06.11.2018   von rowohlt

Letzte Ausfahrt Torfstede

«Wenn du keine Angst hast, ist es keine Liebe …»: Horst Evers' herrlich schräger Roman über das Erwachsenwerden zwischen Stadt und Land

Das Leben des 17-jährigen Marco verändert sich schlagartig, als er eines Nachts beobachtet, wie ein Ledertyp kopfüber aus dem Fenster des Landbordells Village Rouge fliegt. Kurz darauf stürmt eine junge Frau aus dem Haus, und noch ehe Marco die ganze Situation in Ruhe mit seinen Hormonen ausdiskutieren kann, verspricht er ihr seine Hilfe. Die beiden beschließen, alles verschwinden zu lassen: den 7er BMW, den toten Rocker und den blutüberströmten Stein, auf dem er aufgeschlagen ist. Als Marcos beste Freundin Mareike Wind von der Sache bekommt und sich den beiden anschließt, beginnt eine rasante Tour durch die Provinz … Roadmovie, Krimiposse und (fast eine) Liebesgeschichte: «Es hätte so schön sein können» ist ein Fest für alle Horst-Evers-Fans!

«Was für eine dumme Sau!»


«Verdammt, verdammt, verdammt.
Was für ein Idiot. Bitte sei nicht auch noch tot! Du blöde Sau! Verdammt, verdammt, verdammt!» Mit diesen Worten tritt eine junge Frau, Jana, auf das Urviech von Kerl ein, das mausetot auf dem Parkplatz vor dem Bordell liegt. Weil sich Marco exakt in dieser schicksalsschweren Stunde vor dem bestens frequentierten Etablissement der Puffmutter Maja in der Hühnerhofstraße herumtreibt, wird er zum einzigen Zeugen des tödlichen Fenstersturzes. Was einen ganzen Rattenschwanz gefährlicher Verwicklungen nach sich zieht, wie der Junge bald merkt.


Der tote Rocker hörte auf den Kampfnamen Tonne. Weshalb es Tonne im freien Flug aus dem dritten Stock ins Freie zog (und was das Mädchen Jana in Majas Etablissement zu suchen hatte), kann an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Vielleicht nur so viel: Ein Mord liegt hier nicht vor, im klassischen Sinne aber auch kein Selbstmord. «Tod durch Irrtum quasi», so könnte man das vielleicht ausdrücken.


Marco ist überzeugt, dass Jana eine Prostituierte ist – was sonst hat sie dort zu suchen? Andererseits: Sieht so eine Dirne, ein Freudenmädchen aus, so cool, so lässig, sportlich, so normal? Jana hat derweil ganz andere Sorgen. Für sie ist zweierlei klar. Erstens: Keine Polizei! Zweitens: Tonne muss weg! Weg heißt: sofort weg, und zwar in dem 7er BMW, mit dem Tonne zum Lindenhof gekommen ist (so nennt die Landbevölkerung den Erosklub in der Hühnerhofstraße, weil es dort lange einen alteingesessenen Gasthof gleichen Namens gab).


Zwischen Marco und Jana, die den Edelschlitten nicht fahren kann oder will, entspinnt sich folgender Dialog (einer von vielen hinreißend verrückten Dialogen bei Evers):
«Kannst du Auto fahren?»
«Ich bin siebzehn.»
«Das habe ich nicht gefragt.»
«Ich kann Trecker fahren. Und Moped. Und vielleicht auch ein bisschen Auto.»
«Ein bisschen?»
«Wir sind hier auf dem Land. Hier kann jedes Kind ein bisschen Auto fahren. Also zumindest genug, um das Auto der betrunkenen Eltern von der Dorfgaststätte zurück auf den Hof zu manövrieren.»
So ist das auf dem Land. Ein bisschen von allem kann jeder.

Stop making sense!


Als Mareike, Marcos beste Freundin,
aufkreuzt und darauf besteht, beim Loswerden der Leiche mitzuhelfen, sind die Desperados zu dritt. Wenn schon auf dem Land mal was los ist, sollte man nicht zögern. Findet Mareike. Und Marco geht es nicht anders, er fiebert vor Angstlust. Wegen des toten Typen im Kofferraum. Und wegen Jana und Mareike, die er beide hinreißend findet: schön, cool, mit Herz. «Ich schaute den beiden Frauen beim Schönsein zu. Denn das konnten sie total gut. Fand ich (…) In mir tobte es. Ich fühlte mich gut. Gerade weil ich so große Angst hatte. Denn ohne es genau zu verstehen, hatte ich doch das Gefühl: Dies war eine Angst, wie ich sie mir schon immer gewünscht hatte.»


Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht dieser Klotz von Lederrocker im Kofferraum, der allein aus olfaktorischen Gründen rasch einer Erdbestattung zugeführt werden musste. Was Mareike, Jana und Marco brauchen, ist ein Plan. Ohne Plan droht die Katastrophe. Oder Schlimmeres. Und das ist der Plan: Auf nach Wolfenbüttel! Dort, in einem Waldgebiet unweit der Gang-Zentrale, soll die Leiche aus dem Village Rouge fachgerecht entsorgt werden, mittels Schaufel, Klappspaten, Seil, Folie, Klebeband und anderer Heimwerker-Utensilien, die sich das Trio in einem Baumarkt besorgt hat.


Der komödiantische Clou des Romans ist die Figur, die sich Sense nennt, Rocker Nr. 2: wilde Haare, wallender Bart, ein Tier von Mensch. Apropos Name – kleine Abschweifung erlaubt? Dass Horst Evers mit bürgerlichem Namen Gerd Winter heißt, leugnet niemand, er am allerwenigsten. Die Münchner Abendzeitung stellte ihm kürzlich die Frage, wie er zu seinem «mittlerweile ziemlich übel konnotierten Vornamen» Horst stehe. Die Antwort: «Das ist eine Entwicklung, die ich nicht abgesehen habe. Als ich mich für diesen Namen entschied, war das noch nicht so ein Schimpfwort. Ich hatte zuletzt ein Erlebnis mit dem Naturschutzbund Berlin, einem meiner Werbepartner. Die setzen sich für mehr Horste in der Stadt ein – und ich dachte mir: ‹Nein, es gibt schon zu viele!›» Aber zurück zu Sense …


Sense, genannt «der Bart», ist auf eine schon penibel zu nennende Art sprachbewusst und grammatikfest. Elegante Konjunktive, exakte Partizipien, fein eingestreute Fremdwörter: der Mann hat's drauf. Sense korrigiert sein Gegenüber durchaus mit Stil, etwa so: «Dürfte ich Sie höflich darum bitten, keinen Satz mit weil anzufangen? Das mag unsere Sprache nicht.» Er hat aber auch schon Leute wegen des falschen Gebrauchs von Konjunktiv zwei verdroschen. Derselbe oder der gleiche, Dativ oder Genitiv, Modalverb oder Vollverb – ein Grammatikfehler kann für den Verursacher im schlimmsten Fall übel enden.


Seine Belehrungen garniert Sense gern mit philosophischen Sentenzen, speziell Nietzsches Zarathustra steht hoch im Kurs. Bei aller rhetorischen Kultiviertheit: ein Menschenfreund ist der elaborierte Rocker wirklich nicht, da sind seine Prinzipien vor: «Erstens, ich lüge … Lügen halte ich für die höchste Form der Sprachkunst, ihr Banausen. Zweitens, ich foltere oder töte nur, wenn ich einen guten Grund dafür habe. Drittens, ein guter Grund könnte beispielsweise sein, dass mir einfach danach ist.»

«Wir haben nichts falsch gemacht. Nur Pech gehabt …»


Horst Evers spendiert uns jede Menge Spaß beim Lesen, an jeder zweiten Ecke lauert eine Überraschung (für eine ziemlich heftige sorgen etwa Marcos Mutter und sein Mathelehrer, Herr Schröder; aber das nur am Rande) «Es hätte so schön sein können» ist durchaus eine Art Kriminalgeschichte: Es gibt immerhin zwei Tote (und vermutlich noch ein paar weitere, die unter kleinen Hügeln am Rande eines Bauernhofs jenseits von Nienburg verscharrt sein könnten). Dafür aber gibt es keine Ermittler, keine Polizei, im Prinzip noch nicht einmal ein ernsthaftes Verbrechen. auf dem Land ist halt alles ein bisschen anders!


Was auf dem platten Land nicht alles so rumliegt oder -steht! Dörki etwa, ein Schnorrer mit gehobenen bürgerlichen Ansprüchen, der Süßkram aller Art strikt ablehnt, weil es – Stichwort: ökologischer Fußabdruck – ganz sicher mit Palmöl hergestellt wurde, pfui. Rituale, die ihre besten Jahre längst hinter sich haben. Werkzeuge, deren Namen kein Schulkind heute mehr lernt. Oder Old-school-Gerätschaften wie ein alter Kükenschredder, der, obwohl auf dem Hof von Eier-Grode längst ausrangiert, technisch immer noch bestens funktioniert …


Das Landleben wird nicht romantisiert – dafür kennt es Evers, im niedersächsischen Diepholz geboren, zu gut. Auf dem Land lauern Gefahren, die der gemeine Städter so nicht kennt. Wer in Hamburg, Köln oder Berlin droht schon beim Pinkeln von seinem eigenen Trecker überrollt oder urplötzlich von Wildschwein, Wolf und Bär gejagt zu werden? Die Tiere bei Evers sind übrigens alles andere als erzählerischer Dekor. Speziell eine um das Wohl ihrer Frischlinge fürchtende Bache wird ganz am Ende im dramatischen Kampf Gut gegen Böse eine im Wortsinn befreiende Rolle …


Wie heißt es im Text so schön wie universell richtig: «Es gibt wahrlich viele Spielarten des Glücks …»

Es hätte alles so schön sein können

Es hätte alles so schön sein können

Das Leben des siebzehnjährigen Marco verändert sich schlagartig, als er nächtens zufällig beobachtet, wie ein riesiger, in Leder gekleideter Mann kopfüber aus dem Fenster des unweit seines Heimatdorfes gelegenen Landbordells fliegt. Kurz darauf stürmt eine junge Frau aus dem Haus, und noch ehe Marco die ganze Situation mal in Ruhe mit seinen ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 272
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0050-2
06.11.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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