24.08.2018   von rowohlt

«Er ist das Teemännchen und hat weiter nichts vor»

«Spaß und Depression derart authentisch und gekonnt miteinander zu verbinden ist eine große Kunst. Heinz Strunk beherrscht sie meisterhaft.» (Die Welt)

© Dennis Dirksen
© Dennis Dirksen

Lebensüberdruss, Einsamkeit, Sexualnot, ruinierte Körper, Alkohol, Übergewicht: gescheiterte Existenzen, Antihelden allesamt. Heinz Strunks neues Buch «Das Teemännchen» enthält lange, kurze und sehr kurze Geschichten – immer pointiert, aber oft nicht komisch, manchmal absonderlich, traumlogisch, düster, grotesk. Zum Beispiel die Geschichte von dem DDR-Bürger, der durch politische Verfolgung so gebrochen wird, dass er in seinem thüringischen Dorf die Wende als perfides Zersetzungsmanöver des SED-Regimes missversteht, seine graue Zonenwohnung nie mehr verlässt – und am Ende verhungert. Oder die Episode von dem Mann, der in schwindelerregender Höhe am kreisenden Rotorblatt einer Offshore-Windkraftanlage hängt, rettungslos verloren. «Und hat schon wieder vergessen, warum er hier hängt …»


Playboy: «Nur Heinz Strunk kann ein so skurriles Sammelsurium von Figuren glaubhaft porträtieren. Und nur er hat diese lakonische, geradezu dokumentarische Erzählstimme.»
Spiegel Online: «Grandiose Erzählungen! Was Strunk in ‹Das Teemännchen› meisterhaft gelingt, sind kleine, flatterhaft locker geschriebene Vermessungen der Tiefebenen unserer Gesellschaft. (...) Ohne dezidiert politisch sein zu wollen, sind Strunks Geschichten mit sozialem Sprengstoff angereichert. Er dokumentiert das Brodeln im Untergrund, die angestaute Wut und Desillusionierung der ‹schweigenden Mehrheit›.»
Rolling Stone: «Strunk gibt den Stimmlosen eine Stimme, fischt in Jargons, übt sich in raffiniertem Sprachwitz und kreiert einen ganz eigenen Sound für das Prekariat und die Unterprivilegierten.»
Hamburger Abendblatt: «Das erzählerische Strunk-Prinzip, das das Leben als ewiges Jammertal zeigt und trübe Lebenswelten in Humor badet … ‹Das Teemännchen› ist Strunks bislang schwärzestes Werk.»
Nürnberger Zeitung: «Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann.»

Bunker der verlorenen Seelen


Bekanntermaßen zählt Heinz Strunk nicht zu jener Spezies Mensch, die zu wilden Heiterkeitsausbrüchen neigt. Als Grundhaltung pflegt er eher eine «generelle Zerknirschtheit», wie er in einem Interview mit der Zeitschrift Galore vor einigen Jahren ausführte: «Die meisten Humoristen, die ich schätze, sehen Humor als eine Möglichkeit, um mit den Widrigkeiten und dem Schmerz des Daseins umgehen zu können. Daher sind wir von unserer Disposition her eher Trauerklöße. Ob das nun meine Kollegen Rocko Schamoni und Jacques Palminger von Studio Braun sind, Loriot oder die Kollegen von der Frankfurter Schule: alles privat keine Spaßmaschinen.»


Es ist keine schöne, heile Welt, der wir in diesen fünfzig Prosaminiaturen begegnen. Und erst recht keine schönen, heilgebliebenen Menschen. Es sind Enttäuschte, Verzweifelte, von Langeweile, Überdruss oder Hass Zerfressene. Wie jene Urlauber (in «Der Strand der Versehrten»), die an einem extrem heißen Julitag an einem Strand auf Usedom vor sich hindämmern, «eine wirklich erstaunliche Ansammlung von Haltungsschäden, Deformationen, sichtbaren Rheuma-, Gicht- und Diabetes-Folgen, missglückten Knie- und Hüft-OPs. (…) Die Kranken sind ganz aufgewühlt vom Hass auf die Gesunden. Wenn doch nur eine Bombe explodierte oder ein irrer Attentäter käme, sie niederzumähen, oder der weiße Hai persönlich aufkreuzen würde.»


Eine andere Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die es kurz nach ihrer Scheidung aus Geldnot ins «Borstelgrilleck» verschlägt. Weshalb nicht hier arbeiten, denkt Anja, es ist ja nur für kurze Zeit. Und dann gehen Jahre ins Land, ein Leben zerbricht: «Den lieben langen Tag Pommesmief, Schaschlikmief, Wurstmief, Frikadellenmief, das ohrenbetäubend laute Gezischel des siedenden Fetts, die Luft gesättigt mit Sorbinsäure, Benzoesäure, Milchsäure, Geschmacksverstärkern, Natriumnitrit, Farb-, Antioxidations- und Konservierungsmitteln, das Frittierfett, das die Poren verstopft, die Nachstellungen des Chefs, die anzüglichen Sprüche der Kunden, die ungünstigen Arbeitszeiten, die Kälte in den immer schwerer werdenden Beinen, das tiefgefrorene Grillzeug, das sie allein aus dem Keller wuchten muss, ihr fehlen Sonne, Luft, Natur, Land und Leute. Der Laden oder sie, so viel ist bald klar, darauf läuft es hinaus.» Anfangs war die schöne Anja im Borstel eine Sensation, eine Sexbombe, image- und umsatzsteigernd, die Männer zerrissen sich das Maul, vor Avancen konnte sie sich kaum retten. Am Ende, Jahre sind vergangen, vegetiert sie im Keller des Borstelgrillecks: zu kaputt, zu alt, zu hässlich geworden, um sie oben der Kundschaft zuzumuten.

Axl Rose rockt mit AC/DC die Hansestadt – und stürzt in Rosi's Bar ab


Im «Teemännchen» gibt es
aber auch ganz andere Geschichten. Versponnene, rätselhafte, spöttische, abgedrehte – 100 Prozent Freestyle. Wussten sie, dass die drei größten Männer der Welt (232 bis 251 cm groß) sich freuen können, dass es in Deutschland einen Übergrößenschuhmacher gibt, der sich in seiner Handwerkskunst auf riesenhafte Wesen wie sie kapriziert hat? Kommentar von RTL-Anchorman Peter Kloeppel: «Schön, dass es was für die gibt.»


Und war Ihnen eigentlich klar, dass Guns 'n Roses-Legende Axl Rose einmal höchstpersönlich auf dem Kiez bei Rosi eingefallen ist – in Begleitung von drei Bodyguards zwar, aber immerhin? Und das kam so: Nach dem Abgang von Brian Johnson als AC/DC-Frontmann war der nach einem Fußbruch arg ramponierte Axl Rose in die AC/DC-Rampensau-Rolle geschlüpft, und das – ein Gruß an Axls orthopädisches Team! – wahrlich nicht schlecht. Nach dem Hamburger Konzert am 27. Mai 2016 kreuzte Axl gegen Mitternacht am Hamburger Berg in Rosi's Bar, 100 Meter Luftlinie von der Davidwache, auf. Wie es ihm (und den anderen Rosi-Besuchern) in den alkoholseligen Stunden danach erging, das erzählt Heinz Strunk in der ziemlich schrägen Episode «Ein Weltstar».


Das Leben, ein horizontaler Absturz. Und es stimmt ja: Die Hoffnung auf einen Ausweg aus der Misere stirbt zuletzt. Das klingt immer wieder zwischen den Zeilen an, in Sätzen wie diesen: «Sie fahren und fahren und fahren, und durch ein Loch im Universum sickert jetzt die Dunkelheit wie flüssiger Teer.» – «Der große, stille, blaue, leere Himmel, denkt er, wie schön der manchmal ist.» – «Die nächste Welt wird kalt sein, so kalt wie die Räume zwischen den Sternen …»

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