22.12.2017   von rowohlt

«Ich bin schrecklich zugänglich für die Welt»

Dichter und Kunstfigur, Provokateur und Visionär: Julia Encke über den französischen Literatur-Star Michel Houellebecq

© Louis Monier/Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo
© Louis Monier/Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo

Michel Houellebecq ist nicht nur einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart, er ist vor allem eines, und das mit großer Lust: ein Provokateur und Tabubrecher, der regelmäßig Debatten auslöst, die weit über das Literarische hinausgehen. Mal nennt er den Islam die «bescheuertste Religion der Welt», dann preist er die Prostitution als eheerhaltende und gesellschaftsrettende Institution – und man kann sich nicht sicher sein, ob er das wirklich so meint. Julia Encke, Literaturchefin der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», ist ihm immer wieder begegnet. In ihrer brillanten Studie «Wer ist Michel Houellebecq?» macht sich daran, das Leben und Werk dieses facettenreichen Dichters zu entschlüsseln, der mit seinen Romanen «Elementarteilchen», «Plattform» und «Unterwerfung» wütende Anfeindungen wie begeisterte Zustimmung erntete. 

«Ein meisterhaftes Buch» (Welt am Sonntag)


Julia Encke lernte Michel Houellebecq im Frühjahr2007 kennen. In Benidorm, dem berühmt-berüchtigten südspanischen Ferienort, wo er seinen Roman «Die Möglichkeit einer Insel» verfilmte. Eine schönere Touristenhölle lässt sich nicht denken als Ambiente einer Geschichte, in der eine Würstchenknappheit am All-inclusive-Büfett eine blutige Ferienclubrevolte auslöst. 


«Dieses Widerspiel von Anziehung und dem gleichzeitigen Bedürfnis, Distanz zu wahren, hat mein Verhältnis zu Michel Houellebecq und seinem Werk von dem Moment an geprägt, als ich 1999 ‹Ausweitung der Kampfzone› las und in den Jahren darauf jeden seiner neu erschienenen Romane. Tatsächlich gibt es für mich keinen Schriftsteller der Gegenwart, der einen mit seinen Zukunftsvisionen, die von der Gegenwart erzählen, so sehr herausfordert. Keinen, der die sozioökonomischen Machtkämpfe der zeitgenössischen Gesellschaft so unerbittlich und präzise beschreibt. Keinen, der die Literatur als Feld der Uneindeutigkeit so sehr ausreizt und uns auf brüchigem Boden zurücklässt. Und das alles mit dieser bewusst herausgearbeiteten Abwesenheit von Stil, diesem Nicht-Stil der Sprache, der natürlich selbst ein Stilphänomen ist.»


Das komplizierte, von gegenseitiger Abneigung geprägte Verhältnis zu seiner Mutter Janine Ceccaldi. Der Kampf um die Deutungshoheit seiner eigenen Familiengeschichte in der Auseinandersetzung mit der unautorisierten Houellebecq-Biografie des Le-Point-Journalisten Demonpion. Die ersten beruflichen Projekte des Landwirtschaftsingenieurs Houellebecq. «Ausweitung der Kampfzone» und «Elementarteilchen», die Romane, die ihn berühmt machten (und die Basis für seinen Ruf als «reaktionär, frauenverachtend, homophob und islamophob» legten). Houellebecqs Wut auf den großmäuligen Linksintellektualismus, speziell auf den Mythos '68 («das womöglich erfolgreichste Projekt der Geschichte», Julia Encke). Sexuelle Befreiung als Triumph des freien Marktes bei der Zerstörung des Paares und der Familie. Die Debatte um selektive Reproduktion, hierzulande geführt im wild-polemischen Schlagabtausch anlässlich von Peter Sloterdijks «Regeln für den Menschenpark»-Rede. 9/11 und das Attentat auf Charlie Hebdo. Und schließlich die bis an die Zähne bewaffnete Auseinandersetzung um Houellebecqs Roman «Unterwerfung», in dem die Möglichkeit eines islamisierten Frankreich aufscheint … 


All diesen Fragen und Themen geht Julia Encke in ihrem klugen, spannend zu lesenden biografischen Text zu Michel Houellebecq nach. Im Nachwort ihres Buches präsentiert sie einige Ergebnisse ihrer Spurensuche:

Vom Erzählen von der Gegenwart über den Umweg der Zukunft


«Ist Michel Houellebecq der Prophet, als den ihn manche bezeichnet haben? Gibt es in seinem Werk ‹etwas Orakelhaftes, dem man nicht ausweichen kann› – wie Houellebecqs Kollegin Yasmina Reza das genannt hat? Was diese Illusion erzeugt habe, so seine eigene Antwort auf diese Frage, sei, dass es manchmal seltsame Koinzidenzen zwischen dem Erscheinen seiner Bücher und anderen ‹weitaus dramatischeren Ereignissen› gegeben habe. 


‹Elementarteilchen› handelte von Eugenik, Stammzellenforschung und Präimplantationsdiagnostik, als diese Begriffe noch nicht täglich in der Zeitung standen. «Plattform» endete mit einem terroristischen Anschlag auf eine Ferienanlage in Thailand, als dessen Drahtzieher sich islamische Fundamentalisten herausstellten, die den Ort als Stätte des Sextourismus auslöschen wollten. Die Attentate vom 11. September 2001, kurz nach dem Erscheinen von ‹Plattform›, dann ein Angriff auf Bali-Urlauber im Jahr 2002 schienen zu bestätigen, hier habe man es mit einem vorausblickenden Schriftsteller zu tun. Dazu kam, dass Houellebecq der New York Times ein Interview über ‹Plattform› gegeben hatte (ein Gespräch, in dem der Journalist fand, er übertreibe die islamistische Gefahr) und dass dieses Interview in der «New York Times» vom 11. September 2001 zu lesen war. ‹Unterwerfung› wiederum erschien am Tag der ‹Charlie Hebdo›-Anschläge. ‹Es scheint, dass Gott (oder das Schicksal oder eine andere grausame Gottheit) sich damit amüsiert, unter Benutzung meiner Bücher tragische Koinzidenzen zu erzeugen›, so Michel Houellebecq.


Was genau aber hat er in «Unterwerfung» prophezeit, das eingetreten ist? Die Machtergreifung eines moderaten Islam, dem sich ein Europa, das seinen Werten abgeschworen hat, unterwerfen würde, sicher nicht. Sie ist das Unwahrscheinlichste am ganzen Roman. Da waren die bürgerkriegsartigen Unruhen, die die Bewegung der Identitären anzettelt, schon realistischer, genauso wie die Attacken der jungen Dschihadisten auf Wahllokale. Ein dschihadistisches Attentat aber kommt im Roman nicht vor. Michel Houellebecq hatte die Katastrophe, die das Attentat auf ‹Charlie Hebdo› auch für ihn persönlich bedeutete, weder vorhergesehen, noch hatte er es schreibend provoziert. Das waren alles Projektionen.

Als Realist in der Tradition von Balzac und Flaubert


Aber er hat, wie schon in einigen seiner vorigen Romane, über den Umweg der Zukunft von der Gegenwart erzählt. Er hat in «Elementarteilchen» mit der Gentech-Zukunft eine Erzählsituation geschaffen, die es ihm erlaubte, auf die Figuren der Gegenwart zu blicken; einen Rahmen, in dem die Bedingungen des Lebens innerhalb eines globalisierten Marktes mit ein bisschen Abstand gezeigt werden konnten. In ‹Die Möglichkeit einer Insel› ließ er den Neo-Menschen teilnahmslos auf seine Vorfahren blicken, sie wie Tiere im Zoo bestaunen: Was war da eigentlich los? In «Unterwerfung» dann hat er die Vision eines islamisierten Frankreichs heraufbeschworen, in der eine gemäßigte islamische Partei an die Macht kommt – mit Unterstützung der bürgerlichen Parteien und einer französischen Elite, die widerstandslos kollaboriert. Und weil seine Analysen etwas trafen, weil sie in der Zuspitzung und Übertreibung eine Wahrheit erkennen ließen, meinte man während und nach der Lektüre, in der Wirklichkeit Spuren der Fiktion zu finden.


Das ist der Effekt des Prophetischen, den Michel Houellebecq erzeugt: Wer seine Bücher gelesen hat, findet in der Wirklichkeit, die ihn umgibt, das, was sie erzählen. Das Buch, denkt man also, war zuerst da – und dann erst die Realität. Dabei vergisst man, dass Houellebecq der Wirklichkeit alles abtrotzt, was er in seine Bücher hineinschreibt. Als Realist sieht er sich in der Tradition der Romane von Honoré de Balzac oder Gustave Flaubert, die im neunzehnten Jahrhundert begriffen, dass die Gesellschaft etwas ist, das sich transformiert, und die sich das Ziel setzten, sie so zu beschreiben, wie sie sich unter den eigenen Augen verändert; mit den neuen Ökonomien, dem Kapitalismus, der Macht der Bank, der Presse. (…)


Mit seinem immer modernen und gerne lapidaren Ton teilt Houellebecq diese Archaik nicht, das Düstere hingegen schon. Nur wird es bei Houellebecq nie ganz finster. Es bleibt die romantische Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, die, wo sie abwesend, also nicht zu haben ist, in ihrer fernen Möglichkeit gefeiert wird: ‹Es gibt in der Mitte der Zeit / Die Möglichkeit einer Insel›. Anders als Eggers oder Sorokin hat Michel Houellebecq an Provokationen von Beginn an alles ausgereizt, was ging. Das betrifft nicht nur die Grenzüberschreitungen, die in seinen Romanen zu finden sind, sondern vor allem auch seine Auftritte als öffentliche Figur, die mehr und mehr zur Performance geworden sind, zum Auftritt der Kunstfigur Houellebecq. In diesen Selbstinszenierungen spielte sein Körper im Lauf der Jahre eine immer größere Rolle; zunehmend legte er Wert darauf, zu jenen zu gehören, die nicht in den üblichen Rahmen passen. 

«Mit Michel weiß man nie…»


Als Antityp der Medienwirksamkeit trieb er seine Medienwirksamkeit auf die Spitze. Und er kultivierte seine Unberechenbarkeit, übernahm in Interviews die Ansichten, manchmal auch die Sprachgewohnheiten seiner Romanfiguren, guckte dabei zu, wie sich alle empörten, nur um seine Aussagen später zu widerrufen. ‹Sind Sie ein Provokateur?›, hat ihn der Moderator einer französischen Talkshow einmal gefragt. ‹Ja, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich langweile›, antwortete er, ‹aber mit Ihnen langweile ich mich nicht.›


‹Avec Michel›, hatte (die Literaturwissenschaftlerin, d.R.) Agathe Novak-Lechevalier bemerkt, bevor wir auf die Bühne gingen, «on ne sait jamais», ‹mit Michel weiß man nie›. Wenn er auf irgendetwas Wert legt, dann auf diese Unberechenbarkeit.»

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