23.05.2016   von rowohlt

«Ich konnte fabelhaft stolpern und sogar hinfallen»

Ein Abend mit dem großen Oskar Werner – Michael Degens «Roman einer wahren Begegnung»

© Wolfgang Wilde
© Wolfgang Wilde

Vaduz, 1983. Ein Schauspieler wird nach einem Gastspielauftritt mit Ingmar Bergmans Strindberg-Inszenierung von «Fräulein Julie» vom weltberühmten Oskar Werner eingeladen. An der Burg wurde Werner zum «Theatergott», er opponierte gegen die Nazis, desertierte aus der Wehrmacht. Nach dem Krieg am Theater und Film («Jules und Jim», «Das Narrenschiff») gefeiert, verzweifelte er bei allem Ruhm an sich selbst und der Welt. Der Schauspieler und Schriftsteller Michael Degen nennt sein Buch den «Roman einer wahren Begegnung» – über einen Abend voller Alkohol und Geschichten, über den Blick in den Abgrund einer gequälten Seele.


Neben «Nicht alle waren Mörder» ist dies Degens persönlichste Buch, fast eine Autobiografie. Neben der unvergesslichen Begegnung mit Werner berichtet Degen auch von anderen prägenden Erlebnissen, mit Gustaf Gründgens, Ingmar Bergman und vielen anderen. Im Interview mit dem Standard schwärmt Degen von der «genialen Naivität», der «unglaublichen Ausstrahlung», der «wundervollen Stimme und Wahrhaftigkeit» des Wiener Großschauspielers, dem er für einen unvergesslichen Abend in Liechtenstein nahe sein konnte.

Schauspielerei – «dieser kindische und unerwachsene Beruf»

Für Degen ist es ein Glücksmoment, als ihn der große Oskar Werner zu einem «kleinen Drink» in dessen Wohnung in der Teixlburg einlädt. Bei einem Drink wird es an jenem schicksalhaften Abend nicht bleiben. Während Degen versucht, trotz bestem Grünen Veltliner einen halbwegs klaren Kopf zu behalten, schüttet sein Gegenüber einen Fernet Branca nach dem anderen in sich hinein. Je später der Abend und je höher der Alkoholpegel, umso eindringlicher und heftiger wird das Gespräch.


Schon als Kind war Werners Talent für die «Theaterei» offensichtlich. «Meine erfolgreichste Darbietung war der hilflose blinde Bub, zu dem mir ständig neue Variationen einfielen. Ich konnte fabelhaft stolpern und sogar hinfallen. Sechs Jahre alt, klein, stockdünn, so kreierte ich meinen blinden Oskar – und bis zum heutigen Tag bin ich mir nicht sicher, ob ich es doch nicht dabei hätte dabei hätte belassen sollen.» 


Vermutlich wäre dem kleinen Oskar von einst die große Karriere versagt geblieben, hätte er sich unter seinem Geburtsnamen als Schauspieler verdingt: Oskar Josef Bschließmayer. «Was für eine Karriere hätte man mit einem solchen Namen schon machen können, wenn man, einmal angenommen, kein Komödiant hätte werden wollen? Politiker vielleicht? Bundeskanzler Bschließmayer? Wer hätte den denn ernst nehmen können?»

Von Glanz, Triumph und Selbstzerstörung

Im Laufe des alkoholseligen Abends sprechen die beiden buchstäblich über Gott und die Welt. Über die Nazis und ihren Tausendjährigen Wahn. Über die Juden, die Gott nicht getötet, sondern ihn erfunden haben. Über die Schauspielerkollegen Charles Laughton und Werner Krauß, den «dummen Nazimitläufer». Über das «Leben als Mime» («So nennt man uns doch immer in den Blättern, die den Dreck bedeuten»). Über den Umgang mit Kritiken («Für mich gibt es nur zwei Sorten von Kritikern, Schreiberlingen, diesen fragwürdigen Existenzen. Die einen können mich am Arsch lecken, und die anderen dürfen nicht einmal das»).  Über den missglückten Suizid seiner Mutter. Über das Leben mit der Wiener Künstlerin Elisabeth Kallina, die er 1944 geheiratet hatte. 


Irgendwann begann Werner, auch die großen Rollen abzulehnen, am Theater und im Film (etwa von Stanley Kubrick). Seine tiefste Erfüllung fand er als Alleinunterhalter auf der Lesebühne, wenn er Goethe, Schiller, Shakespeare, Wedekind rezitierte. Stundenlang standen die Menschen Schlange, um eine Karte zu ergattern. Um ihn zu sehen und zu hören, den großen Oskar Werner. 


Degen ist hin und her gerissen, immer fragt er sich, was aus Oskar Werner hätte werden können, wenn tief in ihm nicht dieser selbstzerstörerische Motor gearbeitet hätte. «Würde es einen Theatergott geben, Oskar müsste ihn fortwährend um Verzeihung bitten. Er teilte sie mit so vielen anderen Kollegen, Komödianten, Schauspielern – diese elende Undankbarkeit gegenüber allem Erreichten. Was hatten sie nicht schon alles angestellt, um sich hinter ihren Rollen verstecken zu können und nicht zu viel von sich preiszugeben?»

«Dass wir im Tod erst ahnen, was der Himmel von uns will» (Heinrich von Kleist)

Der Selbstzweifel, der Zynismus, der Alkohol, sie stießen Werner immer näher auf den Abgrund zu. «Manchmal weiß ich nicht, ob ich ein Mensch bin oder ein Wiener. Heute ist Wien für mich eine endgültig überwundene Grippe. Am schönsten ist es, wenn man es von Liechtenstein aus betrachtet. Um sich von Wien zu lösen, braucht man den Alkohol einfach. Das Treibmittel, um von sich selbst abzuspringen.»


Oskar Werner, wie er sich in Degens Erinnerungen zeigt: Ein sperriger Mensch, eigensinnig, bitter, abweisend, witzig. Zerrissen, zynisch und ziemlich genial. Verspielt, energiesprühend, sarkastisch, «ein Mann mit einer steinalten Seele». Ein verglühtes Genie. Am Ende dieses denkwürdigen Abends quält Michael Degen vor allem eine Frage: Wie komme ich nach Hause, ohne ins Auto des Fernet-Branca-trunkenen Mannes zu steigen? Er kommt ins Hotel zurück, in Werners Auto, heil und wohlbehalten. 


Als sie sich voneinander verabschieden, sagt Oskar Werner einen Satz, den Degen nie vergessen wird: «Werden Sie nie so wie ich, nie.» Am 23. Oktober 1984 ist Oskar Werner in einem kleinen, dunkel möblierten Zimmer des Europäischen Hofs in Marburg gestorben.

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