Nichts als unangenehm ist mein Stolz, wenn ich vier Tage nicht auf Instagram gewesen bin, nur um mich dann doch wieder einzuloggen und eine Liste von Menschen in meinem Kopf abzuarbeiten, die mir in meiner unbemerkten Abwesenheit potenziell entfolgt sein könnten. Nachdem ich die vier oder fünf Namen der Personen bei der Suche eingegeben habe, die mir entfolgt sein könnten, sie mir aber doch nicht entfolgt sind, atme ich jedes Mal beruhigt aus. So funktioniert mein Gehirn. Ich fühle mich wie eine Lungenärztin, die Kette raucht.»

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