19.08.2016   von rowohlt

Kommissar Vincent Veih und der «NSU»

NSU, Verfassungsschutz, Pegida ... Horst Eckert im Interview über seinen Politthriller «Wolfsspinne»

© Kathie Wewer
© Kathie Wewer

Eisenach, 2011: Zwei Männer liegen tot in ihrem Wohnmobil. Sie waren Teil eines rechtsextremistischen Terror-Trios, das Deutschland Jahre lang unerkannt in Angst und Schrecken versetzt hat. Aber was passierte wirklich? Ein Mann hat den «Nationalistischen Untergrund» für den Verfassungsschutz beobachtet. Er kennt die Wahrheit. Doch er muss schweigen. Jahre später ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im Mordfall der Promiwirtin Melli Franck. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Aber als weitere Morde geschehen, stößt Vincent auf eine Fährte, die in die Vergangenheit weist: zur «Aktion Wolfsspinne», die eng mit dem «NSU» verknüpft ist …

Das Interview

Worum geht es in Ihrem neuen Politthriller «Wolfsspinne»? 
Was mit dem Mord an einer prominenten Düsseldorfer Wirtin beginnt, führt Kriminalkommissar Vincent Veih auf Umwegen in die Neonazi-Szene. Er stößt auf ein militantes Netzwerk, das Anschläge verübt und von einer rechten Revolution träumt. Parallel erzähle ich, wie es 2011 mit dem «Nationalsozialistischen Untergrund» zu Ende ging – die beiden Uwes haben nicht Selbstmord begangen, so viel darf ich verraten.
Sie widersprechen also der offiziellen Version. 
Wie könnte ich das Ergebnis der Bundesanwaltschaft ohne Zweifel annehmen, wenn sich überall Widersprüche auftun, Spuren nicht weiterverfolgt wurden, Zeugen nicht reden durften oder unter seltsamen Umständen starben?
Der Verfassungsschutz kommt in Ihrem Roman nicht gut weg. Wie beurteilen Sie die Rolle der Sicherheitsbehörden?
2011 wurde klar, dass die sogenannten Dönermorde in Wirklichkeit von den Neonazis Böhnhardt und Mundlos begangen worden waren. Daraufhin forderte das Bundeskriminalamt vom Verfassungsschutz die Akten aller Spitzel aus ihrem Umfeld an. Und was geschah? Die Akten wurden nicht ausgehändigt, sondern vernichtet. Für mich war das keine Panne, sondern das Vertuschen der eigenen Schuld. Auch davon handelt «Wolfsspinne».
Wo hören in «Wolfsspinne» die Fakten auf, wo beginnt die Fiktion?
Ich halte mich zunächst eng an die Fakten, die wir aus dem NSU-Prozess und den Untersuchungsausschüssen kennen, und ziehe daraus meine Schlüsse. Dabei bediene ich mich meiner Phantasie, denn ich bin Schriftsteller, kein Ermittler. Vor allen Dingen geht es mir als Autor darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, die die Leser unterhält und mitreißt. Und mich interessieren die menschlichen Aspekte: Was ging in dem Mann vor, der Böhnhardt und Mundlos erschoss? Warum hat er Beate Zschäpe verschont? Was macht er heute, wie denkt er über das aktuelle Geschehen?
Warum haben Sie sich für das Thema «NSU» als Romanstoff entschieden?
Als vor fünf Jahren das Wohnmobil mit den Leichen der mutmaßlichen Terroristen entdeckt wurde, wusste ich: Darüber musst du schreiben. Was waren das für Menschen? Wie konnten sie dreizehn Jahre lang unentdeckt morden? Und spätestens als dann Ende 2014 Pegida mit völkischen Parolen durch deutsche Städte marschierte wurde mir klar, dass ich mich an die Arbeit machen musste. Es gibt derzeit in Deutschland keinen Stoff von größerer Relevanz.

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