14.10.2016   von rowohlt

Hunter is back!

Über die Body Farm in Tennessee, Joe Cocker, Träume und das Schreiben – Das große Interview mit Simon Beckett

© Rowohlt Verlag
© Rowohlt Verlag

Sein fünfter Fall führt den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex. Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten … «Totenfang» ist die lang erwartete Fortsetzung von Simon Becketts David-Hunter-Serie – ein packender Thriller, der als Weltpremiere zuerst in deutscher Sprache erscheint.

Das Interview


Für «Totenfang», den fünften Teil der David-Hunter-Reihe, haben Sie sich lange Zeit gelassen. Aber im Leben Ihres Helden hat sich ja auch einiges getan. Verraten Sie, was?
Seit den traumatischen Ereignissen im Dartmoor, die in «Verwesung» erzählt wurden, bekommt David Hunter kaum noch Aufträge als forensischer Anthropologe. Er war an keiner Mordermittlung mehr beteiligt und beginnt zu glauben, dieses Kapitel seiner Karriere sei abgeschlossen. Natürlich ist er darüber alles andere als glücklich, denn für ihn ist diese Tätigkeit nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Hinzu kommt, dass auch seine Stelle an der Fakultät für Forensik an der Universität in Gefahr zu sein scheint. Er befindet sich also in einer Krisensituation, er weiß, dass sich sein Leben verändert, ob er will oder nicht. Und dann klingelt das Telefon, und überraschend ergibt sich die Chance auf einen neuen Auftrag …


Die kleine Hebriden-Insel Runa, die Apalachen, Dartmoor und jetzt, in «Totenfang», die gottverlassenen Salzmarschen an Englands Südostküste: Sie scheinen, zumindest literarisch, ein Faible für abgeschiedene, einsame Orte und Landschaften zu haben. 
Ja, das stimmt. Ich reise gern an abgelegene Orte und schreibe auch gern darüber. Es ist mir wichtig, für jedes meiner Bücher den perfekten Schauplatz zu finden. Ich finde es faszinierend, dass bestimmte Landschaften seit wer weiß wie langer Zeit existieren und – vorausgesetzt, wir zerstören sie nicht-, noch da sein werden, wenn wir es längst nicht mehr sind. Für einen Schriftsteller sind solche Gegenden ein Geschenk, sie haben eine ganz besondere Atmosphäre. Und sie zeigen, wie schnell die Natur sich gegen uns wenden kann, was wiederum hilfreich ist, wenn es darum geht, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen oder die Gemütsverfassung einer Figur widerzuspiegeln. Als ich mit der Reihe um David Hunter begonnen habe, hatte ich gar nicht vor, die Bücher an derart entlegenen Orten spielen zu lassen, aber mit der Zeit scheinen diese Settings charakteristisch für die Reihe geworden zu sein. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich das in Zukunft nicht ändern kann … 


Womit wir gleich bei der nächsten Frage wären: Gab es je ein Setting in Ihrem Kopf, das Dr. Hunter beruflich in eine Großstadt verschlagen hätte, sagen wir: nach London, Manchester oder Birmingham? 
Ich habe darüber nachgedacht, ja. Wenn ich jedem Roman einen ähnlichen Schauplatz gäbe, würde es irgendwann langweilig werden, und das will ich natürlich vermeiden. Andererseits würde ich ein Buch nicht allein um der Abwechslung willen in einer Großstadt spielen lassen. Es müsste schon einen guten Grund dafür geben und zur Geschichte passen. Und da Hunter in London lebt und einige meiner Kurzgeschichten über ihn dort spielen, wäre es auch kein komplettes Neuland. Seine Arbeit als forensischer Anthropologe kann Hunter überall dorthin führen, wo eine Leiche gefunden wird, es wäre also durchaus plausibel, ihn irgendwann in einem urbaneren Umfeld ermitteln zu lassen.

Knochenarbeit – oder: Was man auf einer Body Farm lernt


Vieles in Ihren Thrillern verdankt sich auch Ihrer Erfahrung in der Body Farm der University of Tennessee in Knoxville, dem größten forensischen Labor der Welt. Wie ist es Ihnen gelungen, dorthin zu gelangen?
2002 habe ich keine Romane geschrieben, sondern ausschließlich als freischaffender Journalist gearbeitet; zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, meine Karriere als Schriftsteller sei beendet. Da hörte ich von dieser merkwürdigen Forschungseinrichtung, in der Verwesungsprozesse anhand menschlicher Leichen untersucht werden, und ich dachte, das wäre ein interessantes Thema für einen Zeitschriftenartikel.
Mittlerweile gibt es in den Vereinigten Staaten viele dieser Body Farms, aber die Anthropology Research Facility in Knoxville, Tennessee, war die erste. Ich hatte also den Auftrag, dorthin zu reisen, um über ein hochgradig realistisches Ausbildungsprogramm für amerikanische Polizisten zu berichten. Mit gespendeten Leichen wurden Tatorte nachgestellt, und die Polizisten sollten so arbeiten, als befänden sie sich tatsächlich am Schauplatz eines Verbrechens. Um die Ermittlungen im Fall eines Serienkillers nachzustellen, mussten die Beamten zum Beispiel Leichen freilegen, die seit sechs Monaten unter der Erde lagen.
In der Rolle des stillen Beobachters habe ich mich ganz wohl gefühlt, aber am letzten Tag schlug einer der Forensiker vor, dass auch ich mir« die Hände schmutzig machen» sollte. Und da stand ich dann in einem Schutzoverall und half der Polizei dabei, eine Leiche zu bergen, die in einem Waldstück vergaben worden war. Es war eine harte, aber einzigartige Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Vor allem, weil einige der forensischen Experten, die ich dort kennenlernen durfte, mir später als Berater für meine Hunter-Romane zur Seite standen.


Spazieren manchmal Furcht erregende Wesen wie das «Monster Monk» oder andere nachts durch Ihre Träume – oder gelingt es Ihnen stets, in professioneller Distanz zu Ihren Figuren und deren Verbrechen zu bleiben?
Nein, einen solchen Effekt haben meine Figuren Gott sei Dank nicht auf mich. Sonst könnte ich nicht die Art von Büchern schreiben, die ich schreibe. Wenn ich an einem Thriller arbeite, treibt mich eher um, wie ich Probleme im Handlungsablauf löse und sicherstelle, dass die Geschichte funktioniert. Wenn es also etwas gibt, das mir schlaflose Nächte bereitet, dann das, und nicht die Figuren.


So faszinierend die Figur des Dr. David Hunter auch ist: Sie werden sicher einen Schwung anderer Buchideen im Kopf (oder auf dem Papier) haben: Figuren, Themen,  Plots. Wie gehen Sie damit um? Können Sie parallel an verschiedenen Stoffen arbeiten?
Im Moment habe ich tatsächlich gleich mehrere Ideen für neue Bücher im Kopf, aber das war nicht immer der Fall. Wenn ich einen Einfall für ein Buch habe, denke ich für gewöhnlich zuerst eine Weile nach und spreche mit meiner Frau darüber. Wenn ich merke, dass ich nicht aufhören kann, an die Figuren und an bestimmte Szenen zu denken, dann beginne ich, mir Notizen zu machen und die Geschichte zu entwickeln.
Allerdings versuche ich gerade, meine Herangehensweise an das Schreiben zu ändern. Als Schriftsteller kenne ich die klassische Angst vor der leeren Seite, und in der Vergangenheit habe ich versucht, die wesentlichen Elemente einer Geschichte im Vorfeld so gut es ging zu skizzieren. Aber bei «Totenfang» war das anders. Ich habe viel Zeit damit verbracht, alle Details niederzuschreiben, um genau im Blick zu haben, wie die Geschichte sich entwickelt, aber als das nicht funktionierte, wurde mir klar, dass ich einen anderen Weg ausprobieren musste. Am Ende habe ich einfach aufgehört, mir Gedanken zu machen. Ich habe nicht mehr als ein paar Kapitel im Voraus geplant und darauf vertraut, dass die Geschichte eine Eigendynamik entwickelt. Und von da an hat die Story wie von selbst Gestalt angenommen, und das Schreiben ging mir sehr viel leichter von der Hand.

Was hat Sheffield, was London nicht hat?


Für Snooker-Fans ist Sheffield die Stadt der Städte (Weltmeisterschaft im Crucible Theatre), und Musikfans wissen, dass Joe Cocker, Pulp, Arctic Monkeys und diverse andere Größen aus Sheffield. Was lieben Sie an Sheffield?
Wie jede andere Stadt hat auch Sheffield seine Schattenseiten. Aber es ist meine Heimatstadt, und mir gefällt, dass es sich eher anfühlt, als würde man in einem Dorf leben statt in einer Großstadt. Es ist eine selbstbewusste Stadt, die nicht versucht, wie Manchester oder Birmingham zu sein. Ich mag auch, dass es hier sehr hügelig und grün ist, was die Leute häufig überrascht, weil die meisten ein industrielles Ödland erwarten. Und es gibt spektakuläre Landstriche in der Nähe, von Moorlandschaften bis zu dicht bewaldeten Schluchten.
Und die Musik ist auch nicht schlecht.


Wäre es als Autor, dessen Romane sich über 7 Mio. Mal weltweit verkauft haben, nicht effizienter, in  London zu leben und zu arbeiten?
Als ich mit dem Schreiben begann, wurde mir diese Frage oft gestellt, besonders als ich anfing, als Journalist zu arbeiten. Aber ehrlich gesagt habe ich es nie für nötig gehalten. Ich habe Freunde in London und fahre gern dorthin, von Sheffield sind es mit dem Zug nur zwei Stunden; aber ich würde nicht dort leben wollen. Als Journalist spielte mein Wohnort nie eine Rolle,  weil ich für meine Artikel ohnehin durch das ganze Land gereist bin.
Wenn man einige Londoner reden hört, hat man fast den Eindruck, Yorkshire und der Norden würden auf einem anderen Planet liegen. Aber auch jenseits der Hauptstadt gibt es Leben!


In «Kalte Asche» sagt Dr. Hunter diesen Satz: «Genau das ist meine Aufgabe – den Toten ihre Geschichte zu entlocken». Kaum jemand schreibt so quälend genau über den Prozess des Sterbens und Vergehens wie Sie. Verändert diese literarische Thematik auch Ihr eigenes Verhältnis zum Tod?
Ich würde sagen, nein. Mein Besuch auf der Body Farm hat mich mit einem Aspekt des Lebens konfrontiert, mit dem ich mich vorher nicht auseinandergesetzt hatte, und das war ziemlich hart und unappetitlich. Aber der Verwesungsprozess, den ich in meinen Büchern beschreibe, ist etwas Natürliches und Unausweichliches. Eher hat meine Haltung zum Tod mein Schreiben beeinflusst als umgekehrt. Hunters Staunen über die Diskrepanz zwischen den menschlichen Überresten, die er untersucht, und der Persönlichkeit, die diesen Menschen zu Lebzeiten ausgemacht hat, ist etwas, das auch mich beschäftigt. Dieser Gedanke brachte mich damals auf die Idee für «Die Chemie des Todes», und das Thema fasziniert mich nach wie vor. 


Was alle Beckett- und Hunter-Fans vermutlich am meisten interessiert: Werden wir Dr. David Hunter wiedersehen, in einem sechsten Roman der Reihe? Oder ist Hunter «auserzählt»?
Ich glaube, es gibt noch viel über David Hunter zu erzählen. Also: ja, ich habe vor, noch weitere Bücher über ihn zu schreiben.

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