16.11.2016   von rowohlt

«Ich kann nur zaubern, nichts anderes»

Lars Vasa Johanssons wunderbares literarisches Märchen für Erwachsene – magische Momente aus Schweden!

© Eddie O'Bryan/Moment, 4 x 6, Serg Myshkovsky/E+/Getty Images
© Eddie O'Bryan/Moment, 4 x 6, Serg Myshkovsky/E+/Getty Images

Sollten Sie irgendwann einmal von einem kleinen Mädchen gebeten werden, ihr beim Blumenpflücken zu helfen: Zögern Sie keinen Moment, helfen Sie dem Kind! Falls nicht, könnte das äußerst unangenehme Folgen nach sich ziehen. Anton weiß ein Lied davon zu singen. Seit Jahren tingelt der Berufszauberer mäßig erfolgreich von Altersheim zu Einkaufszentrum. Für ihn läuft es überhaupt nicht gut, er ist an einem toten Punkt angelangt. Aber alles kommt in Fluss in jener Mittsommernacht, als Anton nach einem skurrilen Autounfall einer kleinen Waldfee begegnet – und eine verhängnisvoll falsche Entscheidung trifft. Wenn er nicht untergehen will, muss er sein Leben verändern: sofort, gründlich und aus tiefstem Herzen …

«Das Problem ist, dass die Leute dich nicht mögen»


Was für ein missratener 45. Geburtstag! Normale Menschen können sich an ihren Geburtstagen vor Geschenken, zumindest aber vor freundlichen Anrufen oft nicht retten. Anton aber bekommt an seinem «Ehrentag» genau zwei Nachrichten. Einen Pflichtanruf seiner Eltern, mit denen er seit Jahren so gut wie keinen Kontakt hat, und eine E-Mail vom Elektrodiscounter. Auf dem Weg zu seinem nächsten Auftritt in der tiefsten schwedischen Provinz, in einem Altersheim am Stadtrand von Karlsborg, macht er kurz Halt auf einem Rastplatz, um sich zumindest selber zu gratulieren. «‹Glückwunsch, Anton. Gute Arbeit. Wirklich großartig›, murmelte ich und widmete mich der Cremeschnitte.» Viel deprimierender kann ein Geburtstag nicht sein. 


Nach 25 Berufsjahren als Zauberer ist Anton ziemlich weit unten angekommen, viel tiefer geht nicht mehr. Ganz anders als sein Jugendfreund Sebastian, der gemeinsam mit Charlotta, Antons Ex-Freundin, eine Topkarriere als Illusionisten-Duo hingelegt hat, mit ausverkauften Sälen, Fernsehauftritten und Prominentenstatus in den bunten Blättern: Together In  Magic Forever! Anton dagegen tingelte jahrein jahraus durchs Land; an die hundert Auftritte pro Jahr unter teilweise demütigenden Umständen muss er absolvieren, um die Miete für seine bescheidene Wohnung in Stockholm zusammenzukratzen. 


Drei bis vier Stunden sind es nach dem tristen Auftritt im Altersheim bis nach Hause – ankommen wird er dort nicht. Weil er tief in der Nacht mit seinem uralten VW Passat auf einen schweren Gegenstand prallt, der mitten auf der Landstraße steht: ein rotes Chesterfieldsofa. «Wie zum Teufel kann man auf der Straße ein Sofa verlieren, ohne es zu merken?» Weil das Auto kaputt ist, macht sich Anton auf den Weg; irgendwen wird er in der Einöde schon treffen. Auf einer nebelverhangenen, moosbewachsenen Lichtung steht ein kleines Mädchen, neun oder zehn Jahre alt mag das auffallend blasse Kind im weißen Kleid sein. Und sie hat eine Bitte: «<ich brauche sieben verschiedene Blumen, die ich in der Mittsommernacht unter mein Kopfkissen legen kann. Wollen Sie mir suchen helfen?»


Nein, will Anton nicht – und kraxelt weiter durch den Wald. Es ist ein merkwürdiges Gelände, auf dem er sich bewegt: mit rätselhaften Markierungen und Schildern, die vor Bären warnen oder einer lebensgefährlichen Stromleitung. Als er schließlich im Haus eines alten Ehepaars landet, glaubt er, das Abenteuer halbwegs glücklich bewältigt zu haben. Welcher Irrtum! Gunnar und Greta machen ihm klar, dass er sich in einem magischen (aber sehr realen!) Land befindet, wo es von Fabelwesen nur so wimmelt: in Tiveden, der Heimat des Waldvolks. Als Anton von dem Mädchen auf der Lichtung erzählt, werden die beiden Alten ganz still.


«Das Kind ist eine Fee, die jedes Jahr in der Mittsommerzeit durch den Wald streift», erklärt Greta. «Wenn man ihr hilft, die Blumen zu pflücken, geschieht einem nichts. Aber wenn man ihr nicht hilft, wird man mit einem Todesfluch belegt und immer wieder von Unglück heimgesucht, bis man es nicht mehr aushält und sich schließlich das Leben nimmt. Nach dem Tod bleibt die Seele des Unglücklichen für immer und ewig in einer Perle an der Haarspange des Mädchens eingeschlossen.»

Holla, die Waldfee!


Natürlich glaubt Anton kein Wort von dem, was die beiden ihm erzählen. Von nun an geht in seinem Leben alles schief, was nur schiefgehen kann. Kaum ist sein Auto repariert, stürzt es in den Kanal und versinkt. Dinge gehen kaputt, Auftritte werden abgesagt. Sein Agent Pontus, der jedes Telefonat mit dem üblen Spruch «Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich» beginnt, kündigt ihm die Zusammenarbeit auf: Vorbei, vorbei – andere Pläne, mehr Kohle, vielversprechende andere Talente – Kicki Hjort etwa, die immerhin Nahtoderfahrung und irgendwas mit Engeln im Angebot hat; da kann Anton nicht mithalten.


Will er von dem Todesfluch befreit werden, muss Anton sich einem reinigenden Ritual unterziehen. Dann – und nur dann! – werde die Königin des Waldes, genannt «das Miststück», ihn retten. Vielleicht – sicher ist das auch nicht. Um die schreckliche Weissagung zu bannen, muss er  die merkwürdigsten Prüfungen und Mutproben bestehen: Sieben Blumen für die Waldfee! Trauerschmuck für Ingrod! Liebesglück für den Wiedergänger & die Straßenläuferin! Duell mit dem Tränentriefer!


«Wann hatte ich angefangen, mich selbst zu belügen? Wann hatte ich mich einsam und neiderfüllt in meine eigenen Gedanken zurückgezogen … Das alles musste jetzt ein Ende haben.»  Nach und nach begreift Anton die Logik des Reinigungsrituals: Nur wenn er ein besserer Mensch wird, wenn er seinen Mitmenschen  freundlicher, zugewandter, fürsorglicher begegnet, gibt es eine Chance, dem Todesfluch zu entgehen und heil aus dieser Geschichte herauszukommen. 


Vielleicht wird er sogar das finden, wonach er sich im Stillen immer schon gesehnt hat: das Glück der Liebe. Dass sich am Ende noch das Rätsel um das rote Chesterfieldsofa auf wahrhaft wunderbare Weise klärt, darauf hätte man dreihundert Seiten zuvor keine zehn Cent gewettet! Aber, das lernen wir in diesem hinreißenden Roman von Lars Vasa Johansson: Es gibt sie, diese «irren Glückszufälle»!

Top