13.09.2018   von rowohlt

Altern ist Lebenskunst

Das Beste kommt erst noch! Über die zweite Lebenshälfte – ein Buch mit Gleitsicht, Weitsicht und Augenzwinkern

In der Mitte des Lebens kann einem schon mal die Puste ausgehen. Alles stresst gleichzeitig: Beruf, Kinder, Eltern und die ersten körperlichen Macken, die nicht mehr weggehen. Geht es gefühlt ab 40 nur noch bergab? Nein, sagen Deutschlands bekanntester Arzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen und Prof. Dr. med. Tobias Esch, Experte für die Neurobiologie des Glücks. Im Gegenteil. Die Zufriedenheit nimmt für die meisten Menschen in der zweiten Lebenshälfte zu. In einem inspirierenden Dialog gehen Hirschhausen und Esch auf die Suche nach dem Glück, das durch Erfahrung, Weisheit und Reife wächst. Sie finden persönliche Vorbilder, diskutieren über wissenschaftliche Forschung und knüpfen an eigene Erfahrungen an. Und so gelingt den beiden Glücksexperten das kleine Wunder: Man bekommt beim Lesen richtig Lust aufs Älterwerden! Weil immer gilt: Freut euch nicht zu spät!

Worauf wir uns mitten im Leben freuen können

Es ist erfrischend, diesen vergleichsweise jungen Männern – zusammen sind sie entspannte 99 Jahre alt! – bei der Erkundung eines Themas zu folgen, das wir am liebsten so lange ignorieren, bis eine Bemerkung fällt wie: Mann, du bist aber auch ganz schön alt geworden! Faszinierend, mit wie viel Neugier und Empathie, Tiefe und Ernsthaftigkeit, Witz und Wendigkeit die beiden Freunde mit dem Thema Alter(n) umgehen. Wenn es eine Blaupause für ein Buch gibt, das uns Ängste nimmt und Herz und Verstand öffnet für das, was an Lebenszeit noch vor uns liegt – dann dieses.


Für ihr gemeinsames Buch haben Esch und Hirschhausen die perfekte Form gewählt: den Dialog, das konzentrierte Gespräch. «Die bessere Hälfte» enthält zehn Kapitel, mit sprechenden Titeln wie Gleitsicht und Weitsicht, Von der U-Kurve zum ABC der Lebenslust oder Die Stille hinter der Stille. Dabei wird die Zeit, wenn wir alt sind, keineswegs in rosarote Nebel der Glückseligkeit gehüllt; mit Schönfärberei kann man sich hier nur blamieren. Natürlich gibt es Einsamkeit und Armut, Unfälle und unheilbare Krankheiten – Schicksalsschläge, die Menschen komplett aus der Lebensbahn werfen können. Aber all das muss nicht das Ende sein. Wer dieses Buch liest, erfährt viel Ermutigendes. Über das Loslassen und Zulassen, über Humor und inneren Frieden, Placebos und innere Radarfallen, Waldbaden und Meditation. Und – dass das ärztliche Verschreiben von Tanzen und Tischtennis vielen definitiv mehr helfen würde als immer noch mehr Medikamente.


Die Dialogform des Buches bietet einen unschätzbaren Vorteil: Selbst die gewichtigsten Themen kommen mit einer Leichtfüßigkeit und einem Charme daher, die die Kernaussage der Autoren so glaubhaft rüberkommen lässt: Altern ist Lebenskunst. Hier ein paar Ausschnitte, die Lust auf dieses Buch machen sollen. Die Passagen in Kursiv stammen von Tobias Esch, die geraden von Eckart von Hirschhausen:

«Die meisten Menschen sind mit 70 zufriedener als mit 17 …»

Tobias, ich habe jetzt eine Brille, und ich muss mich wirklich daran gewöhnen.


Immerhin trägst du sie.


Muss ich, sonst kann ich das Kleingedruckte in deinen Studien nicht mehr lesen. Ich dachte immer, ich hätte Luchsaugen, und plötzlich hat der Typ im Brillenladen mir was von einer «Entspannungsbrille» erzählt. Es war schon ein bisschen lustig, wie er auf Teufel komm raus versuchte, das Wort «Gleitsichtbrille» zu vermeiden. Wahrscheinlich dachte er, Gleitsicht klingt nach Kapitulation vor dem Alter. Das war ein guter Verkäufer, der hätte wahrscheinlich auch Kühlschränke an Eskimos verkauft – schon vor der globalen Erwärmung. Aber meine Frage an dich, alte Brillenschlange: Ist die Brille mein Schuss vor den Bug, bedeutet sie, ab jetzt geht es bergab?


Erst mal: Willkommen im Club! Mit meinem Optiker habe ich genau die gegenteilige Erfahrung gemacht. (…) Was macht das mit einem persönlich, aber auch mit der Gesellschaft an sich, wenn wir eingebläut bekommen, dass man ab 40 nur noch auf die Rente hin lebt, alles für den Abgang vorbereiten muss? Kein Kredit, kein großes Projekt, weil sich das Anfangen nicht mehr lohnt oder man den Abschluss vielleicht nicht mehr selbst erlebt. Da gehe ich ja innerlich schon am Stock aus dem Brillenladen wieder raus.


Dieses Bild überlagert all die guten Jahre. Tatsächlich aber sind wir heute in der Lage, sehr viel länger und gesünder zu leben als jede Generation vor uns. Wir bleiben so lange jung wie nie zuvor, und dieser Trend ist ungebrochen. (…)
Der Gesundheitszustand eines heutigen 65-Jährigen entspricht in etwa dem eines 55-Jährigen von vor 20 Jahren! So betrachtet ist das Rentenalter nicht auf 63 gesunken, sondern auf biologische 55 Jahre! Das ist doch eine tolle Botschaft! Aber in Deutschland reden wir mit düsterer Miene vom «demographischen Wandel», vom «Methusalem-Komplott», von der «Überalterung der Gesellschaft». Aber die Tatsache, dass wir älter werden, ist doch nicht per se furchtbar. Was wäre denn die Alternative? Früher sterben? Das will ja auch keiner.

«Salopp gesagt: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit»

Ich bin heute zufriedener, wenn ich das Gefühl habe, die Aufmerksamkeit für wesentliche Themen genutzt zu haben, und die Leute trotzdem noch lachen. Und ich mache auch gerne zwischendrin immer wieder Quatsch, Musik oder Improvisation. Aber die schönsten Momente sind für mich inzwischen nicht mehr die lauten, sondern die leisen. Wenn ich merke, dass 2000 Leute mit einem Mal still werden und sich von etwas berühren lassen, dann entstehen in diesem Moment so etwas wie Flow und innerer Frieden.


Komik lebt ja auch immer von der Rhythmik zwischen Spannung und Entspannung.


Kant sagte das sehr treffend: Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.


Das ist ja fast Zen-buddhistisch! Alles und nichts und du mittendrin. Ich verwende in diesem Kontext gerne das Bild von Yin und Yang, dieses berühmte Kreissymbol mit einer weißen und einer schwarzen Seite, einer organisch gebogenen Linie zwischen den beiden und einem Klecks Schwarz im Weißen und umgekehrt. Es gibt ein Glück der Jugend, und es gibt die leisere Zufriedenheit in späteren Lebensphasen. Natürlich brauchen wir den Glauben daran, dass das eine in dem anderen bereits enthalten ist. Dass prinzipiell zu jeder Zeit in der Unruhe, im Wachsen, im Werden, im Welterobern auch Momente des inneren Friedens gelingen können. Eine besondere Magie entsteht, wenn die verschiedenen Aspekte des Glücks an einem Ort zusammenkommen, wenn alle «Glücksbedürfnisse» fast zeitgleich gestillt werden – von der Vorfreude über die Anspannung bis zur Zufriedenheit. Das ist das «Glück der Fülle», und man muss nicht 65 werden, um es zu kennen.

«Für eine aufsteigende Glückskurve gibt es keine Garantie»

Ich habe in meinem Büro einen Spruch hängen, über den ich immer wieder lachen kann: «Der Hamster hält sein Hamsterrad für eine Karriereleiter.» Der dreht ständig am Rad, buchstäblich, und kapiert nicht, dass er damit nicht vorankommt. Er muss aussteigen, sonst fällt er irgendwann tot um. Und macht dann wahrscheinlich eine Viertelumdrehung. Weißt du, welches Tier sich nach dem Tod noch um 360 Grad dreht?


Nee, keine Ahnung …


Das Hähnchen!


Bei deinen schlechten Witzen drehen sich wahrscheinlich noch ganz andere im Grab um. Aber du hast ja recht, dass wir bei anderen eher die Vergeblichkeit ihrer ewigen Anstrengungen erkennen als bei uns selbst. Loslassen zu lernen ist schwer.


Es ist ja auch genau das Gegenteil von dem, worauf wir getrimmt sind. Immer schneller, immer höher, immer weiter …


Für den aufsteigenden Teil der U-Kurve muss ich bereit sein, nicht mehr alles selbst in die Hand nehmen zu wollen, immer der aktive und bestimmende Part zu sein. Die Grundübung unseres Lebensweges ist, vom Aufbruch über das Aufbauen und Bewahren auch den Weg in das Loslassen und in das Sich-mit-den-Dingen-Arrangieren zu finden – am besten verwoben mit anderen Menschen, mit meinem Netzwerk, das mich trägt.


Das klingt schöner als Hamsterrad und Ellenbogen.

Alter schützt vor Weisheit nicht

Psychologen glauben ja, dass Natur eine «weiche Faszination» ausübt, weil es uns guttut, vertraute Dinge zu sehen, die sich sanft verändern, wie die Blätter im Wald oder die Wellen am Meer. Natur finden wir spannend und entspannend zugleich, weil sie unsere Wahrnehmung nie überfordert: In ihr gibt es keine ständig wechselnden Reize wie auf dem Bildschirm, nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. In Japan schicken Ärzte ihre Patienten zum «Shinrin Yoku». Das «Waldbaden» ist dort anerkannt als Therapie gegen Stress und Burnout. Bei uns verordnet kein Arzt einen Waldspaziergang, obwohl es für viele Leute sicher die richtige Medizin wäre.


Es ist die tägliche Summe vieler kleiner Entspannungsmomente und Bewegungen, die uns gesund hält. Nicht 50 Wochen durcharbeiten, dann in Urlaub fahren und sich mit dem Partner über die maximal optimierte Erholung streiten. Das geht auf Dauer schief.


Dieses Stoische, diese Souveränität, die der Baum besitzt, wenn er einfach nur da steht, die spüren wir so gerne. Und hoffen, dass sie sich beim Spazieren auf uns überträgt, ein bisschen auf uns abfärbt. Alter ist die Zeit, in der wir Zeit haben.


Ein frommer Wunsch, ein Gegengift zu all dem Manipulieren, zum Beschleunigen und Abbremsen, was wir sonst so draufhaben und womit wir uns ständig unserer eigenen Herrschaft über die Zeit berauben. Das ist auch etwas, was die Natur uns lehrt: Gerade ältere Menschen kommen mit den Jahren offensichtlich wieder eher in diese Zeitsouveränität zurück, sie nähern sich wieder mehr einem Baum an. Die Kreise werden kleiner, die Zeit wird wieder in den Raum, in den eigenen «Umkreis» zurückgeholt. Mit dem Vorteil – auch wenn der Baum kommt und geht, der Winter kommt und geht und Zyklus für Zyklus nur ein weiterer Ring dazukommt – , dass Wachstum trotzdem möglich ist. Es ist nicht einfach eine ständige Wiederholung des Gleichen, sondern es ist immer ein kleines bisschen anders, es ist immer ein Wandel in der Zeit und nicht außerhalb der Zeit.

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