25.07.2017   von rowohlt

«Ich wage eine Prognose: Es könnte so oder so ausgehen»

«Fußball ist die Hülle, in die die Menschen ihre Träume stopfen» (Christian Spiller) – 24 Beiträge, 24 Spiele, 24 mal Herzblut!

© iStockphoto.com
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Es ist doch so: Alle, die Fußball lieben, haben dieses eine, unglaubliche, unvergessliche Spiel, das alle anderen in den Schatten stellt. Bei Schalke-Fans dürfte es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen spektakulären Derbytriumph gegen die Reviernachbarn aus Dortmund handeln; bei Ronald Reng ist es eine Glanzpartie seines FC Barcelona (gegen den FC Liverpool). Saša Stanišic erzählt dagegen von einem «unwahrscheinlichen Spiel» am Rande eines «unwahrscheinlichen Kriegs»: dem Aufeinandertreffen von Roter Stern Belgrad und Bayern München im Europapokal der Landesmeister am 24. April 1991. Es müssen nicht immer die ganz großen Spiele gewesen sein, und sie müssen auch nicht mit Siegen geendet haben. Wieso auch sollten sich schmerzhafte Niederlagen weniger einprägen als glanzvolle Triumphe? 


Zum Einlesen ein bisschen Fan-Herzblut: 

Roter Stern Belgrad und FC Barcelona …


Saša Stanišic. Roter Stern Belgrad – FC Bayern München, Europapokal der Landesmeister, 24. April 1991 +++
«Was für eine Mannschaft! So eine wird auf dem Balkan niemals wieder möglich sein. Zu jung wechseln die Spieler in reichere Länder. Und nachdem Jugoslawien auseinandergebrochen war, entstanden in jedem Staat neue Ligen, keine auch nur annähernd so stark wie die jugoslawische. (…) Das 2:2 habe ich nicht gesehen. Zu diesem Zeitpunkt, es lief die 90. Minute, standen alle, das ganze Stadion stand. vielleicht stand sogar das ganze Land ein letztes Mal gemeinsam hinter einer Sache, und der beste Gradmesser, dass das wirklich stimmen könnte, war die Tatsache, dass mir Schulfreunde, die den Erzrivalen Partizan unterstützen, den Ausgleich nacherzählt haben, immer wieder, als wären sie im Stadion gewesen und nicht ich. Es war ein Eigentor von Klaus Augenthaler …»


Ronald Reng. FC Liverpool – FC Barcelona, Champions League, 20. November 2001 +++
«Eines Abends ging ich aus dem Haus, um ein Fußballspiel anzuschauen. Ich kehrte mit der Überzeugung zurück, dass ich in Barcelona leben müsse. (…) Neugierig sah ich minutenlang nur noch auf Barca. Auf die Bewegungen ihrer Spieler, wo positionierten sie sich, wie passten sie. Innerlich wurde ich immer aufgeregter. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. (…) Hin und her, her und hin, ich glaube, irgendwann stieß ich Zischlaute des Unglaubens  aus: Hin und her, her und hin liefen Liverpooler Spieler. Aber sie kamen nie heran an die präzisen Samtpässe Barcas. Die Atmosphäre an der Anfield Road veränderte sich. Die Anfeuerungsrufe für Liverpool wurden weniger. Die Stille des Staunens wurde mächtiger … Der Fußball wurde zum Gedicht.»

FC St. Pauli und Arminia Bielefeld …


Ayla Mayer. FC St. Pauli – Hamburger SV, Bundesliga, 19. September 2010 +++
«Fabian Boll stoppte mit einer Lässigkeit und Ruhe, als hätte er nie in seiner Karriere etwas anderes gemacht, er legte sich den Ball vor, jetzt hatten auch die anderen Rothosen verstanden. Sie warfen sich zu dritt vor Boll – SCHIESS DOCH, BULLE! Und Boll schoss. Er schoss … Als der Ball das Netz auf der anderen Seite des Platzes aufbauschte, schwoll mein Herz an, als müsse es zerspringen vor Glück, es zersprang in tausend Teile, und ich schrie, schrie, schrie, es war ein kehliges «Jaaaaaaaaa!» aus jeder Faser, es war Delirium und Liebe und Ekstase, jedes Gefühl der Welt wollte raus, raus, raus aus dem Panzer, raus aus mir. Und um mich herum brüllten, weinten, fluchten oder schluchzten Menschen vor Überwältigung. Ich versank in Wellen aus Armen und Beinen, einem Rausch von Umarmungen, denn niemand wollte diesen Augenblick allein erleben. Ich griff nach einem Ärmel, um nicht weiter umgerissen zu werden, der Ärmel-Besitzer und ich fielen einander kreischend um den Hals, ich musste irgendwohin mit all diesen Gefühlen, mit dem zersprungenen Herzen und dem Kloß im Hals von der plötzlichen Gewissheit, dass Fußball nie wieder so schön und so echt wie das Leben sein würde, wie in diesem unerwarteten Moment.»


Misha Verollet. Arminia Bielefeld – Karlsruher SC, Bundesliga, 5. April 2008 +++
«Auf der Bielefelder Alm, der Heimat meines Lieblingsclubs Arminia Bielefeld, gibt es einen beliebten Fangesang, der in etwa so geht: ‹Es kann nicht jedes Arschloch ein Bielefelder sein.› Und ich denke jedes Mal: Stimmt! Wir sind ganz besondere Arschlöcher, wir Bielefelder. Zäh, hartnäckig, kämpferisch. (…) Niemand erobert den Teutoburger Wald! Und niemand nimmt uns unsere Liebe zu Bielefeld. Was sind schon Wien, Paris, Rom oder Berlin? In Bielefeld gibt’s alles, was man realistischerweise zum Leben braucht. Heizungen, Strom, fließend Wasser, Supermärkte mit unbegrenzten Mengen an Pudding. Warum sollte man woanders wohnen wollen? Umziehen macht nur unnötig Stress. Deshalb werden Weggezogene wie ich auch mit Argwohn betrachtet. Wer wegzieht, hat was zu verbergen, ist der Konsens. Erst wenn der letzte Grünkohl geerntet, der Speck gebraten, der letzte Pudding gerührt ist und die Stadionbratwurst verdaut, so eine Bielefelder Weisheit, werdet ihr merken, dass man schöne Architektur nicht essen kann. Ich nenne diese Einstellung die rationale Resignation …»

Eintracht Frankfurt und 1. FC Union Berlin …


Christoph Schröder. Eintracht Frankfurt – 1. FC Kaiserslautern, Bundesliga, 29. Mai 1999 +++
«Jan-Aage Fjörtoft entscheidet sich für etwas Unfassbares: Mit einem Übersteiger über den Ball irritiert Fjörtoft Reinke für eine Millisekunde und schiebt die Kugel dann an dem verdutzten Torhüter vorbei mit dem linken Fuß ins Netz. Eine Aktion, bei der Jan-Aage Fjörtoft wahrscheinlich an jedem anderen Tag über den Ball gestolpert wäre. (…) Um die Ungeheuerlichkeit dieser Entscheidung zu erklären, muss man wissen, dass der Norweger  zwar stets ein Publikumsliebling, aber nie ein unbedingt herausragender Fußballer war. Er war nicht besonders kopfballstark und hatte auch nicht den stürmertypischen Killerinstinkt. Schnell war er auch nicht, außer mit dem Mund. Auf die Frage, warum er zu Eintracht Frankfurt gewechselt sei, antwortete Fjörtoft seinerzeit, dass er den Auftrag habe, eine Frau für seinen Landsmann Tore Pedersen zu finden. Fjörtoft war lässig und charmant. Und so war auch sein Tor zum 5:1. Kurz darauf war das Spiel zu Ende und Nürnberg abgestiegen.»


Stefanie Fiebrig. Germania Schöneiche – 1. FC Union Berlin, Testspiel, 31. Januar 2009 +++
«Das Spielankündigungsplakat haben wir zur Hochzeit geschenkt bekommen. Die meisten Spieler haben darauf unterschrieben. Germania Schöneiche gegen den 1. FC Union Berlin. Zwei Vereinsembleme auf Kunstrasenfototapete, die gelbe Schrift grün umrandet. Der Graphiker hatte keine Zeit für Ideen. Dass er etwas für die Ewigkeit gestaltet, ahnte er nicht. Sonst hätte er sich vielleicht mehr Mühe gegeben. (…) Der Mann, mit dem ich damals in Schöneiche war, schenkt mir von Zeit zu Zeit anlasslos Blumen, und jeden Tag bringt er mir morgens den Kaffee ans Bett. Man muss wirklich aufpassen mit diesen Impulsentscheidungen. ‹Lass mal beim Standesamt fragen, wann sie einen Termin freihaben.› Das ist das Schöneiche unter den Anträgen, es passt zu unserer Geschichte. Mehr Romantik würde ich im Alltag nicht aushalten.»

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