29.01.2016   von rowohlt

«Ich denke deutsch, träume arabisch und esse japanisch»

Ägyptischer Politikwissenschaftler trifft deutschen Unterhaltungsautor – ein Schlagabtausch zur Lage der Nation

© FinePic, München
© FinePic, München

Was bedeutet die Flüchtlingskrise für unsere Gesellschaft? Wieso ist die deutsche Mentalität so schwer zu fassen? Gibt es eine Grenze der Meinungsfreiheit? Darf man mit der AfD und Pegida-Leuten überhaupt reden? Wie könnte eine gelungene Integration von Migranten aussehen? Und wie sehr darf und muss sich der Staat in religiöse Fragen einmischen? Hamed Abdel-Samad und Hans Rath blicken in ihrem Buch «Ein Araber und ein Deutscher müssen reden» aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf die aktuelle Situation und diskutieren mit Schärfe und Witz all die Themen, die die Menschen hierzulande bewegen. Eines ist dabei klar: Es gibt keine einfachen Antworten.

«Eigentlich eine Schnapsidee …»


Könnte man meinen, wenn «bei allem Verständnis und aller Wertschätzung füreinander sehr verschiedene Menschen in sehr verschiedenen Lebenssituationen mit sehr verschiedenen Weltanschauungen» beschließen, ein gemeinsames Buch über die Flüchtlingskrise zu schreiben. Nein, es ist definitiv keine Schnapsidee. Ihr Buch ist eine dichte, mit wichtigen Argumenten gespickte Auseinandersetzung über ein komplexes gesellschaftliches Problem, für das es keine einfachen Antworten gibt. Migrant trifft Bio-Deutschen – die Kombattanten im Kurzporträt:


Der Araber: Hamed Abdel-Samad. Geboren 1972 in der Nähe von Kairo. Nach seinem Studium (Englisch, Französisch, Japanisch, Politik) arbeitete er für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad, Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz und Autor zahlreicher Bücher, zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.


Der Deutsche: Hans Rath. Geboren 1965 in Straelen am Niederrhein. Nach dem Studium (Philosophie, Germanistik, Psychologie) zog er mit seiner Familie von Köln nach Berlin, wo er u.a. als Drehbuchautor arbeitet. Er ist Autor zweier erfolgreicher Buchserien: der Romantrilogie um den Mittvierziger Paul Schuberth und der Und-Gott-sprach-Trilogie.


Springen wir kurz hinein in den arabisch-deutschen Disput, ins Pingpong der Meinungen, Argumente und Scherze.

«Es geht nicht nur um Syrien, es brennt ja überall»


Hans Rath: Lieber Hamed, unser Buchprojekt macht nicht die geringsten Fortschritte. Kein Wunder, wenn ein Araber im Team ist. (…) Gibt es überhaupt arabische Tugenden?
Hamed Abdel-Samad: Lieber Hans, diese Denkweise ist mal wieder typisch deutsch. Selbstverständlich gibt es arabische Tugenden: Gastfreundschaft, Bescheidenheit, Lebensfreude und Humor. (…) Wenn du Tugenden wie Gesetzestreue, Disziplin, Pünktlichkeit und Tapferkeit meinst, mit denen Ihr zwei Weltkriege angezettelt und beide verloren habt, dann haben wir in der Tat nicht viel davon.


Hans Rath: Mein Bester, kann Deinen und den Salbader von Böckenförde (Bundesverfassungsrichter a.D. Ernst Wolfgang Böckenförde, d. Red.) erst morgen beantworten. Habe für heute von meiner Frau Arbeitsverbot bekommen, weil Familientag.
Hamed Abdel-Samad: Lieber Hans, glaubst Du, dass ich keine Familie habe? Wir Araber haben die Familie praktisch erfunden, trotzdem arbeiten wir jeden Tag, zumindest ein paar Minuten, auch am Freitag. Gib zu, Du hast einfach Angst vor Deiner Frau! Und mit dieser Angst kommen wir nicht weiter, mein Freund. (…) Familientag! Dass ich nicht lache! Genieße Deinen verdammten Sonntag!
Hans Rath: Liebe beleidigte Halal-Leberwurst, ich kann Dir versichern, dass die Angst vor der eigenen Frau auf der Top-Liste der deutschen Ängste relativ weit unten steht.

«Heimat ist für mich kein Ort mehr, sondern ein Zustand»


Hamed Abdel-Samad: Die Angst vor dem Rückfall in die Diktatur und die Angst vor Überfremdung und Abstieg hemmen die offene, demokratische Diskussionskultur, die ich für die Basis einer funktionierenden Demokratie halte. Hier ist man gleich naiver Sozialromantiker, wenn man den Flüchtlingen am Bahnhof Kaffee kauft. Dort ist man gleich ein Nazi, wenn man die deutsche Fahne trägt oder in Anbetracht des Zustroms von Flüchtlingen Angst vor Überfremdung und sozialer Spannung hat.
Hans Rath: Mein aufbrausender arabischer Freund, ich habe nicht 80 Millionen Deutsche als pathologisch krank bezeichnet, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass wir die Neigung haben, selbst bei unseren Ängsten deutsche Gründlichkeit an den Tag zu legen.


Hamed Abdel-Samad: Ich kam vor 20 Jahren aus Ägypten als Student nach Deutschland. Im gleichen Jahr ist ein ägyptischer Freund in die USA ausgewandert. Fünf Jahre später war mein Freund schon Amerikaner und hisste die amerikanische Flagge auf seinem Balkon in Boston. Nach fünf Jahren in Deutschland saß ich mit ausländischen Studenten zusammen und schimpfte über Deutschland, die Ausländerbehörde und die Mensa der Universität.
Hans Rath: Die deutsche Identität ist in der Tat so fraktal wie von Dir beschrieben. Und ich als gebürtiger Deutscher bin noch nie auf die Idee gekommen, privat eine deutsche Flagge zu hissen – weshalb ich das selbstverständlich auch nicht von einem Migranten erwarte. Ich habe mich aber trotzdem darüber gefreut, in Berlin nach dem WM-Sieg der Deutschen Autokorsos mit fahnenschwenkenden Deutschtürken zu sehen.


Hans Rath: Moment mal, mein Lieber, Du kannst nicht mal eben grundlegende Reformen der deutschen Bürokratie, des deutschen Bildungssystems und der deutschen Sprache fordern und Dich dann einfach mit Verweis auf Zahnschmerzen und den Koran aus dem Staub machen. (…) Also reiß Dich zusammen – typisch deutsche Fähigkeit übrigens –, weil: Ich setze auf Dich!
Hamed Abdel-Samad: Lieber Hans, es war mir klar, dass Du als rechthaberischer Deutscher das letzte Wort haben wollen würdest. Aber den Spaß lasse ich Dir nicht. Merkst Du eigentlich nicht, dass die Worte «zusammen» und «reißen» sich grundsätzlich ausschließen? Eure Sprache ist der beste Beweis, dass ihr euch das Leben ohne Not schwermacht. (…) Mach's gut, mein Lieber! Die schwierigste Zeit steht uns erst bevor.

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