16.01.2018   von rowohlt

«Ich war eine Ausnahmefrau, und – ich habe es akzeptiert»

«Ich fing an, Simone de Beauvoir zu lesen. Und hörte nie wieder auf»: Julia Korbik über Leben und Werk der großen Französin

© iStockphoto.com
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Ikone des Feminismus, politische Denkerin, Weggefährtin Sartres, alles richtig. Aber warum sollten sich junge Frauen heute noch für Simone de Beauvoir interessieren? Julia Korbik, seit 2016 Betreiberin des einzigen deutschsprachigen Beauvoir-Blogs, kennt eine ganze Reihe guter Gründe. Die Berliner Journalistin wirft einen frischen Blick auf die die große Simone de Beauvoir in all ihren Facetten: Man erfährt, welche Themen sie interessierten, welche Bücher sie las, welche Personen ihr nah standen, was sie inspirierte und wie ihr Alltag aussah. Ein hinreißendes, kluges und originelles Buch – der perfekte Einstieg für die Beschäftigung mit einer der wichtigsten weiblichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, die zum Role Model für mehrere Frauengenerationen wurde.


Mai 68, Algerien, Vietnamkrieg, Aufbruch der Frauenbewegung – die Schriftstellerin, Philosophin und feministische Aktivistin ist keiner Schlacht aus dem Weg gegangen. Simone-Ernestine-Lucie-Marie Bertrand de Beauvoir, im Januar 1908 als Tochter einer Bibliothekarin und eines Anwalts in Paris geboren, war immer mehr als «la Grande Sartreuse». «Ich möchte vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein … Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig vor Zorn.»

«Mein Werk ist mein Leben»


Es stimmt, was Anna Kipke und Teres Mallt in ihrer Besprechung von «Oh, Simone!» im Freitag schreiben: «Julia Korbik berauscht sich an Simone de Beauvoir. Zum ersten Mal traf sie im Religionsunterricht der 9. Klasse auf ihre Heldin:, Eine Mitschülerin hielt ein Referat über den Chef-Existenzialisten Jean-Paul hielt, an dessen Seite oft eine streng blickende Frau mit einer Art Turban zu sehen war – Simone de Beauvoir. Zwei Jahre später erspähte Julia Korbik in der Auslage einer Buchhandlung Beauvoirs Roman «Die Mandarins von Paris». Ein Blick aufs Cover – und die Erkenntnis: Das muss ich haben. «Ich war 17, frankophil und sehnte mich nach Pariser Cafés, der Seine, dem Intellektuellen-Milieu. Ich brauchte dieses Buch, es war ein nahezu körperliches Bedürfnis – wie Hunger oder Durst.» Julia und Simone, es war der Beginn einer Freundschaft fürs Leben.


Julia Korbiks Ansatz ist klar formuliert: «Heute gilt Simone de Beauvoir einfach nicht mehr als relevant. Sie ist für immer erstarrt in Schwarzweißfotos aus den 1940er Jahren in Paris, wo sie konzentriert an Café-Tischen sitzt oder mit Sartre ins Gespräch vertieft ist. Irgendwie hat sie es nicht so richtig ins 20. Jahrhundert geschafft. Wenn überhaupt über sie gesprochen wird, dann meistens im Zusammenhang mit Das andere Geschlecht (Feminismus!) oder mit Jean-Paul Sartre (offene Beziehung!). Dabei war Simone viel mehr als eine feministische Ikone oder die Lebensgefährtin eines berühmten Philosophen.»

«Ich möchte vom Leben alles!»


In sechs großen Kapiteln (Werden – Lieben – Denken – Schreiben – Handeln – Kämpfen) zeigt sich uns Simone de Beauvoir als eine moderne Frau, deren Radikalität und analytische Furchtlosigkeit der Beschäftigung mit unserer Gesellschaft und uns selbst guttun würde. «Simone mag schon über 30 Jahre tot sein, an der Aktualität ihres Denkens, ihrer Art, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, ändert das nichts.» «Oh, Simone!» überrascht und lädt zum Stöbern ein – es ist die wunderbare Gelegenheit, eine Frau wiederzuentdecken, der nichts wichtiger war als die Freiheit, ihre persönliche Freiheit und die der Gesellschaft. 


Dass Simone ein Problem mit der vertraulichen Ansprache mit «du» hatte und deshalb sie sich mit Sartre bis an ihr Lebensende siezte; dass ihr berühmter Turban aus der Not heraus entstand; dass sie weder gut schwimmen und noch viel weniger Autofahren konnte, dafür aber den Stierkampf über alles liebte; dass Simone seit ihrer Zeit in Marseille ausgedehnte Wanderungen liebte – im Gegensatz zu Sartre, der mit der freien Natur wenig anfangen konnte (Stichwort: « Frischluftallergie»); dass zu Beauvoirs Lieblingsautoren Stendhal, George Elliot, Virginia Woolf, Katherine Mansfield und Franz Kafka zählten; dass Adrienne Monniers Buchhandlung «Maison des amis des livres» zu ihren absoluten Pariser Lieblingsorten gehörte; dass Google ihr zum 106. Geburtstag am 9. Januar 2014 ihr eines seiner Doodles widmet; dass es viele großartige Sätze Simones gibt, aber keiner auch nur annähernd so berühmt ist wie dieser: «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird zur Frau gemacht» ...


Das und vieles mehr finden wir in Julia Korbiks mit Leidenschaft und Herzblut geschriebenem Beauvoir-Brevier. Hier als kleine Leseprobe der Beginn des Liebespakts, das legendäre Initiationserlebnis zwischen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre vom Oktober 1929:

Amour nécessaire und amour contingent – der berühmte Liebespakt


«Während Simone es genießt, ihrer Vergangenheit entkommen und endlich selbständig zu sein, graut Sartre vor den Verpflichtungen des Erwachsenseins – er ist immer noch ein großer Junge. Für ihn steht nun der obligatorische 18-monatige Militärdienst an, und ihm ist ganz und gar nicht wohl bei dem Gedanken, seine hübsche, begehrte und unterbeschäftigte Freundin allein in Paris zu lassen. Problem: Heiraten will diese ihn nicht, und Sartre selbst hat ja stets betont, wie wichtig ihm Freiheit sei. Ein Dilemma: Wie soll er die freiheitsliebende Simone an sich binden? 


Also schlägt Sartre Simone einen Pakt vor. An einem Oktoberabend 1929 lassen die beiden sich in der Nähe des Louvre auf einer Bank nieder – wichtige Dinge passieren bei ihnen offenbar stets unter freiem Himmel – , und Sartre legt seinen Zwei-Jahres-Pakt dar: Simone soll nach Möglichkeit die nächsten beiden Jahre in Paris bleiben und den außerhalb von Paris stationierten Sartre währenddessen, so oft es geht, sehen. Danach bewerben sich beide auf Auslandsposten in verschiedenen Ländern, sehen sich einige Zeit nicht, treffen sich dann irgendwo wieder. Nähe und Abstand, fein ausbalancierte Freiheiten. Ihre sei eine notwendige Liebe, erklärt Sartre Simone, eine amour nécessaire.


Daneben gebe es aber auch Affären, die sogenannten Zufallslieben oder amours contingents. Von Letzteren soll während des Zwei-Jahres-Pakts aber erstmal kein Gebrauch gemacht werden, es gibt nur Simone und Sartre. Die beiden schließen einen weiteren Pakt: Sich einander immer alles zu sagen und sich nie anzulügen. Sehr ambitioniert, wie sich noch zeigen wird. Ihre Beziehung nennen die beiden eine ‹morganatische Ehe› – eine seltsame Bezeichnung, denn dabei handelt es sich eigentlich um eine Ehe, in der ein Ehepartner adelig ist und der andere von niedrigerem gesellschaftlichem Stand. Über Kinder müssen Sartre und Simone nicht lange diskutieren: Beide haben kein Bedürfnis, welche zu bekommen. Das außergewöhnliche Ehepaar schließt seinen Pakt am 14. Oktober 1929, und am 3. November steigt Sartre in den Zug, der ihn zur Militärakademie Saint-Cyr bringt (…)


Doch schon die erste Etappe des Pakts verläuft nicht nach Plan: Sartre erhält die Lektorenstelle in Japan, auf die er sich beworben hat, nicht. Stattdessen schickt man ihn 1931 als Lehrer nach Le Havre, eine Stadt in der Normandie. Simone bekommt eine Stelle im südfranzösischen Marseille – und plötzlich trennt die beiden ein ganzes Land. Vor ihrer Trennung erneuern die 23-jährige Simone und der 27-jährige Sartre ihren Pakt noch bis in ihre 30er: Die Zufallslieben können warten! Ein letztes Mal schlägt Sartre eine Heirat vor – als Ehepaar hätten sie Anspruch auf eine Anstellung in derselben Stadt – , und ein letztes Mal lehnt Simone ab. Sie hat sich für die Freiheit entschieden, die ganze Freiheit. Es ist ihr egal, was andere über ihre Art zu leben denken, sie hat sich endgültig von den Erwartungen und Regeln ihres Geburtsmilieus gelöst. 


Sehr wahrscheinlich trägt ein Ereignis besonders zu dieser wilden Entschlossenheit bei: Der Tod ihrer besten Freundin Zaza am 11. November 1929. Ganz unerwartet wird Zaza schwer krank und stirbt, vermutlich an Meningitis oder Enzephalitis. Simone ist bestürzt und aufgewühlt, der Verlust Zazas ist für sie der härteste Einschnitt in ihrem bisherigen Leben. Sie empfindet den Tod ihrer Freundin als Zeichen: Die beiden haben beide gegen ihr Milieu rebelliert, waren Komplizinnen – nun, wo die eine tot ist, muss die andere diese Rebellion vollenden. 


Für Simone gibt es keinen Weg mehr zurück. Stattdessen stürzt sie sich ins Leben und nutzt noch vor Sartre die (in den ersten zwei Jahren eigentlich nur theoretischen) Freiheiten des Paktes. Im Februar 1931 bricht Simone zu einer Tour de France mit Sartres gutem Freund Pierre Guille auf und schläft während dieses Urlaubs mit ihm. Die Freuden der amours contingents

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